Auf dem Weg zur globalen Wasserstoffwirtschaft

Wasserstoff ist kein Hype mehr, sondern eine Notwendigkeit: Welche Möglichkeiten Wasserstoff für den Klimaschutz und die Industrie bietet war Gegenstand der Paneldiskussion des Global Manufacturing and Industrialisation Summit (GMIS). Aus der virtuellen Diskussion mit Kirsten Westphal, Armin Schnettler, Daniel Mills und Holger Lösch ergaben sich drei wichtige lessons learned für die Entwicklung einer zukünftigen Wasserstoffwirtschaft.

Wasserstoff kann nicht nur einen Einfluss auf die Transformation des Energiesystems haben, er kann auch die geopolitischen Dynamiken beeinflussen 

Wasserstoff und seine Folgeprodukte bieten insbesondere für Länder mit reichen erneuerbaren Energien die Möglichkeit neben der Dekarbonisierung des heimischen Energiesystems eine neue Exportindustrie aufzubauen. Gleichzeitig schafft Wasserstoff auch Anreize für traditionelle Energieexporteure wie Russland und Saudi-Arabien, die bisher insbesondere auf den Export von fossilen Energieträgern setzen, ihr Portfolio zu erweitern und damit zukünftige Bedarfsmärkte zu erschließen. Dennoch ist zu berücksichtigen, dass nicht alle Länder wie beispielsweise Venezuela, Angola oder Nigeria die Kapazitäten haben, um Märkte verlässlich bedienen zu können.

Im Unterschied zu Öl kann Wasserstoff auf unterschiedliche Weise hergestellt, gespeichert, transportiert und genutzt werden. Damit gibt es für eine Vielzahl von Akteuren und Ländern, die Möglichkeit, neue Geschäftsmodelle entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu entwickeln, die nicht allein durch geografische Vorteile vorbestimmt sind. Das bedeutet auch, dass es mehr Potenzial für länderübergreifende Kooperationen gibt. Zudem könnten insbesondere Energie-Export Länder sich dafür entscheiden, den hergestellten Wasserstoff nicht einfach zu exportieren, sondern gleich vor Ort in weitere Produkte umzuwandeln und damit weitere Teile der Wertschöpfungskette für sich zu beanspruchen. Damit wird eine zukünftige Wasserstoffwirtschaft einen großen Einfluss auf geopolitische Dynamiken haben.

Die zukünftige Nutzung von Wasserstoff ist noch nicht abschließend geklärt und lässt insbesondere Fragen zum Transport offen

Australien sieht den Einsatz von Wasserstoff bezogen auf das heimische Energiesystem in erster Linie im Transportsektor sowie als Energiespeicher für das Stromnetz. Für den Export hat das Land eine Reihe von Möglichkeiten. Es könnte sich dafür entscheiden sowohl Wasserstoff aus erneuerbarem Strom als auch durch die Dampfreformierung von Gas oder Vergasung von Kohle herzustellen. Damit würde es die unterschiedlichen Präferenzen von Importländer beispielsweise Japan, Südkorea oder aus der EU, bedienen. Damit bleibt noch ungeklärt, auf welche Farbe(n) Australien letztendlich für das heimische Energiesystem und den Export setzten wird.

Auch wenn die deutsche nationale Wasserstoffstrategie langfristig nur Wasserstoff aus erneuerbaren Energien als nachhaltig betrachtet, gibt es auch hier keine endgültige Antwort darauf, wo der grüne Energieträger zukünftig eingesetzt wird. Wichtig ist, dass durch regulatorische Rahmenbedingungen entsprechende Anreizsysteme geschaffen werden, damit ein „offtaker business“ entstehen kann. Dies hängt nicht zuletzt auch von der Verpflichtung der Unternehmen und Branchen selbst ab, die bereit sind, den Transformationsprozess zu beschreiten.

Die Unklarheiten in der zukünftigen Nutzung von Wasserstoff lassen auch die Frage nach dem Trägermedium beziehungsweise den Aggregatzustand von Wasserstoff für den Transport offen. So kommt es darauf an, welche Infrastrukturen bereits in einem Land existieren und wie diese für den zukünftigen Export und Import von Wasserstoff umgewidmet werden können. Diese Tatsachen erleichtern es nicht, bereits heute langfristige Investitionsentscheidungen für Zukunftstechnologien zu treffen.

Es gibt kein universales Rezept für die Entwicklung einer Wasserstoffwirtschaft

Sicher scheint, dass die Transformation hinzu einem klimaneutralen Energiesystem und einer klimaneutralen Wirtschaft nicht linear und überall gleich schnell erfolgen wird. Auch wenn die Klimaziele durch das Pariser Abkommen gesetzt sind, verfolgen Länder teilweise unterschiedliche nationale Ziele. Nicht zuletzt hat die Corona-Pandemie dazu beigetragen, dass sich die nationalen Agenden der Länder verschieben. Dennoch bieten grüne Konjunkturprogramme die Möglichkeit, Wasserstoff als Schlüsselenergieträger für die Schaffung neuer Wertschöpfungsketten zu integrieren. Aber auch dafür wird es kein universales Geheimrezept geben. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, Fragen zu multilateralen Governance rechtzeitig zu klären und in einem kontinuierlichen Austausch zu bleiben.