Europas digitale Souveränität stärken – Protektionismus vermeiden

Platine mit Chips

Der BDI spricht sich für eine nachhaltige Stärkung der digitalen Souveränität Europas aus: Kompetenzen und Technologien jetzt zielgerichtet ausbauen. ©AdobeStock/spainter vfx

Die Diskussionen um vertrauenswürdige 5G-Anbieter und Cloud-Provider im letzten Jahr sowie die aktuellen Auswirkungen der Corona-Pandemie verdeutlichen, dass eine erfolgreiche und sichere Digitalisierung das Beherrschen vertrauenswürdiger IT-Lösungen voraussetzt. Dafür braucht es ein sehr hohes Maß an digitaler und technologischer Resilienz. Dies ist nur möglich mit: eigenen Kompetenzen, eigenständig entwickelten Technologien sowie einem ganzheitlichen Ökosystem.

Schonungslos hat die Corona-Pandemie 2020 die Vor- und Nachteile einer digitalen Welt offenbart: Europa hat einen ungeahnten Digitalisierungsschub beispielsweise der Arbeitswelt sowie bei der Nutzung neuer Medien erlebt. Die Krise offenbart allerdings auch den digitalen Nachholbedarf Europas: So sind die Verfügbarkeit von Komponenten für kritische Infrastrukturen, datenschutzkonforme Videokonferenzsysteme und IT-Kompetenzen entscheidende Erfolgsfaktoren, um auch längerfristige Krisen erfolgreich meistern zu können. 

Die Industrienation Deutschland und die Europäische Union als Ganzes haben in vielen für die digitale Transformation zentralen Technologien – insbesondere im B2C-Bereich – eigene Kompetenzen verloren oder die Entwicklung, Implementierung und Verbreitung dieser Technologien nicht nachhaltig genug vorangetrieben. So dominieren US-amerikanische Hyperscaler, also hoch-performante Cloud-Dienstleister, ebenso wie US-amerikanische und chinesische Soziale Netzwerke den Markt. Um zukünftig resilienter aufgestellt zu sein, muss Europa jetzt klären, wie es sowohl bei digitalen Skills als auch bei der Entwicklung und Produktion von Schlüsseltechnologien, wie KI und digitalen Plattformen, resilienter aufgestellt sein kann. Ein „weiter so wie bisher“ würde die langfristige Zukunfts- und Wettbewerbsfähigkeit Europas gefährden.

Digitale Souveränität als Zielhorizont

Im politischen Raum wird bereits seit Längerem das Konzept der „Digitalen Souveränität“ diskutiert. Dabei sei „Digitale Souveränität“ definiert als Eigenschaft von Bürgerinnen und Bürgern, Unternehmen, Staaten sowie Staatengemeinschaften digital selbstbestimmt handeln zu können. Dies umfasst die Fähigkeit, eigene strategische Ziele ganzheitlich definieren und umsetzen zu können.

Ebenenmodell der digitalen Souveränität (Quelle: BDI)

Aus obenstehenden Definitionen ergibt sich, dass Europas digitale Souveränität längst nicht nur eine staatliche Dimension beinhaltet, sondern vielmehr aus einem Zusammenspiel von strukturellen, organisationalen und individuellen Dimensionen besteht. So müssen Unternehmen die Fähigkeit besitzen, Produkte, Dienstleistungen und Infrastrukturen eigenständig entwickeln (Entwicklungskompetenz) und bei Bedarf anschließend produzieren zu können. Zudem bedarf es der Fähigkeit, Komponenten Dritter evaluieren und in eigene Systeme sicher integrieren zu können 

Auch die Bürgerinnen und Bürger müssen befähigt werden, digital souveräner agieren zu können. Laut dem D21 Digital-Index 2019-2020 sind die Deutschen noch längst keine Digital Natives: Zwar können zwei Drittel der Deutschen Dateien von einem Gerät auf ein anderes übertragen, jedoch kann die Mehrheit der Deutschen mit Fachbegriffen der digitalen Welt nichts anfangen. Ursächlich ist die fehlende strukturierte Vermittlung digitaler Fähigkeiten. Hier besteht Handlungsbedarf. Für die Teilhabe an der digitalen Transformation sind ein fundiertes Wissen über gängige IT-Anwendungen sowie der sichere Umgang mit digitalen Anwendungen und Geräten eine Grundvoraussetzung. Damit die digitale Souveränität Europas nachhaltig gestärkt werden kann, bedarf es souveräner und digital-kompetenter Anwender.

Europas digitale Souveränität stärken, Protektionismus vermeiden

Das Zielkonzept der digitalen Souveränität ist aus Sicht der deutschen Industrie Chance und Risiko zugleich: Chance, da mit ihr das Potenzial verbunden ist, die eigene Gesellschaft, Wirtschaft und Politik resilienter aufzustellen. Risiko, da sie auch zu Protektionismus, Fehlallokationen und Autarkie führen kann. Digitale Souveränität darf nicht verstanden werden als ein Abschied von globalisierten Produktions-, Innovations- und Wertschöpfungsprozessen. Vielmehr ist es aus Sicht der deutschen Industrie von entscheidender Bedeutung, alle jene Technologien, Kompetenzen und Rahmenbedingungen zu definieren, die es ermöglichen, ein Höchstmaß an Offenheit zu behalten und gleichzeitig resilienter aufgestellt zu sein. Der BDI gibt hierzu in seinem Positionspapier „Europas digitale Souveränität nachhaltig stärken“ eine Vielzahl an konkreten Handlungsempfehlungen.

Die digitale Souveränität ist somit kein Luxus, sondern zwingend Voraussetzung, damit niemand in Europa im Zeitalter der digitalen Transformation abgehängt oder gar Europa als Ganzes von Drittstaaten abhängig wird. Europa muss daher zukunftsweisende Technologien fördern, die notwendigen Kompetenzen stärken und ein ganzheitliches Ökosystem etablieren.

Nur ein Beispiel, wie diese drei Dimensionen wie Zahnräder ineinandergreifen: Die Europäische Kommission muss die Entwicklung von zukunftsweisenden digitalen Geschäftsmodellen mit einem innovationsfreundlichen Rahmen unterstützen. Aufbauend auf der industriellen Stärke der deutschen Industrie, betreiben zahlreiche Unternehmen – vom Startup über KMUs bis zu internationalen Konzernen – ihre eigenen Plattformen. Zudem sagen zwei Drittel der Unternehmen, dass digitale Plattformen die Zukunftsfähigkeit ihres Unternehmens sichern. Das Beispiel verdeutlicht: damit europäische Unternehmen langfristig digital souverän agieren können, muss die exzellente Ausgangslage bei B2B-Plattformen gestärkt werden. Hierzu braucht es einen innovationsfreundlichen Ordnungsrahmen und Investitionen in digitale Kompetenzen, damit diese Technologien auch effizient eingesetzt werden können.