„Kein funktionierendes Europa, kein erfolgreicher Mittelstand“

Hans-Toni Junius, Vorsitzender BDI/BDA-Mittelstandsausschuss © Christian Kruppa

Als Familienunternehmer in sechster Generation und als Vorsitzender des BDI/BDA-Mittelstandsausschusses ist Hans-Toni Junius ein überzeugter Europäer. Zu Beginn der deutschen EU-Ratspräsidentschaft benennt er seine mittelstandspolitischen Erwartungen. Umgekehrt zeigt er sich überzeugt: „Wir können als Unternehmer die EU voranbringen.“

Am 1.7. beginnt die deutsche EU-Ratspräsidentschaft. Inwiefern bestärkt die deutsche EU-Ratspräsidentschaft eine mittelstandsfreundliche Politik?

Die EU-Kommission hat dieses Frühjahr eher unbemerkt für den Mittelstand eine KMU-Strategie vorgelegt. Die deutsche Ratspräsidentschaft sollte daraus zumindest zwei Punkte vorantreiben: belastende Bürokratie abbauen und einfachen Zugang zu Finanzmitteln schaffen. Sehr guten Dienst für uns leistet es, wenn Grenzen wieder geöffnet werden, Mitarbeiter unkompliziert reisen können und aktuelle Hindernisse im Binnenmarkt endlich wieder fallen! Der EU-Binnenmarkt gehört zum Lebenselixier einer riesigen Mehrheit des deutschen Mittelstands: kein funktionierendes Europa, kein erfolgreicher Mittelstand

Was können Mittelständler, gerade kleinere Unternehmen, von der deutschen EU-Ratspräsidentschaft erwarten?

Die deutsche Ratspräsidentschaft wird Weichen stellen, aber bis bei den Betrieben etwas spürbar wird, kann das dauern. Das gilt vor allem für finanzielle EU-Hilfsmaßnahmen gegen die Corona-Krise und für den Wiederhochlauf. Aktuell ist noch nicht mal klar, wer was bezahlt und wofür das Geld verwendet werden soll. Meine Erwartung ist, dass zügig der freie Warenverkehr mit offenen Grenzen gesichert, das A-1-Formular bei Auslandsreisen abgeschafft und die Bürokratiebelastung für uns Unternehmer spürbar gesenkt werden!

Wie wichtig ist die deutsche EU-Ratspräsidentschaft für die Brexit-Verhandlungen? Auf was sollten sich deutsche Unternehmen einstellen? Von welchen Bestrebungen könnten sie profitieren?

Die Brexit-Verhandlungen sind im Moment politisch festgefahren. Wenn Deutschland im zweiten Halbjahr den Knoten durchschlagen könnte, könnte ein harter EU-Austritt Großbritanniens vermieden und die Planungssicherheit von Unternehmen erhöht werden. Davon würden alle profitieren und ich hoffe, dass sich London und Brüssel mit Hilfe von Berlin auf eine vernünftige Lösung einigen werden. Wenn das politisch scheitert, drohen wirtschaftlich über den Kanal hinweg neue Barrieren, jede Menge Papierkram, schwächelnde Märkte, weniger Jobs und ein neuer Dämpfer für Investitionen und Wachstum auf allen Seiten.

Aktueller Corona-Bezug: Wie sehen die Pläne aus für die Stärkung der Unternehmen Europas? Wie geht das, dass sich Deutschland für die Stärkung der eigenen und gleichsam europäischen Wirtschaft einsetzt?

Deutsche Unternehmen – börsennotierte Konzerne genauso wie mittelständische Familienunternehmen – sind doch Zugpferde im europäischen Binnenmarkt. Nur auf die Politik zu warten ist zu wenig. Wir können als Unternehmer die EU voranbringen, indem wir Lieferketten und Wertschöpfungsverbünde grenzüberschreitend wieder ins Laufen bringen. Das ist zwar mühsam, hilft aber uns genauso wie unseren Partnern. Wir müssen selber etwas voranbringen, z. B. durch breite Digitalisierung, gezielte Innovation und moderne Ausbildung. Dann können wir auch besser die globalen Märkte bedienen, die eine europäische Außenwirtschaftspolitik nicht zuletzt für den deutschen Mittelstand zu öffnen versucht.

Das Interview erschien erstmals in der Juli/August-Ausgabe des Magazins „Markt und Mittelstand“.