Deutsche Unternehmen werden in China aktiv – ein Praxis-Beispiel

Die Welt wächst immer mehr zusammen. Vor allem mit China verbindet Deutschland dabei ein stärker werdendes Band. Unternehmen beider Länder arbeiten vermehrt zusammen. Chinesische und deutsche Betriebe gehen Joint Ventures ein – mit Erfolg, wie das Beispiel der Firma Heraeus zeigt.

Erst seit 1972 bestehen zwischen der Volksrepublik China und Deutschland wieder diplomatische Beziehungen. Seitdem ist das Handelsvolumen zwischen den beiden Ländern auf über 150 Mrd. Euro im Jahr (2014) angestiegen. Damit ist Deutschland mit Abstand Chinas größter Handelspartner in Europa. Weltweit befinden wir uns sogar auf Rang sechs (ohne Hongkong und Taiwan auf Platz vier). Im Gespräch erklärt Jan Rinnert, Vorsitzender der Geschäftsführung der Firma Hereaus, warum sich ein Joint Venture und damit ein Einstieg in den chinesischen Markt lohnt.

China ist ein wichtiger Markt für Heraeus. Was sind Ihre Erfolgsfaktoren für China?

Heraeus ist seit über 30 Jahren in China aktiv. Wie viele andere Unternehmen auch, sind wir mit einem Vertriebsbüro gestartet und haben unsere im Westen entwickelten und produzierten Produkte nach China importiert.

Heute ist Heraeus mit über 15 Standorten und einem breiten Portfolio in China aktiv. Typischerweise produzieren wir heute in China und beliefern mit diesen Produkten unsere chinesischen Kunden. Das Produktprogramm umfasst unser Edelmetallgeschäft mit Handel, Produktion und Recycling. Aber auch unser Geschäft mit Quarzglas, Sensoren für die Stahl- und Gießereiindustrie, industrielles Lichtgeschäft, Materialien für die Elektronik- und Photovoltaikindustrie und Medizintechnik gehören zum Portfolio. Damit konnten wir vom enormen Wachstum in China in den letzten Jahrzehnten profitieren. Und wir gehen davon aus, dass China auch in der Zukunft überdurchschnittliche Wachstumsmöglichkeiten für uns bieten wird.

Wir setzen dabei auf ein lokales Management. Unsere chinesischen Führungskräfte sind voll integriert in unseren strategischen und operativen Führungsprozess und tragen wesentlich zu unserem Unternehmenserfolg bei. Dabei hilft uns ein laufender Austausch und intensive Zusammenarbeit innerhalb der weltweiten Führungsorganisationen in unseren jeweiligen Geschäften. Wir wollen, dass unser Management die Verhältnisse vor Ort und unsere Kunden kennt und versteht.

Können Sie ein Beispiel geben?

Wir haben schon vor über 20 Jahren die Bedarfe für die Elektronikindustrie in China erkannt und damit eine große Chance für unsere Edelmetallprodukte. Allerdings waren damals wie heute Edelmetallgeschäfte gleich welcher Art in China stark reglementiert.

Ein Joint Venture mit lokaler Produktion war daher die einzige Möglichkeit, in den Markt einzusteigen. Im Laufe der Jahre hat sich unser Joint-Venture in Zhaoyuan/Shandong zum größten Hersteller von edelmetallhaltigen Kontaktierungsmaterialien für die Halbleiterindustrie in China entwickelt. Zum diesjährigen 20-jährigen Jubiläum haben wir sogar ein neues Werk mit verdoppelten Kapazitäten eröffnet.

Während in den Anfangsjahren das Joint Venture weitgehend eigenständig vor Ort agierte und damit erfolgreich gewachsen ist, kommt es heute darauf an, die globalen Veränderungen in der Elektronikindustrie zu bewältigen. Daher ist unser Joint Venture heute eng in die globalen Entwicklungs-, Produktions-, und Vertriebsprozesse unseres globalen Geschäftsbereichs Heraeus Electronics eingebunden.

Nicht alle Joint Ventures sind erfolgreich. Was können Sie anderen empfehlen?

Unsere Erfahrungen sind bis heute ausgezeichnet. Wir haben mit unserem Partner schon zuvor zusammengearbeitet und uns dann erst zur Gründung eines Joint Ventures entschieden.

Diese anfängliche Zusammenarbeit hat uns auch geholfen, Respekt für unsere sehr unterschiedlichen Kulturen zu entwickeln. Heute vertrauen wir uns als Unternehmer und teilen die gleichen Werte und Ziele. Das ist auch der chinesischen Seite sehr wichtig. Unser damaliger Geschäftspartner ist auch heute noch der Geschäftsführer.

Ein lokaler Partner hat darüber hinaus eine wesentlich bessere Marktübersicht und sehr guten Marktzugang. Das hat uns in den vergangenen Jahren geholfen und ist auch heute noch ein großer Vorteil. Daher lief auch der jetzige Neu- und Ausbau unseres Standortes vollkommen reibungslos.

Die chinesische Regierung schreibt in zahlreichen Branchen bei ausländischen Investitionen ein Joint Venture vor. War das auch bei Ihrem Zusammenschluss der Fall?

Um auf dem geschlossenen und stark von der Regierung regulierten Edelmetallmarkt Eintritt zu erhalten, gab es damals keine Alternative. Heute jedoch haben wir 15 Gesellschaften in China. Einige sind Joint Ventures, bei denen wir aber über die letzten Jahre unsere Anteile erhöhen konnten. In anderen Geschäftsbereichen haben wir 100% Heraeus Gesellschaften ohne Beteiligung anderer Partner.

Investiert das chinesische Unternehmen auch bei Ihnen in Deutschland Geld in Ihr Unternehmen?

Unser gemeinsamer Fokus war ganz klar der chinesische Markt. Daher gab es kein Bestreben, Aktivitäten nach Deutschland auszubauen.

China stellt sich mit dem „new normal“ auf geringeres Wachstum ein. Würden Sie auch heute noch den Einstieg in den chinesischen Markt empfehlen?

Ich persönlich bin davon überzeugt, dass China in den nächsten Jahrzehnten auch weiterhin dynamisch wachsen wird und sehr gute Chancen für deutsche Unternehmen bietet. Eine Wachstumsrate zwischen 6,5 und 7 Prozent bedeutet schließlich eine Verdoppelung des GDP (Gross Domestic Product bzw. Bruttoinlandsprodukt) in rund zehn Jahren. Darüber hinaus findet dieses Wachstum auf einer ungleich höheren Basis als noch vor zehn Jahren statt.

Wir richten uns außerdem an der langfristigen Entwicklung des Landes aus und analysieren genau, welche Chancen zum Beispiel der nächste Fünf-Jahres-Plan für uns bietet. Das ist sehr vielversprechend. Darüber hinaus gibt es eine Reihe von neueren Initiativen Chinas, z.B. „Made in China 2025“ oder „One Road – One Belt“, die neue Geschäftsmöglichkeiten eröffnen können.

Es wird darauf ankommen, dass wir uns als deutsche Unternehmen auch weiterhin als hervorragender Partner für die chinesische Industrie und die Entwicklung der chinesischen Volkswirtschaft insgesamt auszeichnen können.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Rinnert.