„Das zukünftige Gesundheitsökosystem Saudi-Arabiens soll technologiebasiert sein“

Basma Al Buhairan von der Saudi Arabia General Investment Authority © SAGIA

Das Königreich Saudi-Arabien reformiert und modernisiert große Teile des Landes, auch das Gesundheitssystem. Basma S. Al Buhairan, Leiterin der Abteilung für Gesundheit und Biowissenschaften der Saudi Arabia General Investment Authority (SAGIA), beaufsichtigt internationale Investitionen in diesem Bereich. Im Interview beschreibt sie, wie das Gesundheitssystem verändert werden soll und warum Saudi-Arabien ein interessanter Markt für die deutsche Gesundheitswirtschaft ist.

Mit der „Vision 2030“ hat Saudi-Arabien ein umfangreiches Reformprogramm aufgestellt. Warum ist die „Vision 2030“ gerade für das saudi-arabische Gesundheitssystem so vielversprechend?

Ein Ziel im Gesundheitsbereich ist es, die Lebenserwartung von 74 auf 80 Jahre zu erhöhen. Dafür setzen wir bedeutende modulare Veränderungen im Gesundheitswesen um, mit denen wir den Herausforderungen von heute und morgen besser begegnen können. Zudem wird sich auch der Schwerpunkt der Gesundheitsversorgung in Saudi-Arabien von der akuten und episodischen Versorgung hin zur Vorsorge verlagern, um so die Früherkennung und Prävention von gesundheitlichen Problemen zu ermöglichen. Damit wollen wir auch die Lebensqualität aller Menschen in Saudi-Arabien verbessern.

Unser neuer Ansatz sieht außerdem eine größere Rolle des privaten Sektors zur Steigerung der langfristigen Tragfähigkeit und Qualität vor, während sich das Gesundheitsministerium von seiner traditionellen Rolle als Gesundheitsdienstleister hin zu einer Regulierungsbehörde für den Gesundheitssektor entwickelt. Bis 2020 möchte das Königreich den Anteil des privaten Sektors an den nationalen Gesundheitsausgaben von 25 Prozent auf 35 Prozent erhöhen.

Welche Investitionstrends im Gesundheitsbereich können Sie zurzeit in Saudi-Arabien erkennen?

Alle Bereiche des saudischen Gesundheitswesens stehen Unternehmen offen. In letzter Zeit konnten wir jedoch aus verschiedenen Gründen ein starkes Interesse am Pharma- und Biopharmasektor beobachten:

Erstens ist Saudi-Arabien der größte und am schnellsten wachsende Pharmamarkt in der Region, mit Ausgaben in Höhe von 6,8 Milliarden US-Dollar im Jahr 2017 und einem prognostizierten jährlichen Wachstum von 5 Prozent. In den Bereichen Biopharmazeutika und Biosimilars ist die Wachstumsrate noch höher (14 Prozent zwischen 2011 und 2017).

Zweitens punktet Saudi-Arabien mit seiner einzigartigen Lage im Zentrum zwischen Afrika, Europa und Asien. Aus logistischer Sicht ist das Königreich daher ein hervorragender Standort für Unternehmen, die Arzneimittel zur Abdeckung der wachsenden Nachfrage in die umgebenden Märkte exportieren möchten.

Schließlich glauben wir, dass Unternehmen erkennen, welch große Vorteile ihnen die Durchführung klinischer Studien in Saudi-Arabien mittels örtlicher Genpools und Krankheitsprofile bringen könnte. Dies ermöglicht, Arzneimittel auf die regionalen Verbraucher abzustimmen und so ihre Wirkung zu erhöhen.

Die Gesundheitsinitiativen im Rahmen von „Vision 2030“ werden wahrscheinlich auch einen Einfluss darauf haben, wohin die Investitionen fließen. Wir möchten, dass das zukünftige Gesundheitsökosystem technologiebasiert ist. Eines unserer Ziele im Nationalen Transformationsprogramm ist, dass bis 2020 70 Prozent der Bürger über eine elektronische Patientenakte verfügen. Wir möchten auch mobile Apps, Tele-Gesundheitsplattformen, 3D-Druck und andere Technologien einsetzen, die die Versorgung der Patienten verbessern und den Patienten ins Zentrum der Gesundheitsversorgung stellen werden.

Abgesehen von den erwähnten Vorteilen, warum sollten deutsche Gesundheitsunternehmen in Saudi-Arabien investieren, wenn es auch andere vielversprechende Märkte gibt?

Abgesehen von den genannten Faktoren, werden die sich in Saudi-Arabien niederlassenden deutschen Gesundheitsunternehmen die einzigartige Zusammensetzung unserer großen Bevölkerung zu schätzen wissen, die über eine relativ hohe Kaufkraft im Vergleich zu anderen Ländern der Region verfügt. Ungefähr 58 Prozent der Bevölkerung sind unter 35 Jahre alt, sodass Arbeitgeber von einem großen Pool an jungen und technisch versierten Arbeitskräften profitieren können.

Schließlich ist das saudi-arabische Gesundheitsökosystem weitgehend frei von Altsystemen, deren Austausch oft sehr zeit- und kostenintensiv ist. Zudem erfordert der Austausch von Altsystemen eine Veränderung der Denkweise und eine Umschulung des Gesundheitspersonals, was sich oft als schwierig erweisen kann. Saudi-Arabien ist dagegen wie eine leere Leinwand und ermöglicht es besonders innovativen deutschen Unternehmen, die Standards der Zukunft festzulegen.

Welche Bedingungen können Investoren erwarten, wenn sie in das saudi-arabische Gesundheitssystem investieren?

Investoren können sich auf verschiedene Gesundheitsvorschriften einstellen. Die steuerlichen Rahmenbedingungen in Saudi-Arabien sind sehr wettbewerbsfähig, wie zum Beispiel der niedrige Körperschaftssteuersatz. In den meisten Sektoren können Investoren das Eigentum an ihrem gesamten Unternehmen innehaben, und die volle Rückführung von Kapital, Gewinnen und Dividenden abzüglich einer geringen Quellensteuer ist garantiert.

Die saudische Regierung bietet zudem Steuergutschriften für Investitionen in Forschung und Entwicklung und eine Steuerbefreiung von Exporten. Es gibt Initiativen, die sowohl In- als auch Ausländern den Zugang zu Kapital ermöglichen. So können Investoren beispielsweise vom Saudi Industrial Development Fund (SIDF) günstige Darlehen erhalten oder sich durch die Ausbildung und Beschäftigung saudischer Staatsbürger finanzielle Unterstützung durch den Human Resource Development Fund (HRDF) sichern.

Doch das Königreich hält stets Ausschau nach neuen Möglichkeiten, um Investitionen einfacher und profitabler zu machen. Im Rahmen des Programms „Tayseer“ arbeiten wir an fast 300 Reformen, die genau das erreichen sollen. In den vergangenen 18 Monaten haben wir rund 45 Prozent dieser Reformen abgeschlossen. Die Ein- und Ausfuhrverfahren wurden beschleunigt; das Verfahren zur Erlangung von Geschäftslizenzen und Visa wurde vereinfacht; ein neues Gesellschaftsrecht zum Schutz von Minderheitsgesellschaftern und neue Handelsschiedsgerichte wurden eingeführt.

Die Investitionsbehörde SAGIA ist die zentrale Anlaufstelle für ausländische Investoren in Saudi-Arabien mit Vertretern aller relevanten Ministerien. Sie arbeitet eng mit dem Gesundheitsministerium zusammen, um Investitionsmöglichkeiten im Gesundheitswesen zu identifizieren und in einem Dokument (Investitionsatlas) zu sammeln.