Ohne technologischen Fortschritt wird das Klimaproblem nicht gelöst

Holger Lösch (links) und Ottmar Edenhofer © BDI

Ottmar Edenhofer, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, und Holger Lösch, stellvertretender BDI-Hauptgeschäftsführer, sprachen mit den BDI-Young Leaders darüber, wie Klimabewegung und Industrie „ziemlich beste Freunde“ werden können.

Das EU-Parlament hat den Klimanotstand ausgerufen. Haben nun alle in Europa verstanden, wie wichtig die Klimafrage ist?

Edenhofer: Ich hoffe es. Wir können die Atmosphäre nicht unbegrenzt mit CO2 belasten. Die Atmosphäre ist wie eine Badewanne mit einem ständigen Zufluss, aber ohne Abfluss. Das geht nicht lange gut – irgendwann läuft’s über.
Lösch: Ich bin froh, dass die Klima-Frage ins Zentrum der Gesellschaft gerückt ist. Aber wir haben noch keine abschließende Antwort darauf, wie wir sie effizient und wirtschaftlich lösen können. In der Klima-Debatte gibt es zwei grundfalsche Thesen: „Der Klimawandel ist kein Problem.“ Und: „Der Klimaschutz ist kein Problem.“ Es gibt für uns alle noch sehr viel zu tun.

Was ist als nächstes zu tun?

Edenhofer: Leider wird die Klimapolitik nicht von Ingenieuren gemacht, sondern von Politikern und Diplomaten. So entstehen schlechte Kompromisse. Wir brauchen dringend höhere CO2-Preise. Mit den Einnahmen könnten wir neue Technologien fördern. Und Geringverdiener unterstützen, die es am nötigsten haben.
Lösch: Ohne technologischen Fortschritt werden wir das Klimaproblem nicht lösen können. Aber Politiker und Diplomaten müssen auch die Sorgen der Bevölkerung ernst nehmen. Und das sind nicht nur die Sorgen der Klimabewegung, sondern auch von Menschen, die Angst haben, bald zu den Verlierern zu gehören. Die Gelbwesten-Bewegung in Frankreich oder die Proteste in Lateinamerika zeigen: Die Menschen sind nicht bereit, alles der Klimafrage unterzuordnen. Je besser unsere Technologien werden, mit denen wir den Bürgern attraktive Alternativen anbieten, desto leichter wird es, die Menschen mitzunehmen.

Auf welche Technologien kommt es besonders an?

Edenhofer: Der Ausstieg von Kohle und Gas aus dem Stromsektor ist unverzichtbar. Der Strom der Zukunft muss aus erneuerbaren Energien kommen. Im Bereich von Synfuels, also den synthetischen Kraftstoffen, gibt es großen Forschungsbedarf. Und wir brauchen Technologien, die uns helfen, CO2 aus der Atmosphäre zu ziehen. Vor uns liegen gewaltige Aufgaben. Das ist auch der Industrie klar, aber diese Innovationen kommen nur dann auf den Markt, wenn CO2 teurer wird.
Lösch: Die Unternehmen brauchen Klarheit über Belastungen, Entlastungen und Investitionsbedingungen. Und sie brauchen Fairness: Die deutsche und europäische Industrie folgt den klimapolitischen Zielen – aber wer garantiert, dass nicht andere Länder aufs Klima pfeifen und an uns vorbeiziehen? Fairness bedeutet: Wenn ich mich anstrenge, müssen sich auch die anderen anstrengen. Das gilt für die drei C´s: consumers, companies, countries. Also für alle.

Wie werden Klimabewegung und Industrie ziemlich beste Freunde?

Edenhofer: Die CO2-Neutralität bietet riesige Chancen für innovative Unternehmen. Ich bin überzeugt, dass wir in fünf Jahren nicht mehr davon reden, dass Klimaschutz und Wirtschaftswachstum Gegensätze sind. Im Gegenteil: Klimafreundliche Technologien sind ein Verkaufsschlager.
Lösch: Unternehmen sind der Schlüssel zur CO2-Neutralität. Mit den richtigen Förderinstrumenten, mit öffentlichen Investitionen und Regulierung ist das zu schaffen. Wir brauchen steuerliche Impulse für die Entwicklung von CO2-neutralen Kraftstoffen. Innovative Forschung ist teuer – die Unternehmen brauchen hier mehr Unterstützung. Die erneuerbaren Energien sind ja auch nicht vom Himmel gefallen, sondern wurden mit Milliardenförderung erst wirtschaftlich gemacht.

Ottmar Edenhofer über Klimaschutztechnologien © BDI