Moderates, aber stabiles Wachstum in der EU

Brüsseler Ökonomen zum EU-Wirtschaftsausblick: Frederik Lange, (BusinessEurope), Stefan Gran (DGB), Björn Döhring (Europäische Kommission) und Wolfgang Eichert (BDI) (v. l.) © BDI

Das Wirtschaftswachstum in der EU und im Euroraum festigt sich allmählich und die Europäische Kommission, die OECD und die EZB haben unlängst ihre Prognosen nach oben revidiert. 2017 dürfte das Wachstum im Euroraum bei rund 1,8 Prozent liegen. Beim fünften „Econ Jour Fixe“ im Juni 2017 diskutierten die Brüsseler Ökonominnen und Ökonomen der Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften, Europäischen Institutionen und Think Tanks die Herausforderungen.

Die Europäische Wirtschaft gewinnt an Fahrt. 2017 dürften erstmals seit der Krise alle 28 Mitgliedstaaten der EU wieder wachsen. Die Daten zum ersten Quartal 2017 stimmen optimistisch. EU und Euroraum sind um jeweils 0,6 Prozent im Vergleich zum vierten Quartal 2016 gewachsen. Rumänien und Lettland führen die Länderliste an und wuchsen um über 1,5 Prozent. Das Vereinigte Königreich hatte mit 0,2 Prozent den niedrigsten Wert. Im Vergleich zum EU-Schnitt ist das Wachstum in den USA im letzten Quartal mit 0,3 Prozent enttäuschend ausgefallen.

Die soliden Wachstumsaussichten werden jedoch durch einige Faktoren getrübt. Investitionen steigen nur langsam an und bleiben unter dem Vorkrisenschnitt. Frederik Lange stellte im Econ Jour Fixe dazu den Business Europe Economic Outlook vor. 60 Prozent der befragten Mitgliedsverbände gaben an, dass sich das Geschäftsklima in den nächsten sechs Monaten verbessern dürfte. Im Herbst 2016 lag dieser Wert noch deutlich unter 50 Prozent.

Björn Döhring, Referatsleiter der Generaldirektion Wirtschaft der Europäischen Kommission, ergänzte die Einschätzungen der Unternehmen mit der EU-Perspektive. Gemäß Frühjahrsprognose 2017 befinden sich Produktivitäts- und Lohnwachstum auf niedrigen Niveaus. Beschäftigungszahlen steigen an und die Arbeitslosenraten sinken, der Druck auf Löhne und Preise bleibt jedoch gering. Notwendige Strukturreformen zur Steigerung von Produktivität und Wachstumspotenzial bleiben in vielen Mitgliedstaaten der EU aus.

Kernelement der folgenden Diskussion zwischen den Vertretern der Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften, Europäischen Institutionen und Think Tanks war der Mechanismus der gesamtwirtschaftlichen Lohnfindung. Durch den Wegfall nationaler Wechselkurse in der Eurozone gab es in vielen Ländern zu hohe oder zu niedrige Lohnsteigerungen, die nun nicht mehr durch Währungsab- bzw. -aufwertungen korrigiert werden konnten. Gleichzeitig hat der Strukturwandel zu einem Rückgang kollektiver bzw. koordinierter Lohnverhandlungen geführt. Zentrale Herausforderung ist es, einen Mittelweg zwischen preislicher Wettbewerbsfähigkeit und starker Binnennachfrage zu finden. In Zeiten niedriger Produktivitätssteigerungen ist dies besonders schwierig.