Die Industrie ist auf einen funktionierenden Finanzmarkt angewiesen. Zum Beispiel um sich gegen Wechselkursschwankungen abzusichern.

Alles im Blick: Warum die Balance der Finanzmärkte wichtiger ist denn je

Nie war die Welt vernetzter. Dass deshalb die Aufgaben der nationalen Regierungen unwichtiger werden, ist eine Mär. Im Gegenteil: Gerade für die Industrie sind die Finanzmärkte von größter Bedeutung. Und die Politik muss dafür sorgen, dass sie gut funktionieren.

 

Unternehmen, gerade in der deutschen Industrie, zeichnet aus, dass sie Initiative zeigen, mit guten Ideen immer wieder ihre Produkte verbessern und neue Märkte erschließen. Doch gute Ideen und auch der größte Gestaltungswille reichen nicht aus. Um die Ideen umsetzen, um ein Unternehmen gründen zu können, um es ausbauen und an die nächste Generation weitergeben zu können, braucht es ausreichend finanzielle Mittel. Umfassende Finanzierungsmöglichkeiten sind das Schmiermittel für die Wirtschaft. Stockt die Kreditvergabe, kann das den gesamten Wirtschaftsmotor abwürgen. Deshalb ist die deutsche Industrie auf funktionierende Finanzmärkte angewiesen.

Ein weiterer Grund: Dynamik und Volatilität, welche die globalen Märkte auszeichnen. Wenn in den USA der Leitzins sinkt oder China die Währung abwertet, hat das unmittelbaren Einfluss auf die deutsche Industrie. Die Unternehmen müssen sich jeden Tag auf neue globale Rahmenbedingungen einstellen. Um sich vor diesen Schwankungen abzusichern, ist die Industrie ebenfalls auf einen funktionierenden Finanzmarkt angewiesen. Ohne die Finanzmärkte könnte sich die Industrie nicht auf ihr Kerngeschäft konzentrieren: hoch qualitative Produkte entwickeln, herstellen und vermarkten. Die Finanzmärkte sind somit nicht nur ein notwendiges Schmiermittel für den Wirtschaftsmotor, sondern auch die Zündkerze, der Airbag und das ABS. Sie sind kein Selbstzweck, sondern die Basis für eine erfolgreiche und stabile Wirtschaft und damit für Wohlstand und Beschäftigung in Deutschland.

Finanzmärkte funktionieren wie andere Märkte auch am besten, wenn sie in einen wohldurchdachten Ordnungsrahmen eingebettet sind. Diesen Ordnungsrahmen bilden die Banken-, Börsen- und Kapitalmarktgesetze. Er muss wie jeder Ordnungsrahmen gut ausbalanciert sein.

Zum einen dürfen von ihm keine falschen Anreize ausgehen, die am Ende die Stabilität der gesamten Volkswirtschaft gefährden. Wenn Banken zum Beispiel Geld verleihen können, ohne dafür Eigenkapital vorzuhalten, prüfen sie die Risiken solcher Anleihen nicht ausreichend und vergeben tendenziell zu viele Anleihen auch an solche Schuldner, die nicht solide haushalten. Kommt ein besonders großer Schuldner – zum Beispiel ein Staat – in Zahlungsschwierigkeiten, können in der Folge Banken oder ganze Finanzsysteme ins Wanken geraten.
Zum anderen muss der Gesetzgeber den Zweck der Finanzmärkte – also den Wirtschaftsmotor am Laufen zu halten – stets im Blick behalten. Er muss dabei das richtige Maß an Regulierung finden. Um beim Eigenkapital-Beispiel zu bleiben: Wenn Banken umgekehrt für Kredite an Unternehmen zu viel eigenes Kapital vorhalten müssen, werden sie die Kreditvergabe einschränken und tendenziell zu wenige Kredite auch an solche Unternehmen vergeben, die ein solides Geschäftsmodell haben.

Damit Wirtschaftspolitiker die Rahmenbedingungen richtig anpassen können, sind sie, wie Unternehmen auch, auf Informationen über die Verfassung der Wirtschaft – die konjunkturelle Lage – angewiesen. Um im Bild zu bleiben: Sie brauchen einen Drehzahlmesser, der anzeigt, wie schnell der Motor läuft. Anhand der aktuellen Geschwindigkeit zeigt sich, ob wirtschaftspolitische Maßnahmen erfolgreich waren oder ob sie verändert werden müssen. Zudem helfen sogenannte Frühindikatoren, die konjunkturelle Entwicklung und damit wirtschafspolitischen Handlungsbedarf rechtzeitig erkennen und adressieren zu können. Fast so wie ein Navigationsgerät, das den Autofahrer über bevorstehende Staus und Baustellen auf dem Laufenden hält.

Um bei der Auto-Metapher zu bleiben: Für die deutsche Industrie – wie für die Wirtschaftspolitik – reicht dabei ein Navigationsgerät mit Deutschland-Karte nicht aus. Neben einer detaillierten Beobachtung der deutschen Konjunktur ist für das exportstarke Deutschland die Entwicklung der Weltwirtschaft bedeutend. Denn neben den internationalen Kapital- und Devisenmärkten haben auch die Entwicklungen auf den Güter- und Arbeitsmärkten unmittelbare Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft. Wenn in den USA die Arbeitslosigkeit sinkt, die OPEC-Länder die Ölforderung erhöhen oder das Wirtschaftswachstum in Indien anzieht, verbessern sich die Absatzmöglichkeiten oder sinken die Importpreise der deutschen Industrie.

Die deutsche Industrie ist aber nicht nur Nachfrager von Konjunkturdaten und Prognosen, sie liefert auch Informationen. Die Unternehmer erkennen etwa bei einem Blick in die eigenen Auftragsbücher, wie der konjunkturelle Wind weht. Der BDI bündelt als Verband der Verbände die Expertise seiner Mitglieder und kann so die Konjunktur in den einzelnen Branchen in einzigartiger Art und Weise darstellen. Wenn sich dabei zeigt, dass die Geschäfte der Maschinenbauer oder der chemischen Industrie gut laufen, ist das eben auch ein gutes Zeichen für die deutsche Konjunkturentwicklung. Und wenn daraufhin die Aktienkurse in den USA steigen und japanische Unternehmen ihre Investitionen erhöhen, zeigt dies, wie in einer globalen Wirtschaft alles mit allem zusammenhängt.

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  • Dr. Klaus Günter  Deutsch

    Dr. Klaus Günter Deutsch

    Abteilungsleiter Research, Industrie- und Wirtschaftspolitik
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    K.Deutsch@bdi.eu


    Research, Nationale und internationale makroökonomische Politik, Wirtschafts- und Industriepolitik, Europäische Integration