Der BDI und seine Präsidenten, 1949 – 2016

Die Ehrentafel der ehemaligen BDI-Präsidenten (v.l.n.r.): Fritz Berg, Hans-Günther Sohl, Hanns Martin Schleyer, Nikolaus Fasolt, Rolf Rodenstock, Hans Joachim Langmann, Tyll Necker, Heinrich Weiss, Hans-Olaf Henkel, Michael Rogowski, Jürgen R. Thumann, Hans-Peter Keitel, Ulrich Grillo. © BDI

Am 19. Oktober 1949 bildeten Vertreter von 32 Wirtschaftsverbänden und Arbeitsgemeinschaften im Hotel Excelsior in Köln den „Ausschuss für Wirtschaftsfragen der industriellen Verbände“. Beim anschließenden Empfangsabend waren neben dem Präsidenten des ersten Deutschen Bundestages, Erich Köhler, vier Bundesminister zugegen: Vizekanzler Franz Blücher, Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, Arbeitsminister Anton Storch und Verkehrsminister Hans-Christoph Seebohm.

Für seine Geschäftsstelle mietete der Ausschuss in Köln Büros bis 1953 in der Kaiser-Wilhelm-Straße 2-4, dann bis Anfang 1971 im Habsburger Ring 2-12 und hatte schließlich von März 1971 bis zum Umzug nach Berlin im November 1999 seine prominente Adresse im neu gebauten „Haus der deutschen Industrie“ am Oberländer Ufer 84-88, seit 1981 Gustav-Heinemann-Ufer. Mit der für den Herbst 1949 geplanten Gründung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) hatten auch die Alliierten die Notwendigkeit einer Spitzenvertretung der Unternehmer in der im Mai 1949 gegründeten Bundesrepublik Deutschland anerkannt. Gleichwohl berücksichtigte der Name die Bedenken der Alliierten gegen einen permanenten industriellen Spitzenverband. Für die aus Unternehmersicht wichtigen sozialen und sozialpolitischen Fragen gründete sich ebenfalls im Herbst die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Arbeitgeberverbände. Für die Dachorganisation der Deutschen Industrie erfolgte im Januar 1950 die Umbenennung in „Bundesverband der Deutschen Industrie“.

Zum ersten BDI-Präsidenten wählten die Gründungsmitglieder den mittelständischen Unternehmer, Fritz Berg (19.10.1949 – 31.12.1971). Dieser hatte sich bereits 1945 auf regionaler Ebene in Rheinland und Westfalen bei der Neuorganisation der Wirtschaft sowie seit 1946 als Vorsitzender des Wirtschaftsverbandes Eisen-, Blech- und Metallwaren einen Namen gemacht. Als BDI-Präsident prägte Berg in seiner mehr als zwei Dekaden umfassenden Amtszeit entscheidend die organisatorische Entwicklung und den wirtschaftspolitischen Einfluss des BDI. Die Ära Berg (1949-1971) akzentuierte drei große Themen: 1. die Positionierung des BDI im öffentlichen wirtschaftlichen Diskurs, 2. der Auf- und Ausbau der deutschen Verbandslandschaft und international die Integration der westdeutschen Wirtschaft in den europäischen Wirtschaftsraum sowie 3. die transatlantische Partnerschaft, v.a. mit den USA. Der Marshallplan war hierfür der erste Anknüpfungspunkt.

Berg gehört auch zu den Gründern des 1949 geschaffenen Rates der Europäischen Industrieverbände (REI), zu dem er als Vertreter der deutschen Industrie gewählt wurde.

Nachfolger Fritz Bergs wurde der Vorstandsvorsitzende der August-Thyssen-Hütte AG, Hans-Günther Sohl (1. 1.1972 – 31.12.1976). In den ersten Jahren der sozialliberalen Koalition geriet die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie durch die Ölkrise stark unter Druck. Die Arbeitslosenzahl stieg stark an und lag 1975 bis 1977 über der Millionengrenze – viermal höher als 1972. In dieser Zeit kritisierte Sohl die überproportional steigenden Löhne, die in den Unternehmen zu einem Rückgang der Investitionen führten. Der als Nachfolger Sohls vom Präsidium für die Amtszeit 1977/1978 vorgeschlagene Kurt Hansen, Vorsitzender des Aufsichtsrates der Bayer AG und BDI-Vizepräsident, verzichtete zu Gunsten einer angestrebten Doppelpräsidentschaft zwischen BDI und BDA auf dieses Amt.

Hanns Martin Schleyer hatte als Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände zugleich auch das Amt des Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (1.1.1977 – 18.10.1977) übernommen. Er war Vorstandsmitglied im Daimler-Benz-Konzern, seit Anfang 1974 BDA-Präsident und ist bis heute einziger Präsident im Doppelamt. Nur wenige Monate nach seinem Amtsantritt im BDI wurde er am 5. September 1977 von Mitgliedern der RAF entführt und am 18. Oktober 1977 ermordet.

Die außerordentliche Mitgliederversammlung übertrug Nikolaus Fasolt, Geschäftsführender Gesellschafter der Wessel-Werk GmbH, für die restliche Amtszeit die Präsidentschaft (6.3.1978 – 18.8.1978). Wegen Steuerhinterziehung und Parteispendenfinanzierung trat er bereits am 18. August 1978 zurück.

Der im September zum BDI-Präsidenten gewählte Rolf Rodenstock (25.9.1978 – 31.12.1984) sorgte mit seiner schließlich sechsjährigen Amtszeit für Kontinuität im Spitzenamt, während der designierte BDI-Präsident, Eberhard von Brauchitsch, aufgrund der Parteispendenaffäre das Amt 1983 nicht antrat. Unter Rodenstocks Führung mahnte der BDI eine angebotsorientierte Wettbewerbspolitik an. Im Unternehmen des Vaters, den Optischen Werken G. Rodenstock, war er seit 1953 persönlich haftender Gesellschafter und bereits an der Gründung des BDI beteiligt.

Zum Nachfolger wählte die BDI-Mitgliederversammlung Hans Joachim Langmann (1.1.1985 – 31.12.1986), Vorsitzender der Geschäftsführung der E.Merck OHG. Seine zentralen Themen waren die Verminderung der Steuerlast für die Unternehmen und die Vereinfachung des deutschen Steuerwesens. Er betonte die Interessenidentität zwischen kleinen und großen Industrieunternehmen.

Auf Langmann folgte Tyll Necker (1.1.1987 – 31.12.1990). Er leitete den BDI als die Mauer fiel und Deutschland sich wiedervereinigte. Er engagierte sich persönlich dafür, dass die Marktwirtschaft in den neuen Bundesländern populär wurde. Er gilt als einer der Väter der Standortdebatte, nachdem er zur Eröffnung der Hannover-Messe 1988 an Politiker, Unternehmer und Gewerkschafter für den Standort Deutschland appellierte. Zudem sprach er sich dafür aus, den Umweltschutz zur „Chefsache“ zu machen und sie in die Unternehmenspolitik zu integrieren.

Heinrich Weiss, Vorstandsvorsitzender der SMS Schloemann-Siemag AG, war gleichfalls keine vollständige Amtsperiode BDI-Präsident (1.1.1991 – 29.8.1992). Er trat vorzeitig zurück.

In der daraufhin erneut von Necker bekleideten Präsidentschaft (bis 31.12.1994) ging es ihm für die deutsche Wirtschaftspolitik um eine drastische Senkung der Verschuldung, eine allgemeinere Verringerung der Steuerlast für Unternehmen sowie eine verbesserte Forschungsförderung.

Tyll Neckers Nachfolger, der IBM-Manager Hans-Olaf Henkel (1.1.1995 – 31.12.2000), ließ in einem neuartigen „Perspektivkonzept für ein attraktives Deutschland“ die Vorschläge des BDI zu wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Themen bündeln. Dem Strukturwandel in der Wirtschaft wurde auch im BDI Rechnung getragen: Verbände, die die Interessen industrienaher Dienstleister vertreten, wurden zu BDI-Mitgliedern. Inhaltlich wichtiges Thema waren die Chancen des Wettbewerbs. Mit Henkel zog im November der BDI 1999 zusammen mit der BDA und dem DIHK nach Berlin-Mitte in das in der Nähe des Regierungsviertels neu errichtete Haus der Deutschen Wirtschaft in der Breiten Straße 29.

Zu Beginn des neuen Jahrtausends übernahm Michael Rogowski, ehemaliger VDMA-Präsident, die nächsten Amtsperioden (1.1.2000 – 31.12.2004). Zentrales Thema seiner BDI-Präsidentschaft war Freiheit. Im BDI-Gesamtreformkonzept für ein „attraktives Deutschland“, 2004, wurde dies als Grundvoraussetzung für eine funktionierende Marktwirtschaft betont.

Unter Jürgen R. Thumann (1.1.2005 – 31.12.2008), der bis 2005 Präsident des Mitgliedsverbandes WSM war, gewann das in den 1970er Jahren abgebrochene Bemühen um eine Fusion von BDI und BDA wieder an Bedeutung. Es wurden mit der BDA gemeinsame Abteilungsleitersitzungen, Präsidialsitzungen und Sitzungen der Geschäftsführersitzungen der Mitgliedsverbände abgehalten. Das Konzept erwies sich auf der nationalen Ebene jedoch erneut als nicht tragbar. Wichtigste Themen aus der Ära Thumann waren Erbschaftssteuerreform, Klimapolitik u.a. mit der Initiative „Wirtschaft für Klimaschutz“, sowie transatlantische Wirtschaftsintegration. Auf Initiative des BDI und der Bundesregierung kam es zur Gründung des „Transatlantic Economic Council“ (TEC), dessen europäischer Sprecher Thumann wurde.

Der promovierte Bauingenieur, frühere Vorstandsvorsitzende der Hochtief AG und ehemaliger Präsident des Hauptverbandes der Bauindustrie, Hans Peter Keitel, war vom 1.1.2009 bis 31.12.2012 BDI-Präsident. Als Manager krisenerprobt, übernahm er das Präsidentenamt als die weltweite Finanzkrise in der Realwirtschaft angekommen war. Der Finanzkrise folgte die Verschuldungskrise. Nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima im Frühjahr 2011 und dem Regierungsbeschluss über den Ausstieg aus der Kernkraft unterstützte auch der BDI die Energiewende. Keitel betonte jedoch, dass der Komplettumbau des Energiesystems einzigartige und abgestimmte Investitionen erfordere. Weitere Themen unter Keitels Präsidentschaft waren Rohstoffversorgung, Frauenquote für Führungsgremien und Mindestlohn. Die soziale Marktwirtschaft sei eine Wertegemeinschaft, so Keitel.

Während der BDI-Präsidentschaft von Ulrich Grillo, der in den vier Jahren zuvor bereits Präsident der Mitgliedsorganisation WVMetalle war, sah sich die Wirtschaft mit tiefgreifenden politischen Ereignissen konfrontiert – von der Finanz- und Griechenlandkrise bis zur verstärkten Migration in Europa. Angesichts dieser Herausforderungen setzte sich der Familienunternehmer für eine aktive Rolle der Wirtschaft in gesellschaftspolitischen Debatten ein: „Wirtschaft mit Haltung“ war das Credo seiner Präsidentschaft (1.1.2013 – 31.12.2016). Sein Anspruch war es, den Menschen wieder deutlicher zu machen, dass die Industrie das tragende Fundament der Gesellschaft ist und bereit ist, sich dieser Verantwortung zu stellen.