Junius: „Am Ende sind wir nur gemeinsam wettbewerbsfähig“

Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise sind für Familienunternehmen unabsehbar. In einem Interview äußert sich Hans-Toni Junius, Vorsitzender des BDI/BDA-Mittelstandsausschusses, zu den Problemen – und sagt: „Viele Mittelständler sind international aktiv, wir brauchen und wollen keinen Protektionismus.“

Hans-Toni Junius hat als geschäftsführender Gesellschafter in sechster Generation die Aufgabe, die 1829 gegründete C.D. Wälzholz GmbH & Co. KG in Hagen (NRW) durch diese schwere Zeit zu führen. Er ist Vorsitzender des BDI/BDA-Mittelstandsausschusses.

Herr Junius, wie erleben Sie als Unternehmer die Corona-Pandemie?

Wir spüren den wirtschaftlichen Einbruch. Die unternehmerischen Aussichten sind für die kommenden Wochen stark eingetrübt. Uns hilft, dass unser Betrieb in China wieder anläuft und Brasilien und die USA bis vor kurzem stabil waren. Es zahlt sich in der Krise aus, wenn man über die letzten Jahre Risiken und Chancen breiter gestreut hat. Ohne offene Grenzen weltweit wäre der Einbruch in Deutschland noch viel stärker. Wer jetzt zu Protektionismus rät, erweist dem industriellen Mittelstand einen Bärendienst.

Wie steht es um die Arbeitsplätze in Ihrem Unternehmen?

Grundsätzlich gehört es zum Selbstverständnis der Gesellschafterfamilie, das Unternehmen nachhaltig zu führen, auch indem wir gute Arbeitsplätze und Verdienstmöglichkeiten für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sichern. Es gehört zu unserer DNA, verantwortungsvoll mit unserer Belegschaft im In- und Ausland umzugehen und das Wohl der Familien unserer Firmenangehörigen im Auge zu behalten. Als Geschäftsführung bemühen wir uns um persönliche Kontakte und offenen Austausch, indem wir auch in schwierigen Situationen für unsere Mitarbeiter ansprechbar sind. Als Zulieferer für Automobile und angesichts der engmaschigen Klimapolitik spüren wir starken Veränderungsdruck im Wertschöpfungsverbund. Kurzarbeit haben wir daher in einigen Bereichen angemeldet, Corona kommt jetzt noch erschwerend dazu. Wir nutzen alle betrieblichen Möglichkeiten, um Beschäftigung zu sichern. Damit Deutschland insgesamt möglichst gut durch die Corona-Krise kommt, brauchen mittelständische Industrieunternehmen angesichts der aktuellen Herausforderung Unterstützung des Staates: gezielt, schnell, unbürokratisch und praxistauglich.

Sie fordern staatliche Unterstützung. Woran denken Sie dabei konkret?

Die Bundesregierung hat verstanden, dass Liquidität in Unternehmen entscheidend ist. Der vereinfachte Zugang zu Kurzarbeitergeld ist richtig und wichtig. Es soll Mitarbeiter und ihre Familien absichern und Betriebe umfänglich entlasten. Auch die vorgesehenen finanziellen Notfall- und Hilfsprogramme der Bundesregierung gehen in die richtige Richtung. Dabei erscheint es problematisch, wenn Mittelständler mit mehr als zehn Mitarbeitern nur Kredite erhalten können, wenn sie dafür in vollem Umfang Sicherheiten bei der Bank hinterlegen. Hier muss die Politik schnell Bewertungen aus der Praxis einholen, um problemgerecht im Interesse von Unternehmen und Belegschaften nachsteuern zu können. 

Und jenseits der Finanzen?

Offen ist etwa, wie Mittelständler mit Fristen und regulatorischen Vorgaben umgehen müssen. Im Mittelstand gibt es dafür keine eigenen Stäbe oder freigestellte Spezialisten. In Zeiten wie diesen haben wir kaum jemand, der alle aktuellen Probleme anpacken und noch dazu die bürokratischen Anforderungen „just in time“ erfüllen kann. Was passiert aber, wenn etwa Einspruchsfristen bei Steuerfragen oder der Antrag zur Befreiung von der EEG-Umlage nicht zeitgerecht erfolgt? Oder wenn Genehmigungsverfahren stocken, weil Personal in Ämtern fehlt und Erörterungstermine ausfallen? Was passiert, wenn Sachverständigenprüfungen oder Audits zum Beispiel für Umwelt oder Energie nicht vor Ort stattfinden können, weil niemand reisen darf? Hier braucht es einen verantwortungsvollen Umgang seitens Politik und Verwaltung in Bund, Ländern und Gemeinden. Fragen mit hoher Rechtsunsicherheit binden Kapazitäten. Diese brauchen wir aber dringend, um unternehmerisch durch die Krise steuern zu können.

Was sollte Politik sonst noch leisten?

Viele Mittelständler sind international aktiv, wir brauchen und wollen keinen Protektionismus. Der führt in die Irre, da gewinnt niemand. Letztlich gefährden aktuelle Grenzschließungen unternehmerische Wertschöpfungsketten. Wenn die reißen, dann verlieren wir positive Impulse auch aus anderen Regionen und würgen Erholungseffekte ab. Wir müssen heute all das vorbereiten, was uns morgen aus der Krise raushilft. Auch Markt und Wettbewerb im Rahmen der sozialen Marktwirtschaft gehören zur Krisenlösung. Der Staat kann in Krisen helfen, ist am Ende aber nicht der bessere Unternehmer. Sicher ist, dass es nach einem hoffentlich baldigen Abflauen der Pandemie auch darum gehen muss, Nachfrage zu beleben und die Wirtschaft schnell wieder in Schwung zu bringen. Die Erfahrungen in China zeigen, dass auch diese Krise einmal abflaut. In Deutschland sollte der Staat nicht zu lange auf Überlebenssicherung starren, sondern stets im Auge behalten, wann und wie er auf Wirtschaftsaktivierung umschaltet. Richtig gemacht, hilft das dann den Unternehmen und allen Beschäftigten.

Wie steht es um die Solidarität von Unternehmen in dieser besonderen Zeit?

Natürlich kann Solidarität zwischen Unternehmen, Branchen und Regionen helfen. Da haben wir viele positive Erlebnisse als Geschäftspartner, Zulieferer und Kunde. Gleichzeitig stehen die Beziehungen zwischen Unternehmen und Hausbank unter Druck. Das gilt auch mit Blick auf die Zusammenarbeit von Unternehmen in Wertschöpfungsverbünden. Wenn aktuell Banken – in Sorge um die eigene Refinanzierung – bestehende Kreditverträge nachverhandeln oder aufkündigen, dann gefährdet das Unternehmen und Beschäftigte. Dann kann auf beiden Seiten schnell eine zweite Welle von Problemen entstehen. Diese sollten wir vermeiden, auch im Wissen um die aktuellen Hilfsmaßnahmen des Staates. Das deutlich reduzierte Risiko der Hausbanken muss jetzt genauso deutlich die Möglichkeiten der Unternehmen erhöhen, durch die Krise zu kommen. Zu hören ist von mittelständischen Zulieferern aktuell auch, dass große Unternehmen ihre hausgemachten Vorgaben durchdrücken. Da kommt ein unangekündigter Produktionsstopp, eingeleitete Abrufe werden nicht oder erst spät korrigiert. Oder es werden Finanzierungssysteme und Zahlungsziele hinterfragt. Das sind alles Stellschrauben, die für mittelständische Familienunternehmen schnell existenzielle Fragen aufwerfen können. Das bedrückt – und es stellt sich die Frage, wie Unternehmerfamilien – auch über Generationen hinweg – da den Mut behalten, um weiter unternehmerisch tätig zu sein. Solidarität zu leben, Fairness zu üben und sich auf erfolgreiche Zusammenarbeit als ehrbare Kaufleute zu besinnen – das täte in herausfordernden Zeiten allen gut. Denn am Ende sind wir nur gemeinsam wettbewerbsfähig auf den internationalen Märkten. Das galt vor der Krise, das gilt in der Krise, und das wird auch danach gelten.