Die steigende Relevanz digitaler Plattformen für die Industrie

Gehören auch Sie zu jenen 43 Prozent der Deutschen, die die schönste Zeit des Jahres im Internet buchen? Die Reisekataloge von heute sind Websites, auf denen unterschiedliche Anbieter Hotelzimmer oder sogar Privatwohnungen anbieten. Die Website tritt dabei als Plattform, also als Intermediär zwischen Anbieter und Kunde auf. Zahlreiche deutsche Industrieunternehmen haben bereits eigene digitale Plattformen für den Geschäftskundenbereich (B2B) entwickelt.

Laut dem Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau lassen sich Digitale Plattformen als Intermediäre definieren, die mit Hilfe von digitaler Technologie zwei oder mehr Marktteilnehmer über die Plattform verbinden und deren Interaktion vereinfachen. Plattformen sind zu einem dominierenden Geschäftsmodell der digitalen Wirtschaft geworden. Fünf der zehn wertvollsten Unternehmen der Welt sind mit diesem Modell erfolgreich. Ihre Plattformen sind bislang überwiegend im B2C-Bereich aktiv. Inzwischen ist auch die deutsche Industrie auf dem Weg in die B2B-Plattformökonomie.

Deutsche digitale Industrieplattformen

Zahlreiche deutsche Industrieunternehmen haben eigene digitale Industrieplattformen im Produkt- und Leistungsportfolio. Darunter zählen neben Bosch, Siemens und Telekom auch unzählige mittelständische Unternehmen sowie Start-ups. Über diese Plattformen bieten die Unternehmen meist sektor-spezifische Dienstleistungen oder Produkte im B2B-Bereich an. Andere Unternehmen nutzen digitale Plattformen zuweilen, um ihre Lieferketten oder Vertriebskanäle effizienter zu organisieren.

In der BDI-Informationsbroschüre Deutsche digitale Industrieplattformen werden 24 Beispiele digitaler Plattformen, die von deutschen Industrieunternehmen entwickelt wurden, vorgestellt. Die Publikation verdeutlicht die Vielfalt an Einsatzfeldern von Plattformlösungen im B2B-Bereich. Es wird deutlich, dass besonders im Maschinen- und Anlagenbau, der Logistikbranche, der Mode- und Textilindustrie sowie der Luft- und Raumfahrt zahlreiche Unternehmen innovative Geschäftsmodelle nutzen, um Effizienzgewinne zu erzielen und Kunden Mehrwertleistungen anzubieten.

Ungeachtet des Nutzens, den die sogenannte Plattformökonomie für Unternehmen haben kann, zeigte eine Studie des Branchenverbands Bitkom Anfang 2018, dass von den befragten 505 Unternehmen gerade einmal 43 Prozent digitale Plattformen kennen. Andererseits gaben 77 Prozent der befragten Unternehmen in einer Untersuchung der STAUFEN AG an, dass digitale Industrieplattformen für Ihre Branche in den nächsten zehn Jahren eine große Relevanz haben werden. Die deutsche Industrie befindet sich aktuell in einer Entwicklungsphase: von traditionellen hin zu digital-unterstützen Geschäftsmodellen. Hierfür bedarf es keines deutschen Silicon Valleys, sondern vielmehr auch weiterhin der Bereitschaft zahlreicher Unternehmen, bereits heute aktiv in die digitale Transformation ihres Geschäftsmodells zu investieren.

Digitale Plattformen sind überall! – Müssen sie reguliert werden?

Die öffentliche Debatte über die Notwendigkeit einer stärkeren Regulierung von Plattformen wird auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene seit geraumer Zeit teils hitzig geführt. Anlass für diese Forderung ist die marktmächtige Stellung einiger Online-Vermittlungsdienste, wie Suchmaschinen, Online-Marktplätze und App-Stores. Die Europäische Kommission hat Ende April 2018 einen Verordnungsvorschlag zur Steigerung der Transparenz und Fairness im Verhältnis Platform-to-Business vorgestellt. Die EU-Kommission sieht den Bedarf zur Regulierung der Rahmenbedingungen von Online-Intermediären. Sie will mit ihrem Vorschlag die Fairness und Transparenz dieser Dienste insbesondere im Verhältnis Plattform zu geschäftlichem Nutzer, die über diese Plattformen privaten Kunden Produkte und Dienstleistungen anbieten, verbessern (P2B2C-Verhältnis).

Der BDI begrüßt die grundlegende Zielsetzung der EU-Kommission. Soweit es Marktverzerrungen gibt, müssen diese ausgeglichen werden. Selbstregulierungsmaßnahmen der Unternehmen sollten jedoch – neben der ex-post-Kontrolle durch das Wettbewerbsrecht – erstes Mittel der Wahl bleiben. Grundsätzlich gilt: Unternehmen dafür zu kritisieren, dass sie dank attraktiver Angebote sehr erfolgreich sind, widerspricht marktwirtschaftlichen Grundsätzen. Doch erfolgreiche Unternehmen sollten sich auch kritischen Fragen nach ihrem Selbstverständnis, nach diskriminierungsfreiem Wettbewerb und nach möglichem Missbrauch ihrer ökonomischen (Daten-) Macht stellen. In jedem Fall muss solch eine P2B-Verordnung sich jedoch auf Plattformen im P2B2C-Verhältnis beschränken. Derzeit entstehende Plattformen und Online-Marktplätze im reinen B2B-Bereich dürfen nicht gleich wieder im Keim erstickt werden.