Die zweite Plattformrevolution: Digitale B2B-Plattformen „made in Germany“

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Gehören auch Sie zu jenen 43 Prozent der Deutschen, die die schönste Zeit des Jahres im Internet buchen? Die Reisekataloge von heute sind Websites, auf denen unterschiedliche Anbieter Hotelzimmer oder sogar Privatwohnungen anbieten. Die Website tritt dabei als Plattform, also als Intermediär zwischen Anbieter und Kunde auf. Zahlreiche deutsche Industrieunternehmen haben bereits eigene digitale Plattformen für den Geschäftskundenbereich (B2B) entwickelt. Die Diskussion darüber, Plattformen stärker zu regulieren, verfolgt der BDI mit Sorge.

Digitale Plattformen sind Intermediäre, die mit Hilfe von digitaler Technologie zwei oder mehr Marktteilnehmer über die Plattform verbinden und deren Interaktion vereinfachen oder sogar erst ermöglichen. In den vergangenen Jahren sind sie zu einem dominierenden Geschäftsmodell der digitalen Wirtschaft geworden. Sieben der zehn wertvollsten Unternehmen der Welt haben Plattformen als Kernbestandteil ihres Produkt- und Dienstleistungsportfolios. Ihre Plattformen sind jedoch bislang überwiegend im B2C-Bereich aktiv. Inzwischen ist auch die deutsche Industrie auf dem Weg in die Plattformökonomie – mit B2B-Plattformen.

Auf der industriellen Stärke Deutschlands aufbauen: B2B-Plattformen etablieren

Die deutsche Industrie hat 2017 mit über 30 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beigetragen. Auf dieser sehr starken industriellen Basis aufbauend, ist auch die Plattformlandschaft in Deutschland eine gänzlich andere, als jene in den USA oder China. So haben in den letzten Jahren deutsche Unternehmen zunehmend in den Aufbau eigener Plattformen investiert und nehmen diese nunmehr in ihr Produkt- und Leistungsportfolio auf. Darunter zählen neben Bosch, SAP, Siemens, der Deutschen Telekom und Volkswagen auch unzählige mittelständische Unternehmen sowie Start-ups.

Ende 2018 nutzten bereits 67 Prozent der Unternehmen der Industrie und der industrienahen Dienstleistungen in Deutschland Plattformen. Knapp sieben Prozent der Wertschöpfung in diesem Bereich hing substanziell von der Nutzung von Plattformen ab. Das entspricht immerhin 112 Milliarden Euro. Die Hauptgründe für den Einsatz von Plattformen sind neben dem Vertrieb an Unternehmenskunden, der Einkauf von Produkten sowie die Erstellung von Produkten und Dienstleistungen zusammen mit Dritten. Aus unternehmerischer Sicht ist zudem positiv hervorzuheben, dass die Nutzung von Plattformen bei rund 71 Prozent der Unternehmen zu zusätzlichen Umsätzen führt.

In der BDI-Informationsbroschüre Deutsche digitale Industrieplattformen werden 41 Beispiele digitaler Plattformen, die von deutschen Industrieunternehmen entwickelt wurden, vorgestellt. Die Publikation verdeutlicht die Vielfalt an Einsatzfeldern im B2B-Bereich: Von IIoT-Plattformen zur effizienteren Nutzung von Maschinen und Anlagen über Logistikplattformen bis hin zu Marktplätzen. Es wird deutlich, dass besonders im Maschinen- und Anlagenbau, der Logistikbranche, der Mode- und Textilindustrie sowie der Luft- und Raumfahrt zahlreiche Unternehmen innovative Geschäftsmodelle nutzen, um Effizienzgewinne zu erzielen und Kunden Mehrwertleistungen anzubieten.

Digitale Plattformen sind überall! – Müssen sie reguliert werden?

Über die Notwendigkeit einer stärkeren Regulierung von Plattformen wird auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene seit geraumer Zeit teils hitzig debattiert. Anlass für diese Forderung ist die marktmächtige Stellung einiger Online-Vermittlungsdienste, wie Suchmaschinen, Online-Marktplätze und App-Stores. Der BDI beobachtet diese Diskussionen mit Sorge, denn bis dato wird nur wenig zwischen den verschiedenen Typen und Einsatzzwecken von Plattformen differenziert.

Ende Juni 2019 hat der europäische Gesetzgeber eine Verordnung zur Steigerung der Transparenz und Fairness im Verhältnis Platform-to-Business erlassen, die im Juli 2020 in Kraft treten wird. Mit diesem Rechtsakt zielt die EU darauf, die Fairness und Transparenz der Dienste zu verbessern – insbesondere im Verhältnis von Plattformen zu geschäftlichem Nutzern, die über diese Plattformen privaten Kunden Produkte und Dienstleistungen anbieten (P2B2C-Verhältnis).

Der BDI begrüßt die grundlegende Zielsetzung der EU-Kommission. Soweit es Marktverzerrungen gibt, müssen diese ausgeglichen werden. Selbstregulierungsmaßnahmen der Unternehmen sollten jedoch – neben der ex-post-Kontrolle durch das Wettbewerbsrecht – erstes Mittel der Wahl bleiben. Grundsätzlich gilt: Unternehmen dafür zu kritisieren, dass sie dank attraktiver Angebote sehr erfolgreich sind, widerspricht marktwirtschaftlichen Grundsätzen. Doch erfolgreiche Unternehmen sollten sich auch kritischen Fragen nach ihrem Selbstverständnis, nach diskriminierungsfreiem Wettbewerb und nach möglichem Missbrauch ihrer ökonomischen (Daten-) Macht stellen.

Die deutsche Industrie befindet sich aktuell in einer Entwicklungsphase: von traditionellen hin zu digital-unterstützen Geschäftsmodellen. Hierfür bedarf es keines deutschen Silicon Valleys, sondern vielmehr auch weiterhin der Bereitschaft zahlreicher Unternehmen, bereits heute aktiv in die digitale Transformation ihres Geschäftsmodells zu investieren. Die Bundesregierung und die EU-Kommission sind aufgefordert, die Entwicklung von innovativen Plattformlösungen nicht gleich im Keim durch überbordende Regulierung zu ersticken. Vielmehr gilt es, ein innovationsfreundliches Ökosystem zu etablieren.