Deutschland braucht eine zentrale Genomplattform

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Die Menschheit teilt sich etwa 99,8 Prozent des Erbguts. Die Geheimnisse der Individualität – und auch der Krankheiten, für die der Mensch anfällig ist – liegen in den übrigen 0,2 Prozent. Das entspricht etwa drei oder vier Millionen Buchstaben der DNA. Eine zentrale Genomdatenbank, die diese Daten verknüpft, würde Krankheitsbilder schneller diagnostizieren und die Gesundheitsversorgung in Deutschland stärken.

Aus der Sequenzierung der 0,2 Prozent des Erbguts sind Wissenschaftler und Mediziner in der Lage, Krankheitsanfälligkeiten wie beispielsweise Krebs bestmöglich zu therapieren. Bildlich gesehen, sind sie mit Rechtschreibfehlern oder fehlenden Absätzen und Seiten einer persönlichen Bedienungsanleitung zu vergleichen.

Im Zuge der Entwicklung neuer Sequenziertechnologien sind die Kosten für die Analyse menschlicher Genome in den letzten Jahren massiv gesunken; gleichzeitig hat sich die Geschwindigkeit, mit der Genomdaten generiert werden können, rapide beschleunigt. Diese Möglichkeit hat sich Großbritannien, einer der Vorreiter auf dem Gebiet, zu Nutzen gemacht. Im Rahmen des NHS (National Health Service) wird die Sequenzierung der DNA immer stärker in das Gesundheitssystem eingebettet. Dabei sind Krebs und seltene Krankheiten die ersten Ziele für die medizinische Genomforschung in Großbritannien.

Genomwissen deutschlandweit verstreut

Auch in Deutschland werden Genomdaten gesammelt. Jedoch liegen sie einzelnen Arbeitsgruppen, Instituten und Kliniken individuell vor. Ein deutsches Pendant zu jener Plattform, wie sie in Großbritannien betrieben wird, gibt es bis heute nicht. Außerdem sind behandelnde Ärzte aktuell nicht in der Lage, auf Genomdaten zuzugreifen, um die Wahl der bestmöglichen Therapie für Patienten zu bestimmen oder Forschungsansätze zu validieren.

Aus diesem Grund ist es in Deutschland notwendig, eine Plattform, die einzelne Dateninseln verknüpft sowie verstreutes Wissen zusammenführt, zu etablieren. Dadurch wären Ärzte und forschende Institutionen fähig, Erkenntnisse aus gleichgelagerten Fällen zu gewinnen. Denn die Relevanz individueller Genvarianten zeigt sich erst in der Betrachtung größerer Datenmengen, die ein genaueres Verständnis der Beziehung zwischen Erkrankung und ihrer molekularen Ursache durch die Vergleichsanalyse ermöglicht.

Die Auswertung der Genomdaten erfolgt digital unter Einsatz bioinformatischer Methoden. In diesem gesteigerten Erkenntnisgewinn liegt das große Potenzial der Bündelung des Genomwissens. Deshalb ist die Bildung eines deutschen Konsortiums, bestehend aus Forschungseinrichtungen zum Zweck der Erstellung einer Plattform, über die deutschlandweit Genomdaten ausgetauscht und analysiert werden können, aus Sicht der deutschen Industrie ein wichtiger Schritt. Erst die Möglichkeit des Austauschs und der Interpretation größerer Datensätze wird einer personalisierten Medizin zum Durchbruch verhelfen.