G20: Gegen nationale Alleingänge – für internationale Kooperation

Jürgen Heraeus © Christian Kruppa

Wir leben in Zeiten zunehmender nationaler Alleingänge. Umso mehr ist die G20 als zentrales Lenkungsgremium für Fragen der Weltwirtschaft gefragt. Unterstützung erhält sie dabei von der B20 als Vertreterin der G20-Wirtschaft. Im Interview erklärt B20-Präsident Jürgen Heraeus, wie das Gremium zur Lösung globaler Herausforderungen beiträgt.

Welche Bedeutung hat die G20, die Gruppe der zwanzig wichtigsten Industrie- und Schwellenländer, für Unternehmen weltweit?

Die G20 ist ein zentrales Lenkungsgremium für Fragen der Weltwirtschaft. Sie setzt strategische Leitlinien für das ordnungspolitische Umfeld, in dem sich unsere Unternehmen weltweit bewegen. Wir leben in einer Zeit, in der zunehmend wieder im Nationalen Zuflucht gesucht wird. Im Gegensatz dazu steht die G20 für den Wert internationaler Kooperation, für Vernetzung, Verständigung und Austausch. Werte, für die unsere Unternehmen und unsere ganze Volkswirtschaft seit Langem stehen.

Außerdem ist die G20 unverzichtbar geworden im Kampf gegen Krisen. Die Gleichzeitigkeit von Krisen und ihre weltweiten Auswirkungen sind Gift für unsere Unternehmen. Denn sie sind in der ganzen Welt zuhause. Unsicherheit lähmt Innovation und Risikobereitschaft. Die Politik muss sich global verständigen, und zwar über unterschiedlichste Politikfelder hinweg. Die G20 muss die globalen Rahmenbedingungen verbessern. Nur gemeinsam können fairer Wettbewerb, Wachstum und der Aufbau neuer Arbeitsplätze gefördert werden. Die G20 verständigt sich auf globale Regeln und erarbeitet konkrete Fahrpläne. Diese weltweite Abstimmung ist in vielen Politikbereichen gefragt, etwa bei der wirtschaftspolitischen Umsetzung des Pariser Klimaabkommens. Oder wenn es um die zukünftigen Spielregeln im Zusammenhang mit der digitalen Revolution geht.

Ist die G20 nicht nur ein Debattierklub?

Die G20 hat zwar keine eigene Geschäftsstelle und ihre Vereinbarungen sind rechtlich nicht bindend. Doch G20-Treffen finden auf höchster Ebene statt. Mit den Staats- und Regierungschefs sitzen nur die Akteure am Tisch, die tatsächlich Entscheidungen treffen und Kompromisse schließen können. Das ist einzigartig und es wirkt. Dafür gibt es ganz konkrete Beispiele. Etwa die B20-Beschlüsse zur Finanzmarktregulierung oder auch zur internationalen Steuerkooperation. Auch das Übereinkommen der Welthandelsorganisation (WTO) über Handelserleichterungen wurde zuerst im G20-Rahmen besprochen.

Außerdem besteht durch die große mediale Beachtung ein gewisser Druck zur Umsetzung von Zusagen, die in der G20 gemacht wurden. Eine Studie hat gezeigt, dass die G20-Mitglieder seit 2008 rund 71 Prozent aller Gipfel-Beschlüsse umgesetzt haben. Die EU und Deutschland haben sogar schon 83 Prozent der Vereinbarungen umgesetzt.

In vielen Ländern steigt die Skepsis gegenüber Freihandel und Globalisierung. Werden globale Kompromisse und ihre Umsetzung in diesem Klima nicht schwieriger werden?

Ja, die Handlungsspielräume der G20-Regierungschefs verringern sich. In vielen Ländern ist der Blick zunehmend nach innen gerichtet. Auch wenn offenkundig ist, dass die Globalisierung Wohlstand schafft, wird der Wert der internationalen Arbeitsteilung in vielen Gesellschaften zunehmend in Frage gestellt. Das sehen wir bei der AfD hier in Deutschland genauso wie bei der Front Nationale in Frankreich oder bei Donald Trump in den USA. Eine Gefahr besteht in Domino-Effekten, die den internationalen Warenaustausch und Investitionen erschweren. Die Häufung protektionistischer Maßnahmen könnte unseren Wohlstand erheblich gefährden.

Allerdings kann diese Vertrauenskrise auch eine Chance sein, in der G20 für eine entschlossenere Gestaltung der Globalisierung zu werben – und für eine Globalisierung, in der Märkte zwar weiterhin geöffnet werden, in der aber durch Weiterbildung und soziale Sicherung besser für die Menschen gesorgt wird, die negativ vom Strukturwandel betroffen sind. Für die Menschen muss erkennbar sein, dass ihnen die Globalisierung nützt. Ohne dieses Vertrauen der Bürger wird es den Politikern trotz der G20 nicht möglich sein, die Globalisierung erfolgreich zu gestalten.

Welchen Beitrag kann der offizielle G20-Wirtschaftsdialog, die Business 20 (B20), leisten?

Die B20 repräsentiert die G20-Wirtschaft als Ganzes. Sie setzt sich aus hunderten Vertretern von Wirtschaftsverbänden und Unternehmen der G20-Länder zusammen. Die Aufgabe besteht zunächst darin, sich auf gemeinsame Positionen zu einigen. Schon der Weg dahin hat einen großen Wert für die Weltwirtschaft. Die gemeinsamen Positionen müssen durch schwierige Verhandlungen in Arbeitsgruppen von jeweils rund 100 Mitgliedern errungen werden. Das verbindet und schafft gegenseitiges Verständnis. In einer globalisierten Wirtschaft hat dies einen riesigen Wert.

Mit den gemeinsamen, abgestimmten B20-Positionen können die einzelnen Wirtschaftsvertreter dann bei ihren jeweiligen Regierungen für die Position der G20-Wirtschaft werben. Im Idealfall kann dadurch auch Kompromissen auf G20-Ebene der Weg geebnet werden.

Jürgen Heraeus ist Präsident der B20 und Aufsichtsratsvorsitzender der Heraeus Holding GmbH. Der Technologiekonzern mit Sitz in Hanau ist ein 1851 gegründetes und weltweit führendes Familienunternehmen. Heraeus ist außerdem Vorsitzender von Unicef Deutschland.