Brasilien: Schafft die Regierung Temer den Aufschwung?

Harald Lipkau in São Paulo © Commerzbank

Angetreten mit dem Vorsatz, Brasilien mit Hilfe wichtiger Reformen für die kommenden Jahre fit zu machen, konnte Präsident Michel Temer an den Finanzmärkten viele Bonuspunkte verbuchen. Doch Korruptionsvorwürfe überschatten seinen Reformprozess. Wie es nach seiner Amtseinführung um den Aufschwung steht, erklärt Deutsch-Brasilianer Harald Lipkau, CEO der Commerzbank Brasil S.A. – Banco Múltiplo.

Wachstum: Rezession überwunden

Die brasilianische Wirtschaft wächst wieder: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte von Januar bis März 2017 im Vergleich zum Vorquartal um ein Prozent zu. Dies ist der erste Anstieg nach acht Quartalen und der stärkste seit fast vier Jahren. Für 2018 erwartet Commerzbank Research ein noch deutlicheres Plus von zwei Prozent.

Inflation: unter dem Zielkorridor

Ende 2016 sank die Inflation überraschend stark: Der Dezember-Wert lag mit 6,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr sogar erstmals seit zwei Jahren innerhalb des Zielkorridors der Notenbank. Ein erfreulicher Trend, der sich festigt: Im August 2017 rutschte die Teuerungsrate sogar knapp unter 2,5 Prozent - und hat sich damit im Vergleich zu Anfang 2017 halbiert.

Zinsen: Senkungen Schritt für Schritt

Im Oktober 2016 begann die brasilianische Notenbank systematisch den hohen Leitzins von 14,25 Prozent zu reduzieren, um die Konjunktur anzukurbeln. Mit einer Reihe von Zinsschritten senkte die Notenbank den Zinssatz bis Anfang Mai 2017 auf 8,25 Prozent - den tiefsten Stand seit über vier Jahren.

Staatsfinanzen: hohes Budgetdefizit

Eine der drängendsten Aufgaben für Temer und seine Mannschaft bleibt die hohe Staatsverschuldung des Landes: Für eine nachhaltige Verbesserung des Budgetdefizits ist vor allem eine grundlegende Rentenreform dringend erforderlich.

Rentensystem: dringender Handlungsbedarf

Brasilien leistet sich eines der teuersten Rentensysteme der Welt. Gründe sind z.B. das niedrige Renteneinstiegsalter von 55 Jahren für Männer und 50 Jahren für Frauen sowie der sehr hohe Rentensatz. Nach Schätzung der OECD werden die Staatsausgaben allein dafür bis 2060 auf 20 Prozent des BIP steigen - und damit nicht mehr tragbar sein. Doch es bleibt offen, ob die Regierung Temer eine unpopuläre Rentenreform durchsetzen kann.

Arbeitsmarkt: Reform verabschiedet

Anfang Juli 2017 stimmte der Senat der ebenfalls umstrittenen Arbeitsmarktreform zu. Davon erhofft sich die Regierung positive Impulse für die hohe Arbeitslosenquote, die seit mehreren Jahren über elf Prozent beträgt. Darüber hinaus wird die Abstimmung als wichtiges Signal für die politische Handlungsfähigkeit der Regierung Temer gesehen.

Länderrating: verbesserter Ausblick

Die Rating-Agentur Moody's stufte im Mai 2017 den Ausblick des Länderratings für Brasilien von negativ auf neutral hoch. Als Gründe für den verbesserten Ausblick nannte Moody's ausdrücklich die Stabilisierung der politischen Situation sowie die geplanten Fiskalreformen.

Politische Lage: zwischen Hoffnung und Hängepartie

Michel Temer ist angetreten, um bis zur nächsten Präsidentschaftswahl im Oktober 2018 umfangreiche Reformen auf den Weg zu bringen - zum Teil gegen heftigen Widerstand von Bevölkerung und Gewerkschaften. Die guten Wirtschaftszahlen bescheren ihm nun Rückenwind, doch wegen eines Korruptionsskandals bleibt der Staatspräsident massiv unter Druck.

Ausblick: enormes Potenzial

Mit einem BIP von rund 1.775 Milliarden US-Dollar (2015) gehört Brasilien weltweit zu den zehn größten Volkswirtschaften. Das fünftgrößte Land der Erde verfügt mit seinen 200 Millionen Einwohnern über einen enormen Binnenmarkt sowie viele Rohstoffe - bis hin zu großen Öl- und Gasvorkommen vor der Küste. Damit hat Brasilien langfristig enormes Potenzial und bleibt als Markt weiterhin attraktiv.