Europa muss sich klar zu Offenheit und Globalisierung bekennen

Dieter Kempf © Christian Kruppa

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Die Globalisierung war und ist ein Schlüssel für Wohlstand und Wachstum weltweit. Der Weg zurück in den Nationalismus ist eine Sackgasse – für die US-Wirtschaft und die gesamte Weltwirtschaft. Die Wirtschaftspolitik der neuen US-Administration birgt große Risiken. Deutschland und Europa müssen deutlich zeigen, dass sich der Rest der Welt nicht auseinanderdividieren lässt, betont BDI-Präsident Dieter Kempf im Interview.

US-Präsident Donald Trump propagiert „America First“. Er und sein Team haben angekündigt, Freihandelsabkommen neu zu verhandeln oder zu kündigen, Schutzzölle einzuführen und Grenzen zu schließen. Vielen Wählern hat seine Globalisierungskritik schon im Wahlkampf gefallen. Können Sie das nachvollziehen?  

Eines ist klar: Die Globalisierung war und ist Schlüssel für Wohlstand und Wachstum weltweit. Laut Weltbank haben hunderte Millionen Menschen auch Dank der Globalisierung den Weg aus der Armut gefunden. Dennoch gibt es Anlass für Kritik. Nicht alle profitieren gleichermaßen. Ich kann verstehen, dass viele die Globalisierung als zu schnell und zu komplex empfinden. Politik und Wirtschaft müssen auf diese Herausforderung überzeugende Antworten finden. Dazu gehört etwa, das Bildungssystem zu verbessern und verstärkt im Land zu investieren. Der Weg zurück in den Nationalismus ist aber in jedem Fall eine Sackgasse – für die US-Wirtschaft, die gesamte Weltwirtschaft und auch die internationale Stabilität.
Sicherheit, Migration, Wachstum, Arbeitsplätze, Klimawandel, Ressourcenknappheit: Das können wir nur gemeinsam meistern. Ohne die USA geht das nicht. Das gilt auch für die Herausforderungen der digitalen Transformation. Aber nicht nur der Schulterschluss mit den USA muss enger werden, auch wir in Europa müssen intensiver zusammenarbeiten und uns zugleich stärker international engagieren.  

Was erwartet die deutsche Industrie konkret von Donald Trumps Wirtschaftspolitik? Wo liegen Chancen, wo Risiken?  

Ich sehe drei große Risikofaktoren: Erstens, dass das Aufkündigen von Handelsabkommen eine Trendwende einläutet, weg vom Freihandel und der regelbasierten Handelsordnung und hin zu Abschottung. Dies würde der gesamten Weltwirtschaft schaden, besonders der exportorientierten deutschen Wirtschaft. Unser Land profitiert stark von der Globalisierung. Nicht nur von den Exporten, sondern auch davon, dass wir weltweit Werke betreiben und von überall her Rohstoffe, Dienstleistungen und Zulieferteile beziehen. Zweitens, dass sich der Marktzugang für unsere Unternehmen verschlechtert – etwa durch noch mehr „Buy-American“-Regeln. Die Wirtschaft nützt den Menschen nur dann, wenn die Arbeitsteilung funktioniert. Produkte und Dienstleistungen müssen so erstellt und angeboten werden, dass sie für den Kunden das beste Ergebnis liefern – das kann in Europa ein US-Unternehmen sein, das kann aber auch in den USA ein europäisches Unternehmen sein. Und drittens, dass Steuersenkungen und Investitionen, die nicht gegenfinanziert sind, Haushaltsdefizite wie Staatsschulden erhöhen und die Stabilität der US-Wirtschaft insgesamt in Frage stellen. Donald Trump hat bisher nämlich nicht erklärt, wie er seine ambitionierten Pläne finanzieren möchte.
Chancen bieten die angekündigten Steuersenkungen, die Modernisierung der Infrastruktur und der zugesagte Bürokratieabbau – auch den deutschen Unternehmen vor Ort.  

Was können wir Donald Trumps Abschottungsplänen entgegenhalten?

Was kann die deutsche Wirtschaft konkret tun? Die Wirtschaft ist heute globalisiert. Das wird sich auch nicht ändern. Die deutsche Wirtschaft hat deswegen ein großes Interesse an weiterhin starken Beziehungen zu den USA, unserem wichtigsten Exportmarkt. Wir müssen möglichst viele Gesprächskanäle nutzen. Außerdem sollte RGIT, die Vertretung der deutschen Wirtschaft in den USA, zusammen mit unseren Unternehmen vor Ort dafür werben, dass die deutsche Wirtschaft einen wichtigen Beitrag für Jobs und Wertschöpfung in den USA leisten kann. Zudem geht es auch um die Rolle Europas: Wenn Donald Trump Abschottung und eine „America-First“-Strategie fordert, dann sollten wir Europäer uns gerade jetzt für eine globale Wirtschaftsordnung einsetzen, die nicht von Abschottung, sondern von Handel und länderübergreifender Zusammenarbeit geprägt ist.  

Ist die EU dazu derzeit in der Lage?  

Deutschland und Europa sind durch Offenheit und Handel nicht nur wirtschaftlich stark, sondern auch international wettbewerbsfähig geworden. Deshalb ist es umso wichtiger, dass unsere EU-Handelspolitik auch handlungsfähig ist. Die Europäer sollten Kompetenzfragen zwischen EU und Einzelstaaten schnell klären. Deutschland und den anderen Mitgliedstaaten nützt es, wenn sie mit einer gemeinsamen Stimme in der Welt sprechen. Außerdem müssen wir viel stärker und entschlossener für offene Märkte einstehen. Das gilt besonders auf der internationalen Bühne, etwa im Rahmen der deutschen G20-Präsidentschaft.
Als BDI werden wir den B20-Prozess, also die wirtschaftspolitische Begleitung der G20, mit aller Kraft nutzen. Gemeinsam mit den G20-Partnern müssen wir der US-Administration deutlich machen: Auch wenn Präsident Trump in der Globalisierung gegen den Strom schwimmen möchte, fließt der Strom trotzdem weiter. Und es muss klar sein, dass sich der Rest der Welt und Europa nicht auseinanderdividieren lassen!