Digitales Europa

Karl-Heinz Streibich, CEO der Software AG, im Video-Interview © BDI

Peter Buxmann, Heinrich Hiesinger und Karl-Heinz Streibich im Gespräch mit Daniel Cronin (v.l.n.r.) auf dem TDI'17 © Christian Kruppa

Industrie 4.0 macht die europäische Wirtschaft fit für die Zukunft. Auf dem TDI'17 fordern Industrievertreter und Wissenschaftler, nicht die Risiken, sondern die Chancen zu sehen.

Die Digitalisierung ist in Wirtschaft und Gesellschaft angekommen. Doch auch zukünftig werden neue Algorithmen und Technologien wie die Künstliche Intelligenz unsere Welt grundlegend verändern, erklärt Peter Buxmann, Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik an der TU Darmstadt, am Tag der Deutschen Industrie 2017 (TDI'17). Obwohl kaum jemand mehr die Auswirkungen der Digitalisierung bestreitet, zeigt eine empirische Studie eine interessante Diskrepanz, so der Wissenschaftler: Während Führungskräfte das Thema für ihr eigenes Unternehmen nur für relativ wichtig hielten, schätzten sie es für andere Unternehmen als sehr wichtig ein. Viele, so die Schlussfolgerung des Digitalisierungsexperten, unterschätzen die Folgen der Digitalisierung für ihr eigenes Unternehmen. „Wir nennen das unrealistischen Optimismus“, so Peter Buxmann auf einer Podiumsdiskussion.

Die Digitalisierung, so viel dürfte klar sein, zieht nicht einfach so an Unternehmen vorbei. Schaut man über den Atlantik, könnte einem schwindelig werden. Dort liefern sich die Giganten der Digitalwirtschaft einen Kampf um die Hoheit im digitalen Raum. Google, Apple, Facebook, Amazon lassen europäische Wettbewerber wie Statisten aussehen. Damit nicht genug, übernehmen sie nun auch das Zepter in immer mehr Bereichen der „analogen“ Ökonomie. Die Internetplattform Amazon, die ihr Geschäftsmodell bereits auf die Logistik ausgedehnt hat, übernahm kürzlich in den USA die Kette „Whole Foods Market“ – und liefert seinen Kunden nun Lebensmittel.

Merkel: Unternehmen sollen groß denken

Warnend verwies Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Rede auf dieses Beispiel. „Wir dürfen nicht zu einer verlängerten Werkbank werden“, forderte die Kanzlerin vor über 1.100 Gästen im Konzerthaus Berlin am Gendarmenmarkt, wo der TDI'17 stattfand. Deshalb sollten deutsche Unternehmen bei Erschaffung neuer Internet-Plattformen „groß denken“. Ihre Aussage spiegelt die Sorgen vieler Europäer, im digitalen Wettbewerb abgehängt zu werden.

Den Counterpart nimmt auf der anschließenden Podiumsdiskussion Heinrich Hiesinger ein, CEO der thyssenkrupp AG. Der aus deutscher Unternehmertradition entstandene Dax-30-Konzern steht für Ingenieurkunst made in Germany und damit exemplarisch für die „Old Economy“ – aber ist es längst nicht mehr. Thyssenkrupp hat seine Geschäftsbereiche Stahl, Aufzüge, Fahrtreppen um viele andere erweitert und sich international aufgestellt.

„Industrie 4.0“, die Digitalisierung der Fertigung, ist vielerorts bereits Teil der Wertschöpfung – etwa bei der Flexibilisierung der Produktion in einem Kaltwalzwerk. „Wir haben unseren Kunden einen Zugang zu unserer Fertigungsplanung eröffnet“, erläutert Hiesinger. „Bis kurz bevor wir den Auftrag im Walzwerk bearbeiten, können Kunden ihre Sequenz noch ändern. Auch die Bestellprozesse wurden über eine App für Mobilgeräte und Nutzung von QR Codes vereinfacht.“ Ein anderes Beispiel: Thyssenkrupp rüstet derzeit 1,2 Millionen Aufzüge mit Sensorik nach, um deren Wartungsintervalle zu optimieren. Mit Hilfe einer Analyse von Temperaturdaten, Geräuschmessungen und anderen Daten seien die Techniker in der Lage, einen möglichen Ausfall des Aufzugs zu prognostizieren.

Die deutsche Industrie besitzt einen großen Vorteil gegenüber der internationalen Konkurrenz: Sie ist extrem komplex. Sie basiert auf einer hoch entwickelten, in Jahrhunderten gewachsenen Ingenieurskunst, einer Kultur von Erfindern und Tüftlern, die eine hohe Innovationsfähigkeit hervorgebracht hat. Sie kann nicht einfach von digitalen Konzernen übernommen werden. Eher wird es wohl andersherum passieren, so wie bei thyssenkrupp: Vorhandene digitale Lösungen werden intelligent in die eigenen Wertschöpfungsketten implementiert. Sorge ist bei Heinrich Hiesinger nicht zu spüren, eher das Gegenteil: Zuversicht.

Die Digitalisierung der Industrie

„Digitalisierung funktioniert dann, wenn sie Chefsache ist“, sagt Karl-Heinz Streibich, CEO der Software AG. Die Software AG mit Sitz in Darmstadt ist Pionier bei der Entwicklung von Unternehmenssoftware und zählt mit ihrer Digital Business Plattform zu den großen internationalen Playern. Streibich sieht die Chancen vor allem in der digitalen Steuerung von Produktionsprozessen in Echtzeit. „Die digitale Transformation ist kein IT-Projekt, sie ist ein grundlegender Wandel.“

Streibich schwärmt von den USA und ihrem riesigen Binnenmarkt mit einheitlichem Rechtsrahmen und 320 Millionen Konsumenten, die eine Sprache sprechen. Dort nehme die Zahl der Unicorns rapide zu, also der Startups mit einem geschätzten Wert von mehr als einer Milliarde Dollar. Erst dann könnten sie erfolgreich expandieren und die kleinen Märkte erschließen. „Denselben Weg ist die Software AG vor 40 Jahren gegangen.“

Im Vergleich zum Silicon Valley verfügt Europa weder über den riesigen Binnenmarkt noch über milliardenschwere Risikoinvestoren. Noch nicht. Denn der digitale EU-Binnenmarkt wird kommen, und die neue europäische Datenschutz-Grundverordnung, da sind sich die Diskutanten einig, ist ein guter Anfang. Zudem, so hat der Darmstädter Informatik-Professor Peter Buxmann beobachtet, wächst unter jungen Menschen der Unternehmergeist, die Bereitschaft, neue Ideen zu entwickeln und Startups zu gründen. „Als ich noch studiert habe, habe ich keine Minute darüber nachgedacht, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Das ist bei den Studenten heute völlig anders.“