Die Nutzungsrate von EU-Freihandelsabkommen

Containerschiff © fotalia/robertmandel

Containerschiff © fotalia/robertmandel

Die Erschließung von Absatzmärkten durch den Abschluss neuer Freihandelsabkommen (FTAs) ist von großer Bedeutung für die exportorientierte deutsche Industrie. Allerdings bringen solche Abkommen nur dann wirtschaftliche Vorteile, wenn die Unternehmen die dort garantierten Präferenzzölle auch wirklich nutzen.

Die Europäische Kommission hat bisher zwei Berichte zur praktischen Anwendung der europäischen Freihandelsabkommen (Free Trade Agreements, FTAs) veröffentlicht. Diese Implementierungsberichte enthalten Daten zu Nutzungsraten für bestimmte Mitgliedsstaaten, Branchen und Handelspartner. Laut dieser Daten beträgt die durchschnittliche Nutzungsrate der durch die FTAs möglichen Zollpräferenzen in der EU 77,4 Prozent. Das bedeutet, dass bei über drei Viertel des Außenhandels mit den Ländern, mit denen Freihandelsabkommen abgeschlossen wurden, die dort vereinbarten guten Handelskonditionen auch tatsächlich zur Anwendung kommen.

Deutschland, das für 29,6 Prozent der europäischen Exporte verantwortlich ist, liegt mit einer Nutzungsrate von 78 Prozent knapp über dem europäischen Durchschnitt. Im EU-Vergleich belegt Deutschland damit Platz 14. Österreich steht mit einer Nutzungsrate von 88,7 Prozent deutlich besser da und kommt auf Platz 2. Deutsche Unternehmen haben also großes Potenzial, ihre Exportchancen durch eine intensivere Nutzung der in FTAs vereinbarten Präferenzzölle zu verbessern.

Nutzung europäischer Freihandelsabkommen durch deutsche Exporteure

Durch eine umfassende Industrieumfrage und Experteninterviews auf europäischer und deutscher Ebene hat der BDI die größten Herausforderungen deutscher Exporteure bei der Nutzung europäischer Freihandelsabkommen untersucht. Die Ergebnisse bilden über 24 Industriebranchen ab.

Laut der Umfrage sind die fünf wichtigsten Faktoren, die deutsche Exporteure von der Nutzung europäischer Freihandelsabkommen abhalten:

  • die hohen Kosten durch die Bürokratie beim Nachweis der in den Exportprodukten verarbeiteten Zulieferteile („Ursprungserbringung“);
  • die geringen Zollgewinnmargen (Differenz zwischen dem durch das FTA möglichen Präferenzzoll und dem durch die WTO garantierten Zoll, der auch ohne das FTA gilt; sogenannter MFN-Zollsatz);
  • die unterschiedlichen Regeln in den verschiedenen FTAs der EU;
  • unzureichende interne Kapazitäten, um die FTA-Regeln im Blick zu behalten;
  • hohe Haftungsrisiken bei Fehlern in der Ursprungserbringung

Mehr als die Hälfte (54 Prozent) der Unternehmen benannte FTAs, die sie nicht nutzen, obwohl sie mit den Partnerländern des Abkommens Handel betreiben. Außerdem schätzen 72,6 Prozent der befragten Unternehmen und Verbände, dass die Unternehmen in der jeweils eigenen Branche die Freihandelsabkommen der EU nicht vollständig nutzten.

Verbesserung der Nutzungsrate

Die Nutzung von europäischen Freihandelsabkommen im Warenhandel muss attraktiver gestaltet werden. In zukünftigen Abkommen sollten beispielsweise die Ursprungsregeln vereinfacht und harmonisiert werden. Dadurch könnten Verwaltungskosten reduziert und die Umsetzung der Regeln in IT-Systemen erleichtert werden. Die deutsche Industrie setzt sich für einheitliche, industrieübergreifende Wertschöpfungsregeln ein. Darüber hinaus spricht sich der BDI für eine stärkere Kohärenz produktspezifischer Ursprungsregeln aus. Eine einheitliche europäische IT-Benutzeroberfläche würde den Prozess der Sammlung von Lieferantenerklärungen deutlich vereinfachen.

Freihandelsabkommen wenden bislang das Direktbeförderungsprinzip an. Damit eine Ware mit einem Präferenzzoll versehen werden kann, muss sie direkt von einem Partnerland des Abkommens in das andere geliefert werden. In der Konsequenz kommen Unternehmen, die zentrale Umschlag- und Lagerplätze bei langen Lieferwegen nutzen, häufig nicht in den Genuss von Präferenzzöllen. Die mit dem Direktbeförderungsprinzip und der Nutzung regionaler Hubs verbundenen Probleme können durch innovative Technologien, wie Microchips direkt an der Ware platziert, gelöst werden.

Kleine und mittlere Unternehmen sollten bei der Nutzung von Freihandelsabkommen besonders unterstützt werden. Das wäre gerade für solche Unternehmen wichtig, die wenig Erfahrung mit der Nutzung von FTAs haben. Schließlich sollte die Kommunikationskette zwischen Zollbehörden in Partnerländern und in der EU verbessert werden, um mögliche Probleme und Herausforderungen bei der Warenabfertigung schneller zu identifizieren und zu lösen.