Globalisierung und Nachhaltigkeit sind kein Widerspruch

Deutschland ist Gewinner der Globalisierung. Auch für andere Länder bieten offene Grenzen Chancen. Nicht nur für mehr Wohlstand, sondern auch für nachhaltigeres Wirtschaften. Globalisierung und Nachhaltigkeit sind kein Widerspruch, doch das Setzen der Rahmenbedingungen für die Weltwirtschaft ist eine ordnungspolitische Gestaltungsaufgabe.

Deutschland ist Gewinner der Globalisierung

Deutschland ist wie kaum ein anderes Land in die Globalisierung eingebunden. Annähernd jeder vierte Arbeitsplatz hängt vom Export ab, in der Industrie ist es sogar jeder zweite. Die Exportquote in Deutschland beträgt rund 48 Prozent. Fast jeder zweite Euro unserer Wirtschaftsleistung wird also im Ausland erwirtschaftet. Auch die deutschen Direktinvestitionen im Ausland in Höhe von fast einer Billion Euro zeigen die starke Verflechtung. Die Umsätze, die über diese Investitionen im Ausland erwirtschaftet werden, übersteigen die deutschen Exporte um etwa das Doppelte.

Wirtschaft und Gesellschaft sind in Deutschland international ausgerichtet und profitieren davon. Nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung ist das reale deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) zwischen 1990 und 2011 durch die zunehmende internationale Verflechtung im Durchschnitt jedes Jahr um rund 100 Milliarden Euro gewachsen. Warum ist das so? Waren und Dienstleistungen beziehen wir heute von allen Teilen der Welt – auch als Verbraucher. Dadurch wird die Auswahl größer. Außerdem steigen die Marktchancen, Spezialisierung lohnt sich umso mehr – das gilt für Unternehmen und Arbeitnehmer. Auch viele kleine und mittlere Unternehmen in Deutschland bedienen heute den Weltmarkt. Außerdem hat die Globalisierung zu einer Internationalisierung der Produktionsprozesse geführt. Die Produktion im Verbund mit internationalen Partnern hat die deutsche Wirtschaft massiv verändert. Je nach Branche und Berufszweig ist das ein schwieriger Prozess. Aber er hat die deutsche Wirtschaft insgesamt wettbewerbsfähiger und erfolgreicher gemacht. Die weltweite wirtschaftliche Verflechtung gehört zu den wichtigsten Erfolgsstrategien der deutschen Industrie.

Weltweite positive Effekte offener Märkte

Deutschland ist Globalisierungsgewinner. Aber ist die Öffnung der Märkte auch gut für andere Länder? Wie sind die Effekte auf die Weltwirtschaft? Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs Anfang der 1990er-Jahre ist die Welt wirtschaftlich näher zusammengerückt. Grenzen wurden geöffnet, Unternehmen haben immer mehr Auslandsmärkte erschlossen. So hat sich der Handel laut den Zahlen der UNCTAD zwischen 1990 und 2014 rund verfünffacht. Die grenzüberschreitenden Investitionsbestände haben sich sogar rund verzehnfacht. In der gleichen Zeit hat sich die weltweite Wirtschaftsleistung – und damit das weltweite Einkommen – mit einem Zuwachs um 338,2 Prozent mehr als verdreifacht. Und das, obwohl die Weltbevölkerung mit 36,8 Prozent deutlich schwächer gewachsen ist. So ist es möglich, dass das weltweite durchschnittliche pro Kopf-Einkommen laut der UNCTAD im Zuge der Handelsliberalisierungen zwischen 1990 und 2014 um 247,2 Prozent zugelegt hat.

Globalisierung: Wohlstand wächst weltweit

Weltbevölkerung, Weltproduktion, Welthandel und Direktinvestitionsbestände (1990 = 100) und weltweites pro Kopf-Einkommen

Die Globalisierung fordert auch den Staat

Aber profitieren wirklich alle von Handelsliberalisierung? Hat nicht zum Beispiel das Nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA gezeigt, dass Handelsabkommen auch schlecht für die Bevölkerung sein kann? Die hohen Erwartungen, die die NAFTA-Partner Anfang der 1990er-Jahre mit dem Abkommen verknüpft haben, haben sich sicherlich nicht ganz erfüllt, etwa im Hinblick auf Wohlstand und wirtschaftliche Entwicklung in Mexiko. Die schwächste der drei NAFTA-Volkswirtschaften steht in der Globalisierung im direkten Wettbewerb zu asiatischen Niedriglohnländern. Aber Handel und Direktinvestitionen haben im NAFTA-Raum seit 1994 deutlich zugelegt. Außerdem hat sich in Mexiko seit der Unterzeichnung das pro Kopf-Einkommen fast verdreifacht. Auch die Anzahl der Menschen, die in extremer Armut leben (unter 1,25 US$ pro Tag), ist seitdem auf etwa ein Viertel gesunken. Gleichzeitig hat die Ungleichheit der Einkommensverteilung leicht abgenommen – ein Zeichen dafür, dass auch die Sozialsysteme einen Beitrag leisten.

Obwohl die Globalisierung den Wohlstand weltweit fördert, gibt es immer noch Armut. Der Wohlstand hat noch nicht alle Menschen erreicht. Das ist aber kein Argument für weniger Globalisierung, sondern für mehr Anstrengungen in der weltweiten Ordnungs- und Sozialpolitik.

Globalisierung und Nachhaltigkeit sind kein Widerspruch

Offene Grenzen bedeuten, dass wir mit mehr Menschen kooperieren können. Mehr Tauschmöglichkeiten bedeuten, dass Produktion zu niedrigeren Preisen möglich ist. Sie bedeuten auch, dass Produktion mit niedrigerem Ressourcenverbrauch möglich ist. Die Energieintensität der Produktion, also der Energieeinsatz, der zur Erstellung einer bestimmten Wirtschaftsleistung notwendig ist, hat laut Angaben der OECD zwischen 1990 und 2014 weltweit deutlich abgenommen. Diese Entwicklung verdanken wir zu einem großen Teil modernen Produktionstechnologien. Doch auch der weltweite Handel hatte an der positiven Entwicklung seinen Anteil. Die Produktion von Gütern und Dienstleistungen gelingt allgemein dort mit dem Einsatz weniger Energie, wo die Freiheit im Außenhandel relativ hoch ist. Globalisierung und Nachhaltigkeit sind kein Widerspruch.

Globalisierung: Produktion verbraucht immer weniger Energie

Weltbevölkerung, Weltproduktion, Welthandel und Direktinvestitionsbestände (1990 = 100) und Energieverbrauch je Produktionseinheit

Quelle: UNCTAD, GDP per capital, total population, FDI outward stock, total merchandise trade (eingesehen am 23.08.2016). Tonnen Erdölequivalent (toe) im Wert von 1.000 US$: OECD Factbook 2015-2016, fehlende Datenpunkte interpoliert (eingesehen am 24.08.2016)

Außerdem ermöglichen offene Grenzen und mehr Globalisierung, dass sich hohe Umwelt- und Sozialstandards, wie sie etwa in Deutschland gelten, international verbreiten können. Nicht nur Kunden auch international aktive Unternehmen erwarten zunehmend, dass westliche Standards wie zum Beispiel im Bereich Arbeitsschutz auch in weniger entwickelten Ländern zum Einsatz kommen. Zudem können ausländische Geschäftspartner durch Investitionen oder durch die Kooperation mit hiesigen Unternehmen lernen, wie die Einhaltung von Mindeststandards zum Geschäftserfolg beitragen kann.

Globale Ordnungspolitik ist notwendig

Hohe Umwelt- und Sozialstandards müssen genauso international gefördert werden wie etwa der weltweite Handel mit umweltfreundlichen Technologien. Hier sind multilaterale Foren wie die Welthandelsorganisation (WTO) oder die G20 gefragt. Die G20-Präsidentschaft Deutschlands im kommenden Jahr bietet Politikern und der Zivilgesellschaft die Chance, die Globalisierung nachhaltiger zu gestalten.

Globalisierung und Nachhaltigkeit: Offene Grenzen schonen Ressourcen

Freiheit im Außenhandel (Indexwert 1 bis 10) und Energieeinsatz pro 1.000 US$ BIP (gemessen in Tonnen Erdöläquivalent, toe)

Quelle: Frazer Institute, Economic Freedom of the World Report 2015 (eingesehen am 24.08.2016). Tonnen Erdölequivalent (toe), die zur Produktion im Wert von 1.000 US$ notwendig ist: OECD Factbook 2015-2016 (eingesehen am 24.08.2016)