Konjunktur- oder Strukturwandel? Warum der Welthandel nicht mehr so stark wächst wie vor der Krise

Früher wuchs der Welthandel von Jahr zu Jahr deutlich stärker als die Weltwirtschaft. Heute wächst er nicht mehr so dynamisch. Das hat unter anderem konjunkturelle Gründe, aber auch die Struktur der Weltwirtschaft hat sich in den letzten Jahren geändert.

Derzeit liegt das Wachstum des Welthandels weit unter dem historischen Trend, der bei sechs bis sieben Prozent pro Jahr liegt. Laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) ist der Welthandel 2015 um 2,8 Prozent gewachsen, für 2016 werden gerade einmal 3,1 Prozent erwartet.

Wachstumsraten des Welthandels gesunken

Jährliche Wachstumsraten weltweites BIP und Welthandel (Prozent gegenüber Vorjahr)

In den Jahrzehnten vor der Jahrtausendwende (1988 bis 2007) waren die Wachstumsraten des Welthandels mit 7,0 Prozent im Durchschnitt etwa doppelt so hoch wie die Wachstumsraten des weltweiten BIP (3,1 Prozent). Das Verhältnis der beiden Wachstumsraten, die „Einkommenselastizität des Welthandels“, ist in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen. Der langfristige Trendpfad der Einkommenselastizität lag laut Bundesbank im Zeitraum von 1980 bis 2007 weltweit noch bei rund 1,9; der Welthandel wuchs also rund doppelt so schnell wie die Weltwirtschaft. Heute liegt die Elastizität bei 1,3.

Verschiedene Ursachen

Dieser Trend hat verschiedene Ursachen. Die Rezession in den EU-Ländern im Zuge der Finanzkrise dämpfte den Welthandel stärker als das Welt-BIP. Denn der EU-Handel geht durch die Berücksichtigung des Handels zwischen den einzelnen Mitgliedstaaten (Intra-EU-Handel) überproportional in die weltweite Statistik ein. Deshalb drückte die Eurokrise den Welthandel stärker nach unten als das Welt-BIP. Und die schleppende Erholung der Eurozone führt dazu, dass der Außenhandel der EU dem Welthandel kaum Impulse versetzen kann.

Aber auch Änderungen in der Struktur der Weltwirtschaft spielen eine wichtige Rolle. So haben Schwergewichte im Welthandel wie die USA und China laut dem aktuellen World Investment Outlook des Internationalen Währungsfonds (IWF) in den letzten Jahren Rohstoffe und Vorleistungen verstärkt aus dem eigenen Land bezogen, anstatt sie zu importieren. Dazu beigetragen habe etwa die verstärkte Erdölproduktion innerhalb der USA. Insgesamt werden ausländische Märkte mehr und mehr über Produktionsstätten vor Ort beliefert.

Eine weitere Ursache für den schleppend wachsenden Welthandel liegt in einer langsameren Liberalisierung beziehungsweise dem schleichenden Trend zum Protektionismus. Beispielsweise erlebte die Weltwirtschaft mit dem WTO-Beitritt Chinas einen regelrechten Liberalisierungsschub. Zwischen den Jahren 2000 und 2010 wurden weltweit deutlich mehr neue Freihandelsabkommen als zwischen 2010 und 2014 unterzeichnet. Außerdem leidet der Welthandel in den letzten Jahren unter steigenden Zöllen und Handelshemmnissen. Seit 2008 haben allein die G20-Länder 1.441 solcher nicht-tarifären Handelshemmnisse beschlossen – davon wurden bis Oktober 2015 nur 354 wieder zurückgenommen.

Ein weiterer Faktor für die niedrigere Einkommenselastizität des Welthandels könnte eine Normalisierung der weltweiten Entwicklung sein, die sich nach der Einbindung von Schwellenländern in den Welthandel (etwa durch den WTO-Beitritt Chinas im Jahr 2001) eingestellt hat. Schließlich ist die Weltwirtschaft mit einer Reihe politischer Risiken konfrontiert, die den Handel beeinträchtigen. Während sich die territorialen Streitigkeiten zwischen China und Japan abgekühlt haben, sind Konflikte in Europa, dem Nahen Osten und Nordafrika sowie Südostasien noch in vollem Gange.

Außenwirtschaftspolitik ist gefordert

Keine der genannten Entwicklungen kann den Trend einer relativen Abschwächung der Dynamik des Welthandels vollständig erklären. Am wahrscheinlichsten ist ein Zusammenwirken vieler Faktoren. Fest steht aber, dass die Außenwirtschaftspolitik geeignete Maßnahmen ergreifen muss, um den Welthandel weiterhin zu stärken. Dazu gehören weitere Handelsliberalisierungen im Rahmen der WTO, der Abschluss von Handelsverträgen wie TTIP sowie Vereinbarungen zum Stopp von Protektionismus in internationalen Foren wie der G20. Denn der Welthandel ist eine wichtige Stütze für den steigenden Wohlstand in der Welt.