UN-Klimakonferenz 2021 in Glasgow © Fredrika Carlsson / Unsplash

Fit-for-55: Europa auf dem Weg zur Klimaneutralität?

Mit Blick auf die UN-Klimakonferenz 2021 erklärte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen: „Der Wettlauf der Welt zur Erreichung der Klimaneutralität bis Mitte des Jahrhunderts hat begonnen.“ Mit einem breiten Maßnahmenkatalog soll Europa in eine klimaneutrale Zukunft aufbrechen und Netto-Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 55 Prozent reduzieren. Doch Energiepreise auf Rekordniveau und geopolitische Komplexitäten werfen ihre Schatten voraus. Quo vadis „fit for 55“?

Aufgrund der Corona-Pandemie findet vom 1. bis 12. November 2021 im schottischen Glasgow der Weltgipfel der Staats- und Regierungschefs zur Umsetzung des Pariser Klimaschutzabkommens um ein Jahr verspätet statt. Worum geht es? Globale Klimaziele sollen auf den Pariser Pfad gebracht, die weltweiten Anstrengungen zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels verstärkt und strittige Finanzierungsfragen geklärt werden. Schließlich soll über das „Regelwerk“ des Übereinkommens von Paris verhandelt werden, mit dem die Fortschritte der einzelnen Vertragsparteien bei der Umsetzung ihres „national festgelegten Beitrags“ verfolgt und die Transparenz und Umweltintegrität der internationalen CO2-Märkte gewährleistet werden sollen.

Die Dringlichkeit globalen Handelns könnte jedenfalls kaum größer sein – sowohl für das Weltklima als auch für eine zukunftsfähige, europäische Industrie.  Schließlich hängt ihre Wettbewerbsfähigkeit von fairen Rahmenbedingungen ab. Und dem Klimaschutz wäre auch nicht gedient, wenn die globale Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie in der Transformation auf der Strecke bliebe.

Keine Stabilisierung des globalen Temperaturtrends

Wie aus dem jüngsten UNFCCC-Synthesebericht hervorgeht, werden mit den derzeitigen national festgelegten Beiträgen die Ziele des Übereinkommens von Paris nicht erreicht. Wir steuern auf eine Erderwärmung um 2,7°C zu.

Auch die Internationale Energieagentur (IEA) attestiert der Weltgemeinschaft in ihrer Flaggschiff-Publikation „World Energy Outlook 2021“ ein bescheidenes Ergebnis: Die heutigen Klimaschutzzusagen decken weniger als 20 Prozent der Emissionsminderungslücke ab, die bis 2030 geschlossen werden müsste, um die 1,5°C-Marke in Reichweite zu halten.

Mehr muss und kann getan werden - sogar kosteneffizient. Neben einem Schub für saubere Elektrifizierung, Energieeffizienz und Senkung der Methanemissionen aus der Nutzung fossiler Brennstoffe, setzt die IEA dabei auf Innovationen im Bereich der sauberen Energie. Und zurecht: Die angekündigten Zusagen blieben hinsichtlich des Einsatzes von wasserstoffbasierten und anderen kohlenstoffarmen Kraftstoffen sowie der Kohlenstoffabscheidung, -nutzung und -speicherung (CCUS) hinter dem Notwendigen zurück.

Zudem drohen auf dem Energiemarkt weitere Turbulenzen. Die Welt investiert laut IEA nicht genug, um ihren künftigen Energiebedarf zu decken, und die Ungewissheit in Bezug auf die Politik und die Nachfrageentwicklung birgt ein hohes Risiko für eine unbeständige Zukunft der Energiemärkte.

And meanwhile in the EU….

Die EU setzt auf ihre Vorreiterrolle bei der ökologischen Wende. Auch angesichts steigender Energiepreise sieht sie die langfristige Lösung in der grünen Transformation. Mit dem „Fit-for-55“-Umsetzungspaket soll demnach nicht nur bis zum Jahr 2030 das Klimaziel erreicht, sondern Europa langfristig auch gegen künftige Energiepreisschocks resilienter werden. Die „Toolbox“ der Europäischen Kommission mit Gegenmaßnahmen zu steigenden Energiepreisen soll den sozialen Härten der Energiekrise auch kurzfristig entgegenwirken, und damit sowohl die politische als auch gesellschaftliche Akzeptanz für das  Klimapaket befördern.

Wenngleich ein mutiger Schritt, so braucht es trotz Vorlage des Fit-for-55-Pakets doch noch mehr, damit Europa zu einem klimaneutralen Industriekontinent wird. Der kontinuierliche Zugang zu ausreichenden Mengen erneuerbarer Energien und nachhaltiger Kraftstoffe zu wettbewerbsfähigen Preisen muss gewährleistet sein. Hierfür braucht es ein Investitionsprogramm in moderne Energie-, Transport- und Digitalinfrastrukturen. Planungs- und Genehmigungsverfahren müssen dabei deutlich straffer sein. Der Hochlauf für den Wasserstoffmarkt wiederum braucht mehr Tempo, mehr Harmonisierung und mehr internationale Kooperation. Angesichts unterschiedlicher Ambitionen beim Klimaschutz nimmt auch die Bedeutung verlässlicher Carbon-Leakage-Instrumente zu. Gleichzeitig müssen auf dem Weg zur Treibhausgasneutralität die Weichen für neue internationale Energiepartnerschaften zum Import grüner Energieträger und signifikante CO2-Senken gestellt werden. Schließlich bleibt die Konvergenz der CO2-Bepreisung auf EU und globaler Ebene Dreh- und Angelpunkt für die Klimawende.

Einfache Antworten greifen angesichts der komplexen Transformationsaufgabe zu kurz.

Viel ist zu tun – wie viel verdeutlicht nochmals die neue BDI-Klimapfade-Studie 2.0, die die Mehrinvestitionen für das Etappenziel bis 2030 für Deutschland allein mit rund 860 Milliarden Euro beziffert.

Trotz aller Anstrengungen ist eine erfolgreiche Klimawende zugleich eine historische Chance zur Erneuerung unserer Volkswirtschaften, Infrastrukturen und industriellen Basis – und somit die Grundlage für Wohlstand und sozialen Frieden im 21. Jahrhundert.

Go, Glasgow, go!