Erwachender Riese

AGI-Präsident James Asare-Adjei im Video-Interview (in Englisch) © BDI

 

Für die deutsche Industrie gilt Afrika schon lange als vielversprechender Zukunftsmarkt. Der Paradigmenwechsel in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit könnte die Rahmenbedingungen für unternehmerisches Engagement auf dem Kontinent weiter verbessern. Aber auch Afrika muss vorangehen und seine Entwicklung gestalten.

Vor fünf Jahren beschloss die Firma Herrenknecht AG, etwas zu wagen, worüber viele deutsche Unternehmen nachdenken. „Nach 36 Jahren Engagement in Ägypten“, erinnert sich Vorstandsmitglied Ulrich Schaffhauser, „war es an der Zeit, dass wir uns ganz konkret auch den Rest des Kontinents genauer anschauten – und wir konnten tatsächlich einzelne Hotspots identifizieren, die es erlauben, aktiv zu werden.“

Die Rede ist von Afrika. Vonseiten der deutschen Wirtschaft gibt es schon seit längerem den Impuls, den Kontinent als vielversprechenden Zukunftsmarkt und Wirtschaftspartner wahrzunehmen. Im Rahmen der aktuellen G20-Präsidentschaft der deutschen Regierung sollen die Wirtschaftsbeziehungen zu Afrika eine wichtige Rolle spielen. Drei Bundesministerien – für Finanzen, für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und für Wirtschaft und Energie – legten in den vergangenen Monaten Positionspapiere vor, welche die Rahmenbedingungen für deutsche Investitionen in Afrika verbessern und den Handel ankurbeln sollen: „Compact with Africa“ (BMF), „Marshallplan mit Afrika“ (BMZ) und „Pro! Afrika“ (BMWi).

Paradigmenwechsel für Afrika

Afrika müsse die Gelegenheit bekommen, seinen Status als reiner Rohstofflieferant und Empfänger von Entwicklungshilfe abzustreifen und zu einem Handelspartner auf Augenhöhe werden, heißt es vonseiten der Bundesregierung. Auch für die deutsche Wirtschaft gilt es als ausgemacht, dass Deutschland gerade in Zeiten zunehmender Globalisierungskritik weiterhin auf weltwirtschaftliches Engagement setzen sollte, wie BDI-Präsident Dieter Kempf am Tag der Deutschen Industrie 2017 (TDI'17) bekräftigte.

Doch was bedeutet dies konkret für investitionswillige Unternehmen? Ist der Startschuss gefallen, ist der sogenannte „schlafende Riese“ Afrika jetzt erwacht? Dies war die Frage beim TDI'17-Panel „Globalisierung / Afrika“, bei dem auch Ulrich Schaffhauser von Herrenknecht AG vertreten war. Trotz seines grundsätzlichen Bekenntnisses zum Zukunftsmarkt Afrika sieht er Handlungsbedarf: „Politische Initiativen gibt es mittlerweile genug. Wenn es aber an konkrete Investitionsentscheidungen geht, dann brauchen wir zum Beispiel einen konkreten Zeitplan, um zu wissen, welches Geld wann in welche Richtung investiert wird. Das kann ich noch nicht erkennen.“

Eva Schulz-Kamm, Head of Global Government Affairs der Siemens AG, ist optimistischer. Als Mitarbeiterin eines Unternehmens, das bereits seit mehr als 100 Jahren auf dem Kontinent aktiv ist, begrüßt sie die Initiativen – und vor allem den ihnen zugrundeliegenden Paradigmenwechsel. „Es wurde erkannt, dass sich für Afrika etwas verändern muss – weg von Hilfeleistungen, hin zu Public Private Partnerships. Investitionen zu tätigen und politische Flankierung zu bekommen, wird uns helfen, mit Afrika auf Augenhöhe umzugehen.“

Siemens ist aktuell mit 3.600 Mitarbeitern in zehn Ländern Afrikas präsent, „Tendenz steigend“, so Schulz-Kamm. Nur einen Fehler dürfe man ihrer Meinung nicht machen, und zwar in eine Rhetorik des „One Size Fits All“ zu verfallen. „Ein solcher Ansatz hilft nicht, das haben wir über die langen Jahre gelernt. Die Länder Afrikas müssen differenziert betrachtet werden.“ Wer in Afrika Erfolg haben möchte, müsse Schritt für Schritt vorgehen: Infrastruktur, Elektrizitätsversorgung, Innovationen, Bildung, resümiert Schulz-Kamm.

Eine langsame, überlegte Herangehensweise begrüßt auch Tanja Gönner, Vorstandssprecherin der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Das immer wieder vorgebrachte Argument, man dürfe sich nicht von der konträren, nämlich auf Schnelligkeit und Aggressivität setzenden Strategie anderer Länder, allen voran China, überrollen lassen, findet Gönner wenig konstruktiv. China – anders als in der Wahrnehmung vieler – liege bei den Direktinvestitionen in Afrika gar nicht an der Spitze. Zudem habe die Vorgehensweise nichts mit der deutschen wirtschaftspolitischen Grundstrategie zu tun, „mit unserer Wertorientierung, mit der Tatsache, dass wir für soziale und ökologische Marktwirtschaft eintreten“, so Gönner.

Zeit zu handeln

Die GIZ spielt schon seit vielen Jahren eine Schlüsselrolle bei der Kontaktaufnahme von deutschen Firmen mit lokalen Institutionen und Businesspartnern. Die Erkenntnis aus diesen Erfahrungen fasst Gönner so zusammen: „Wir müssen uns zuallererst klarmachen, welche Rahmenbedingungen auf Regierungsseite afrikanischer Länder überhaupt erst geschaffen werden müssen, damit Investitionen sinnvoll getätigt werden können – etwa im Bereich der Rechtssicherheit.“

James Asare-Adjei, Präsident der Association of Ghana Industries (AGI), räumte ein, „dass Afrika noch eine Menge Arbeit vor sich hat, um sich ein gutes Image aufzubauen“. Wichtige Voraussetzungen für Investitionen seien aber gegeben: „eine junge Bevölkerung, ein hohes Beschäftigungspotenzial und Bodenschätze im Überfluss“.

Industrielle Wertschöpfung und eine kluge Öffnung für den Weltmarkt sind die Basis für die wirtschaftliche Entwicklung Afrikas. „Unser Schwerpunkt in Ghana war es, die lokale Produktion zu stärken. Deshalb haben wir uns um das Handelsabkommen mit Europa, dem Economic Partnership Agreement (EPA), bemüht“, berichtet Asare-Adjei. „EPAs helfen uns beim Übergang zu einer exportorientierten Wirtschaft, geben uns Zugang zum europäischen Markt und führen zu dem, was wir im Augenblick am meisten brauchen: ökonomische Stabilität.“

„Worauf warten wir?“, so Asare-Adjeis rhetorische Frage an die deutschen Unternehmen. „Viele afrikanische Länder sind bereit für Investitionen aus Deutschland und Europa.“ Auch Eva Schulz-Kamm warnte davor, zu spät zu handeln und am Ende als „zahnloser Tiger“ dazustehen. „Wir dürfen nicht zulassen, das andere Akteure Fakten schaffen, die nicht nur für uns als Siemens schmerzhaft sind, sondern für die gesamte Weltwirtschaft – und ganz besonders für die afrikanischen Länder, auf deren Rücken alles ausgetragen wird.“

Impressionen vom TDI-Panel

James Asare-Adjei, Eva Schulz-Kamm, Tanja Gönner und Ulrich Schaffhauser (v.r.n.l.) im Gespräch mit Monika Jones (l.) © BDI
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AGI-Präsident James Asare-Adjei © BDI