Lateinamerika und Deutschland sollten mehr voneinander profitieren

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Lateinamerika gilt als Wachstumsregion mit großem Potenzial – auch aktuell mit geringem Wachstum und in unruhigen Zeiten. Die Region hat da großen Bedarf, wo die deutschen Unternehmen viel zu bieten haben. Trotzdem bleibt das wirtschaftliche Engagement Deutschlands in der Region weit unter seinen Möglichkeiten. Verbesserte Rahmenbedingungen und neue Handelsabkommen könnten wichtige Impulse für einen Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen geben.

Viele Staaten Lateinamerikas stehen derzeit vor großen Herausforderungen: Politische Instabilität, sinkendes Wirtschaftswachstum, soziale Ungleichheit. Dazu kommt die COVID-19-Pandemie, die den Kontinent besonders hart getroffen hat. Hohe Infektionszahlen treffen auf labile Gesundheitsinfrastrukturen, während der informelle Sektor den Erfolg von Lockdown-Maßnahmen erschwert, weil viele Menschen nicht zuhause bleiben können. Auch dort kosten Corona-Hilfsprogramme viel Geld und lassen den Schuldenberg einiger Staaten dramatisch anwachsen.

Lateinamerika ist und bleibt dennoch ein attraktiver Markt und Wirtschaftsstandort für deutsche Unternehmen: Mehr als 650 Millionen, überwiegend junge Menschen leben dort auf einer Fläche von 20 Millionen Quadratkilometern – die Region ist fast fünfmal so groß wie die EU und mehr als doppelt so groß wie China. Die lateinamerikanischen Länder zählen zu den weltweit wichtigsten Rohstofflieferanten für Industrie und Energiewirtschaft. Im Untergrund des Kontinents liegen rund die Hälfte der weltweiten Lithium-, Silber- und Goldvorkommen. Neben dem Rohstoffreichtum hat Lateinamerika auch große Agrarflächen zur Verfügung. Wenn Nachfrage und Preise von Rohstoffen und Agrarprodukten steigen, könnte das dem Kontinent bald wieder Wachstum und Investitionen bringen.

Potenziale nutzen

Die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Lateinamerika bietet viel Potenzial. Dies ist auch das Ergebnis der „CEO Agenda“, die der Lateinamerika-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft (LADW) und McKinsey & Company 2019 gemeinsam erarbeitet haben. Laut der Studie fragen die Märkte in Lateinamerika intensiv deutsche Produkte, Dienstleistungen, Investitionen, Finanzierung und Know-how nach. Trotzdem bleibt das wirtschaftliche Engagement Deutschlands in der Region weit unter seinen Möglichkeiten.

Gemessen an unseren Wettbewerbern sind wir in der Region nicht adäquat präsent: Laut „CEO Agenda“ entfallen weniger als drei Prozent der weltweiten deutschen Investitionen auf Lateinamerika – und liegen damit fast drei Viertel unter dem OECD-Durchschnitt.

Die deutsche Industrie setzt sich auch deshalb für die baldige Ratifizierung und das Inkrafttreten des EU-Mercosur-Abkommens ein. Europa und damit Deutschland würden das erste FTA mit dem südamerikanischen Wirtschaftsraum unterhalten und könnten dadurch neue Geschäftsmöglichkeiten nutzen und Vorteile gegenüber anderen Wettbewerbern sichern. Auch die Zusammenarbeit mit Brasilien, dem wichtigsten Wirtschaftspartner Deutschlands in Südamerika, würde davon sehr profitieren. Zusätzlich leistet das Abkommen einen Beitrag zum Klimaschutz, da sich alle Länder verpflichten, Umwelt- und Sozialstandards einzuhalten. Auch die Modernisierung des EU-Mexiko-Abkommens könnte wichtige Impulse geben, die Wirtschaftsbeziehungen mit Mexiko und Lateinamerika auszubauen.

Hürden aus dem Weg räumen

Die deutsche Wirtschaft ist in der Zusammenarbeit mit der Region oft mit schwierigen Rahmenbedingungen konfrontiert. Dazu gehören hohe Defizite in Infrastruktur, Bildung, Innovationen und öffentlicher Sicherheit. Häufig sind die Staaten trotz Reformdrucks durch Bürokratie, Misswirtschaft und Korruption überfordert. Zeitgleich sind deutsche Unternehmen einem hohen Wettbewerbsdruck durch Konkurrenten aus China und den USA ausgesetzt. Deshalb ist auch eine politische Flankierung von Wirtschaftsaktivitäten in Lateinamerika von großer Bedeutung. Dazu zählen auch die Lateinamerika- und Karibik-Initiative des Auswärtigen Amtes sowie die LAK-Konferenzen auf Ministerebene, die zu einem engeren Dialog beitragen.

Auf Zusammenarbeit setzen

„Mehr Produktivität in der Wirtschaft“ bleibt ein zentrales Anliegen vieler lateinamerikanischer Staaten. Das Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre basierte vor allem auf der Zunahme der erwerbstätigen Bevölkerung, die jetzt durch den demografischen Wandel abnimmt. Ohne Produktivitätssteigerungen durch innovative Technologien sind in Lateinamerika Wachstumsrückgänge vorprogrammiert.

Hier eröffnen sich große Chancen für die deutsche Wirtschaft, innovative Technologien nach Lateinamerika zu exportieren bzw. vor Ort zu produzieren. Das gilt insbesondere für den Maschinenbau, Landwirtschaft, Gesundheitssektor, Transport, Bergbau, Öl und Gas sowie Energie. Eine modernisierte Industrie und diversifizierte Wirtschaft leisten am Ende auch einen Beitrag dazu, weite Teile der Bevölkerung in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Dies würde zu mehr Wohlstand und weniger sozialen Spannungen in den Ländern Lateinamerikas führen.