Gelebte Werte in der Wirtschaft

Andreas Barner im Video-Interview © BDI

Podiumsdiskussion zum Thema Wirtschaftsethik auf dem TDI'17 © BDI

Bei den vielfältigen und teilweise widersprüchlichen Interessen von Eigentümern, Kunden oder Mitarbeitern sind ethische Konflikte oft unvermeidlich. Umso wichtiger kann eine werteorientierte Unternehmensführung sein. Vorbild ist der deutsche Mittelstand.

Die C.D. Wälzholz KG wurde im Jahr 1819 gegründet, Hans-Toni Junius leitet es in sechster Generation. Der Unternehmer kennt viele seiner Mitarbeiter persönlich, so manches Beschäftigungsverhältnis kann er bis in die fünfte Generation zurückverfolgen. Junius, einer von vier Podiumsgästen beim Panel zur „Wirtschaftsethik“ auf dem Tag der Deutschen Industrie (TDI'17), erläutert beispielhaft, welche Wertmaßstäbe ein deutscher Mittelständler vertritt.

„Natürlich machen auch Manager Fehler“, räumt Hans-Toni Junius ein. „Zugleich aber besteht die ganz große Mehrheit unserer Manager aus leistungsfähigen und integren Personen, die deutsche Unternehmen sehr erfolgreich führen.“ Umso betroffener reagierte der Familienunternehmer auf die Ergebnisse einer Studie von Ernst & Young (EY). Im EMEIA Fraud Survey 2017 hatte die Unternehmensberatung Manager aus 41 Ländern nach ihrer ethischen Einstellung befragt. Demnach habe jeder zweite befragte Manager in Deutschland in seinem Unternehmen unethisches Verhalten beobachtet. In der Generation der in den 1980er Jahren geborenen, so genannten „Generation Y“, gab die Hälfte aller Befragten an, dass Kollegen zu unethischem Verhalten bereit wären, wenn es der eigenen Karriere dient. Und die „Korruptionswahrnehmung“ sei unter deutschen Managern zwischen 2015 und 2017 stark gestiegen – von 26 Prozent auf 43 Prozent.

Skepsis gegenüber EY-Studie

Die Podiumsgäste zeigten sich irritiert über die Ergebnisse der Studie. International hatte EY 4.100 Manager befragt, in Deutschland gerade einmal 100. Die geringe Zahl der Befragten und das Studiendesign sorgten für Kritik. „Wenn die Studie nicht in so krassem Gegensatz zu anderen Studien stünde, wäre ich stark beunruhigt“, fasste Andreas Barner, Mitglied des Gesellschafterausschusses des Pharmaunternehmens Boehringer Ingelheim, seine Skepsis in Worte. Barner, außerdem Präsident des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft, gab sich überzeugt, dass „sowohl in der Generation Y als auch unter deutschen Managern allgemein“ eine starke Werteorientierung vorherrsche.

Negative Schlagzeilen in den Medien hatten in den vergangenen Jahren das Ansehen ganzer Branchen beschädigt. Emmerich Müller, Mitglied des Vorstands des Bankhauses Metzler, sagte zu dem seit der Finanzkrise angeschlagenen Image der Banken: „Unstrittig hat es Fehlverhalten gegeben, das nicht zu rechtfertigen ist.“ Leider treffe es nun auch diejenigen, die nicht selbst beteiligt gewesen seien. Kritisch merkte Müller an: „Es ist ein Umfeld entstanden, das Fehlverhalten gefördert hat. Es ist wichtig, sich damit auseinanderzusetzen.“

Wolfgang Huber, ehemals Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und profilierter Wirtschaftsethiker, interpretierte die stark zugenommene „Korruptionswahrnehmung“ zwischen 2015 und 2017 als positiv: „Die Aufmerksamkeit für unethisches Verhalten in Unternehmen hat sich gesteigert, parallel zur Wahrnehmung in der Gesellschaft.“ Sorge bereitete ihm ein anderer Aspekt. Auf die Frage, ob Manager glauben, dass ihr Unternehmen in allen Ländern der Welt die gleichen ethischen Standards berücksichtigen, habe die „überwältigende Mehrheit“ mit „nein“ geantwortet. „Wer global tätig ist, muss an allen Orten, an denen er tätig ist, die gleichen ethischen Maßstäbe anlegen“, appellierte der Theologe.

Manager gegen Korruption

Hans-Toni Junius, Familienunternehmer und Vorsitzender des BDI/BDA-Mittelstandsausschusses, verwies auf belastbare Wertetraditionen im Mittelstand. Das heute bei der C.D. Wälzholz KG gelebte Werteverständnis habe schon in Zeiten seines Großvaters geherrscht. „Diese Kontinuität gibt es im deutschen Mittelstand, und sie trägt zum Erfolg unseres Unternehmens bei.“ Für alle internationalen Niederlassungen gelte: „Wir versuchen überall die gleichen Grundwerte zu leben.“ Dazu gehöre ein ehernes Prinzip: keine Korruption!

Bei Boehringer Ingelheim, so Andreas Barner, verpflichte sich jeder Geschäftsführer weltweit zur Einhaltung eines „Code of Conduct“, der z. B. keinerlei Toleranz bezüglich Bestechung und Schmiergeldzahlungen erlaube. „Wir sagen ganz klar, wir halten uns an unsere Prinzipien, auch dann, wenn wir beispielsweise deutlich weniger Umsatz machen würden.“ Nur, wenn deutsche Unternehmen im Ausland mit gutem Beispiel vorangingen, so Barner, könne sich vor Ort etwas ändern.

Den Tugenden des „ehrbaren Kaufmanns“ fühlen sich Unternehmer nach wie vor verpflichtet. Ein „Ethik-Gesetz“ für die Wirtschaft wurde von allen Podiumsgästen abgelehnt. Moral brauche kein Gesetz, sondern selbstkritische Persönlichkeiten, die für Werte einträten, erklärt Wolfgang Huber. „Wirtschaft soll für den Menschen da sein, nicht für den Gewinn“, formulierte er sein ethisches Prinzip. Unternehmen sollten langfristig denken und den Menschen in den Mittelpunkt stellen.

Damit beschrieb er ein Prinzip der Sozialen Marktwirtschaft, dem viele deutsche Unternehmer folgen. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte auf dem TDI, sie verstehe Globalisierung als „Prozess, den wir gestalten können – auf der Basis unserer Überzeugung von der Sozialen Marktwirtschaft“. So auch das Fazit der Podiumsdiskussion: Mit gelebten Werten stärken Mittelstand aber auch die größeren Unternehmen die Soziale Marktwirtschaft – in Deutschland und weltweit.