Die Logistik-Logik:

Wie das Buch zum Leser kommt

Das Buch gehört für viele Menschen als Begleiter im Alltag und auf Reisen dazu. Bevor es mit seinem Leser reist, war es zuvor selbst auf großer Fahrt. Heute bis zum späten Nachmittag bestellt, liegt es morgen abholbereit in der Buchhandlung der Wahl – oder im eigenen Briefkasten. Wie das möglich ist? Die Geschichte einer Reise.

Das Kulturgut „Buch” mag bei vielen Menschen einen höheren Stellenwert als etwa Kalkstein, Kerosin oder Kleidung haben. Aber eines ist allen Waren gemeinsam: Sie müssen zu einem bestimmten Zeitpunkt beim (End-)Kunden sein – und oft zuvor bei einem Großhändler.

Und in Zeiten zunehmender Internetbestellungen steigen die Ansprüche des Kunden an Pünktlichkeit und Verfügbarkeit. Amazon, als größter Internethändler Deutschlands, hat mit seinem „Innerhalb 24 Stunden“-Lieferversprechen nur scheinbar vorgelegt. Denn was viele nicht wissen: Der deutsche Buchhandel ist ebenso von der schnellen Truppe. In mehr als 90 Prozent der Fälle erreicht der gewünschte Titel über Nacht die Buchhandlung des Vertrauens.

Wie das geht? Dank einer ausgefeilten, über Jahrzehnte entwickelten Logistik zwischen dem sogenannten herstellenden Buchhandel, den Verlagen, und dem verbreitenden Buchhandel gelangt jedes Buch in jede Verkaufsstelle, ob nun in eine Großkettenfiliale oder in einen Kiosk – und das von Aachen bis Zwickau, von der Buchhandlung Koralle auf der Ostseeinsel Hiddensee bis zum Buchverkauf im Gärtnerturm auf der Bodenseeinsel Mainau. Dafür sorgen drei Großhändler, in der Branche unter der Bezeichnung „Barsortiment” bekannt: Koch, Neff & Volckmar (KNV), Libri (mit dem ehemaligen Konkurrenten Könemann im Joint Venture) und Umbreit.

Die genannten neuen Kundenerwartungen an Liefergeschwindigkeit sowie Sortimentsbreite und -tiefe führen allerdings zu einem erhöhtem Bedarf an Lagerfläche und Organisation und damit an Kapital. Mehr als 150 Millionen Euro Investitionssumme für 315.000 Quadratmeter Fläche, auf denen rund 1.000 Menschen arbeiten: Einer der größten Medienlogistik-Standorte Europas gehört nicht Amazon, sondern zwei Stuttgarter Familienunternehmen, dem Mediengroßhändler Koch, Neff & Volckmar (KNV) und seiner Schwesterunternehmung Koch, Neff & Oetinger Verlagsauslieferung (KNO VA). Von Erfurt aus, der Landeshauptstadt des Freistaats Thüringen, soll ein Fünftel der Ware für den deutschsprachigen Buchmarkt geliefert werden. Der Standort ist klug gewählt, liegt er doch in der Mitte Deutschlands. Genau diese Mitte lockte auch den Fullservice-Dienstleister Rhenus Medien nach Thüringen. Die Verlagerung der physischen Verlagsauslieferung von Landsberg am Lech nach Gotha und Eisenach schloss er im September 2015 ab.

Neue Logistikzentren wie die von Libri im hessischen Bad Hersfeld und eben von KNV in Erfurt wurden errichtet, um Synergieeffekte zu schaffen. Dadurch werden breitere Sortimente abgewickelt und Geschwindigkeitsvorteile im E-Commerce erzielt. Ein weiterer Vorteil dieser „Logistik 4.0”: Es genügt eine zentrale Anlieferstelle, für die nur noch ein Lieferschein und eine Rechnung zu erstellen sind. Das ermöglicht eine echte Just-in-time-Belieferung von Verlagen und Großhandel, und das wiederum verkürzt die Lieferzeiten zu den Endkunden – und spart Kosten.

Wie aber gelingt die flächendeckende Versorgung konkret? Am Anfang ordert die Buchhandlung elektronisch beim Barsortiment (z. B. über dessen FTP-Server) oder der Leser bestellt auf der Internetseite der Buchhandlung seines Vertrauens, will sich den Titel aber lieber nach Hause liefern lassen. All das fließt zusammen in den Arbeitsprozess beim Zwischenbuchhändler. Falls es sich beim bestellten Titel um eine verlagsunabhängige Selbstpublikation handelt – BoD, Book on Demand, genannt –, druckt und bindet man es erst jetzt aus einer vorgehaltenen Datei, eben nach Bedarf. Anschließend wird das Werk genauso behandelt wie die anderen Titel.

Im Logistikzentrum werden alle angelieferten Bücher in Wannen umgepackt und über ein kilometerlanges Netz von Transportbahnen in ein dynamisches Hochregallager befördert. Hier finden sie vollautomatisch ihren Platz, auf dem sie so lange verbleiben, bis sie zum Versand herausgeholt werden.

Nach der Bestellung sorgt ein System von Regalförderkränen dafür, dass die Lagerwanne rasch zu einem der Kommissionierungsplätze gelangt. Die Kommissionierer nehmen das Buch oder ein anderes Produkt aus der Lagerwanne, versehen es mit einem Preisetikett und legen es in die Auftragswanne. Die Lagerwanne fährt derweil zurück ins Hochregal oder zum nächsten Kommissionierungsplatz.

An dieser Stelle trennen sich die Wege von Buchhandels- und Online-Bestellung. Aufträge aus Online-Bestellungen werden manuell in Päckchen oder Pakete verpackt, inklusive Lieferschein und Versandlabel des Buchhändlers. Die fertige Sendung wird umgehend an den Paketdienst übergeben.

Mit der für die Verkaufsstelle bestimmten Wanne geht es anders weiter: Diese erhält nun Lieferschein, Verplombung und Versandlabel und wird dann mit anderen Wannen auf Paletten gestapelt. Paletten mit gleicher Frachttour werden im bereitgestellten Lkw zusammengeführt. Allein bei Libri fahren täglich 50 bis 70 Lastzüge, in Spitzenzeiten wie vor Weihnachten noch deutlich mehr.

Im sogenannten „Nachtsprung“ steuern die Speditionen Umschlagspunkte überall im Land an, wo die Fracht in kleinere Zustellfahrzeuge (Transporter) umgeladen wird. Rechtzeitig zur Geschäftsöffnung sind dann alle Bücher im Laden, fertig ausgezeichnet und bereit zum Verkauf. Parallel klingelt der Paketdienst am Haus des Online-Bestellers. Übrigens ist dieser oft schneller als eine Büchersendung direkt vom Verlag, die mit der Deutschen Post verschickt wurde.

Da der Buchhandel schwankende Umsätze im Kerngeschäft mit dem Non-Book-Bereich auszugleichen sucht und sich des Wettbewerbsdrucks durch Amazon bewusst ist, führen Barsortimente auch DVDs, Musik-CDs, Hörbücher, Software, CD-ROMs, Kalender, Buchhandels- und Bürobedarf (wie Geschenkpapier und Schreibwaren), Spiele, Puzzles und Geschenkartikel aller Art. Auch was die Online-Wegeverfolgung der Sendungen angeht, bleibt der Zwischenbuchhandel mobil und bietet diese Dienstleistung genauso an, wie es die großen Paketdienste praktizieren.

Von bundesweit 6.000 Buchhandlungen (vor zehn Jahren waren es noch 1.000 mehr) betreiben etwa 2.000 mittlerweile einen eigenen Online-Shop. Die sich behauptenden Buchhandlungen beherrschen nach Ansicht des Vorstehers des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Heinrich Riethmüller, das „Cross-Channeling“, das Zusammenspiel von stationärem und Online-Handel, zunehmend besser.

„Alle Untersuchungen zeigen, dass dies die Zukunft des gesamten Einzelhandels ist. Im Buchhandel ist das bereits realisiert. Der Buchhandel ist hier Trendsetter für den Einzelhandel“, zitiert etwa der Deutschlandfunk den Vorsteher.

Eine zentrale Vertriebsplattform des deutschen Buchhandels ist das Portal buchhandel.de sowohl für Buchhändler als auch für Verlage, inklusive deren E-Books. Die Lieferung erfolgt nach Hause oder in die Buchhandlung des Vertrauens. Das Angebot richtet sich zudem an Bibliotheken, Medien und Blogger. Wer den lokalen Handel stärken möchte, kann sich zum Beispiel auf geniallokal.de umschauen, ob seine Lieblingsbuchhandlung einen Titel führt beziehungsweise diesen dorthin oder zu sich nach Hause bestellen.

Apropos E-Books: Die Nachfrage stagniert auf niedrigem Niveau. Machte 2013 der Umsatz mit elektronischen Büchern 3,9 Prozent des gesamten Buchmarkts aus, waren es 2014 lediglich 0,4 Prozentpunkte mehr . Und bei den Lesegeräten zeigt sich die hiesige Buchbranche erfinderisch. Der Kindle von Amazon wurde im September 2015 hinsichtlich Marktanteil von Tolino von der Deutschen Telekom überholt: Es steht 45 zu 39 Prozent.

Ein bemerkenswerter Erfolg, wenn man bedenkt, dass der erste Tolino (Shine) erst seit März 2013 verkauft wurde, der Kindle in Deutschland hingegen bereits seit Oktober 2009. Die Tolino-Allianz bilden inzwischen Hugendubel, Thalia, die Mayersche Buchhandlung, Weltbild.de, derClub.de (dieser jedoch nur bis Ende 2015) und der Großhändler Libri. Eine Alternative dazu stellt mit PocketBook ein weiterer Anbieter elektronischer Publikationen. Dieser präsentierte auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse zusammen mit seinen Partnern Buch & Media, Koch, Neff & Volckmar und Umbreit erstmalig einen Cloud-Dienst. In diesem Angebot werden Leseapplikationen für Android und iOS, Shopsysteme und ein Webreader unabhängig vom Endgerät vereint – und das orts- und zeitbefreit.

Nicht zuletzt lädt sich der zunehmend mobile Mensch gern Hörbücher in seinen MP3-Player, Handy oder Tablet oder schiebt auf langen Autofahrten eine CD in den Spieler. 2014 wurde mit 14,3 Millionen verkauften Hörbuch-CDs ein neuer Absatzrekord aufgestellt. Das entspricht einem 4,2-prozentigen Anteil am Gesamtumsatz des Buchmarkts. Dabei machen Downloads inzwischen ein Fünftel der Hörbuchverkäufe aus. Digitale Modelle sind auch hier derzeit der Renner: Die Hörbuchverlage starten Kooperationen mit anderen Branchen wie der Automobilindustrie. Das bedeutet eine stetige Erweiterung der Präsenz von akustischen Inhalten und der Zugänge für Hörbuch-Nutzer auf allen Kanälen. Gleiches gilt fürs Streaming. Der Musikdienst Deezer erweiterte im laufenden Jahr sein Angebot mit einer eigenen App. Sie wurde in das vorhandene Flatrate-Modell integriert, sodass sich Musik und Hörbücher das Nutzungsentgelt von derzeit rund zehn Euro „teilen“.

Ob nun gehört oder gelesen, ob gedruckt oder elektronisch: Das Buch findet dank der Logistik 4.0 auf vielen Wegen seine Liebhaber.