Makroökonomische Ungleichgewichte: Globale Risiken und Entwicklung in Schwellenländern

Globale makroökonomische Ungleichgewichte sind nicht zwangsläufig ein Problem für die Weltwirtschaft. Dass sie nicht ohne Risiken sind, hat allerdings die jüngste Wirtschafts- und Finanzkrise eindrucksvoll gezeigt. Auch heute stellen sie noch eine Herausforderung für die Finanzmarktstabilität dar, etwa in manchen Schwellenländern.

Globale makroökonomische Ungleichgewichte gelten als eine der Ursachen der jüngsten Wirtschafts- und Finanzkrise. Auf der einen Seite exportierten einige Länder – allen voran China – über Jahre hinweg mehr, als sie importierten, akkumulierten große Währungsreserven und legten ihr Kapital bevorzugt in den USA an. Auf der anderen Seite fanden sich Länder mit stark defizitären Leistungsbilanzen und hoher Auslandsverschuldung, allen voran die USA.

Wenn ein Land mehr importiert als es exportiert, lebt es gewissermaßen über seine Verhältnisse. Der Verbrauch ist dann größer als die Produktion. Technisch betrachtet geht das damit einher, dass das Land weniger spart, als es investiert. Gewissermaßen lebt das Land von den Produkten anderer Länder, verschuldet sich aber gleichzeitig bei anderen Ländern. Den mit den Exportdefiziten einhergehenden Effekt der Spardefizite sieht man dann in der Kapitalbilanz. Der Exportüberschuss des einen Landes geht mit der Verschuldung eines andern Landes einher.

Die deutschen Exporte sind höher als die Importe

Die deutsche Leistungsbilanz zeigt seit Jahren das umgekehrte Phänomen. Deutschland exportiert viel mehr, als es importiert – und genau im gleichen Maß entstehen weltweit Schulden gegenüber Deutschland. Solche Ungleichgewichte sind nicht per se schlecht. Durch die Exportüberschüsse „spart“ Deutschland gewissermaßen ein Guthaben in der Welt an. Dieses Guthaben werden kommende Generationen gut gebrauchen können, insbesondere deshalb, weil die deutsche Gesellschaft schrumpft und älter wird. Gefährlich sind solche makroökonomische Ungleichgewichte aber, wenn sie im globalen Maßstab zunehmen. Denn je höher die weltweiten Schuldenberge werden, desto größer wird das Risiko, dass Schuldner nicht bezahlen können. Und es steigt das Risiko von Investitionsblasen. Im Vorfeld der Finanzkrise führten die Kapitalbilanzüberschüsse der USA (die einhergingen mit Defiziten in der US-Handelsbilanz) zu einem Aufpumpen des Immobilienmarktes. Das Kapital, das Länder wie China durch ihre Exportüberschüsse erwirtschafteten, suchte sich so seinen Weg durch die globale Wirtschaft. Übermäßige Leistungsbilanzüberschüsse können ebenso wie -defizite Unsicherheiten für die Weltwirtschaft bereiten, die auch auf Deutschland zurückschlagen können.

Globale Ungleichgewichte nehmen seit der Krise ab

Leistungsbilanzüberschuss pro Jahr in Prozent des BIP (Prozent)

Durch ein koordiniertes Vorgehen der weltweit wirtschaftsstärksten Länder ist es seit der Finanzkrise gelungen, die Ungleichgewichte und Risiken einzudämmen. Die Leistungsbilanzüberschüsse Chinas stiegen bis zum Ausbruch der weltweiten Finanzkrise stark an. Seitdem sind sie weiterhin positiv, nähern sich aber mehr und mehr einem Gleichgewicht an. Spiegelbildlich dazu nahm bis zum Beginn der Krise das Defizit der USA zu. Auch die US-Leistungsbilanz nähert sich seither einer Normalisierung, allerdings von der negativen Seite her.

Leistungsbilanz Griechenlands weist auf die Risiken hin

Besonders deutlich werden die Risiken, die mit makroökonomischen Ungleichgewichten einhergehen, beim Blick auf die Entwicklung der Leistungsbilanz Griechenlands. Durch das Zusammenwirken von EU, EZB und IWF konnte das jährliche Defizit (2007: 14 Prozent des BIP) erheblich abgebaut und das makroökonomische Risiko dadurch erheblich gesenkt werden. Insgesamt erreicht die EU eine leicht positive Leistungsbilanz. Die Überschüsse der südamerikanischen Schwellenländer Argentinien und Brasilien sind in den vergangenen Jahren hingegen abgeschmolzen und in den negativen Bereich gerutscht.

Der jüngste IWF-Bericht zur globalen Finanzstabilität thematisiert vor allem die makroökonomischen Ungleichgewichte der Schwellenländer und die stärkeren Übertragungskanäle auf die Weltwirtschaft. Nicht nur ist der Anteil der Schwellenländer am globalen BIP auf beachtliche 38 Prozent angestiegen. Überdies hat sich der Außenhandel zwischen Schwellenländern und entwickelten Ländern intensiviert, und die Integration der globalen Finanzmärkte ist seit Beginn des Jahrtausends zügig vorangeschritten. Als Konsequenz lässt sich rund ein Drittel der Volatilität der Aktienmärkte in den entwickelten Ländern auf die Schwellenländer zurückführen. So sind nach den Turbulenzen an der chinesischen Börse am 6. Januar 2016 die globalen Aktienkurse um rund zehn Prozent eingebrochen. Bis heute konnte ein Großteil wieder aufgeholt werden, die Volatilität bleibt jedoch hoch.

Verschuldung ist ein wesentlicher Teil des Problems

Verschuldung ist ein wesentlicher Teil des Problems der makroökonomischen Ungleichgewichte. Zur Verschuldung eines Landes tragen die Verschuldung des Staates und die private Verschuldung bei. Das gilt auch in den Schwellenländern. Der Verschuldungsgrad der Unternehmen hat sich in den Schwellenländern in den vergangenen zehn Jahren von 55 Prozent auf über 100 Prozent des BIP fast verdoppelt. Während der Verschuldungsgrad der Unternehmen steigt, sinkt die Profitabilität der Unternehmen. Im gleichen Zeitraum hat sich die Eigenkapitalrentabilität in den Schwellenländern von 18 Prozent auf 8,5 Prozent reduziert - Tendenz weiter fallend. Die Rückzahlung vieler aufgenommener Kredite erscheint nun fraglich. Steigende Schulden und sinkende Erträge zeigen die Fehlallokation von Kapital und Ressourcen in etlichen Schwellenländern an. Entsprechend dürften langwierige und schmerzhafte Umstrukturierungen bevorstehen, die sich auf die globalen Handelsströme auswirken werden.

In wenigen Jahren halbiert: Eigenkapitalrendite der Unternehmen in Entwicklungsländern

Entwicklung Eigenkapitalrendite der Unternehmen in den Schwellenländer in Prozent

In wenigen Jahren fast verdoppelt: Verschuldung der Unternehmen in Entwicklungsländern

Entwicklung des Verschlungsgrads der Unternehmen in den Schwellenländer in Prozent des BIP

Als Folge der weltweiten Ungleichgewichte steigen die Risiken für die deutsche Wirtschaft, insbesondere für global ausgerichtete Unternehmen. Schon heute wachsen die deutschen Exporte langsamer als in den vergangenen Jahren. Im ersten Quartal 2016 stiegen sie zwar um ein Prozent gegenüber dem Vorquartal, in den vergangenen Jahren lag dieser Wert jedoch meist deutlich darüber. Das Erschließen neuer Wachstumsmärkte und die Intensivierung der bestehenden Handelsbeziehungen durch weitere Handelsabkommen spielen dabei eine wichtige Rolle.