Export braucht Luftfracht

Für die deutsche Volkswirtschaft mit ihrer starken internationalen Ausrichtung gilt dies in besonderem Maße: Etwa ein Drittel (wertmäßig) aller deutschen Exporte nach Übersee wird per Luftfracht transportiert.

Waren und Dienstleistungen werden global gehandelt. Müssen in kurzer Zeit weite Strecken überwunden werden, ist das Flugzeug als Transportmittel oft alternativlos. Unternehmen sind daher zwingend auf ein leistungsfähiges Luftverkehrssystem angewiesen. Dazu gehört ein reibungslos funktionierender Luftfrachttransport.

Luftfracht erleichtert die Erschließung und zeitflexible Versorgung weltweiter Absatzmärkte für deutsche Produkte. Dank Luftfracht können Unternehmen auf kurzfristige Nachfrageschwankungen und eilige Aufträge mit einer schnellen, flexiblen Logistik reagieren. Der Transport per Luftfracht ermöglicht deutschen Unternehmen auch die Integration von Standorten und Zulieferern in komplexe globale Lieferketten. Dazu gehört beispielsweise eine schnelle Versorgung mit dringend benötigten Bau- und Ersatzteilen. Auch für die weltweite Erbringung von Dienstleistungen, z. B. die Installation und Wartung moderner Anlagentechnik, ist Luftfracht unverzichtbar.

Gleichzeitig hat Sicherheit im Luftverkehr oberste Priorität. Der BDI unterstützt daher das EU-Konzept der „sicheren Lieferkette“, das eine gleichermaßen effiziente wie sichere Luftfrachtabwicklung ermöglicht. Seit 2013 dürfen nur Unternehmen, die vom Luftfahrt-Bundesamt als „bekannter Versender“ (bV) zugelassen sind, ihre Luftfracht in der sicheren Lieferkette abfertigen lassen. Alle anderen müssen ihre Luftfracht vor dem Verladen ins Flugzeug aufwändigen Kontrollen unterwerfen. Das Konzept hat sich bewährt.  Deutschlandweit wurden etwa 1.900 Unternehmen an 2.500 Standorten als „bekannte Versender“ behördlich zugelassen. Diese Unternehmen repräsentieren etwa 60 bis 80 Prozent des gesamten deutschen Luftfrachtaufkommens.

Seit Mitte 2014 werden die bereits zugelassenen Unternehmen jedoch mit neuen Auflagen konfrontiert, die das zuverlässige Funktionieren der „sicheren Lieferkette“ in Frage stellen. Ursächlich sind unpräzise und auslegungsbedürftige EU-Vorschriften, die in den  Mitgliedstaaten unterschiedlich umgesetzt werden. So sehen neue nationale Vorgaben in Deutschland neben einer teils erheblichen Verkürzung der Zertifizierungsdauer von fünf auf weniger als drei Jahre auch eine Sicherheits-Schulung für Teile der Vertriebsbelegschaft vor.

Ein möglicher Wegfall des bV-Status für bereits zugelassene Industriestandorte, an denen Luftfracht disponiert wird, stellt die Industrie vor große Herausforderungen. Aufgrund des Mangels an Rechtssicherheit und der nicht absehbaren Kosten prüfen Unternehmen bereits einen Verzicht auf Zulassung als bekannter Versender. Ein „sicher“ machen der Luftfracht wäre dann nur durch Kontrollen möglich. Die Folge: ein erheblicher Anstieg der Kontrollvorgänge an den Flughäfen, verbunden mit zusätzlichen Kosten und Verzögerungen bei terminkritischen Sendungen der deutschen Industrie. Zudem lassen sich viele industrielle Güter aufgrund ihrer Beschaffenheit oder Größe nicht durch konventionelle Methoden, z. B. Röntgen oder Hand-Durchsuchung, sichern. Notwendige alternative Kontrollmethoden sind in Deutschland, im Gegensatz zu den meisten europäischen Nachbarländern, nicht in ausreichender Verfügbarkeit und Funktionalität vorhanden. Luftfracht aus Deutschland droht dann ins europäische Ausland abzuwandern, z. B. nach Amsterdam, Paris oder Luxemburg, wo diese Kontrollen möglich sind. Dies gilt es auch mit Blick auf die Wettbewerbsnachteile für deutsche Fluggesellschaften und Flughäfen unbedingt zu vermeiden. Um das hohe Niveau der Luftfrachtsicherheit zu erhalten, ohne die Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit des Luftfrachtsystems zu gefährden, braucht es verantwortungsvolle politische Konzepte.