Markus Kerber: Nichts ist sicher, nur die Unsicherheit

Markus Kerber © BDI/Christian Kruppa

Die Weltwirtschaft ist seit Jahren im Krisenmodus. Daraus entstehen Risiken für die international ausgerichtete deutsche Industrie. BDI-Hauptgeschäftsführer Markus Kerber nimmt Stellung zu den Herausforderungen an Politik und Wirtschaft.

Die Weltwirtschaft befindet sich fest im Griff von Krisen. Die Finanz-, Euro- und Griechenlandkrise waren noch überwiegend wirtschaftliche Krisen, mit den Auseinandersetzungen zwischen Russland und der Ukraine, den Konflikten in Nahost und mit der Flüchtlingskrise sind weitere Herausforderungen auf die Politik zugekommen. Die Zunahme von Terroranschlägen gefährdet nicht nur die Mitarbeiter unserer Unternehmen, sondern auch Produktionsstätten und Transportwege. All das bedeutet erhöhte Unsicherheit für unsere Unternehmen, für Handel, Investitionen und auch den Kapitalverkehr.

Politische Spannungen hinterlassen Spuren in der Wirtschaft

Schon jetzt haben einige der politischen Spannungen tiefe Spuren in der Wirtschaft hinterlassen, etwa in Gestalt des Ölpreises, der immer weniger ein Abbild der Marktkräfte ist. Mit ihm hängt auch die Inflationsentwicklung zusammen. Das Russlandgeschäft leidet unter den bestehenden außenpolitischen Spannungen. Dazu kommen innenpolitische Entwicklungen in manchen Ländern, die wirtschaftliche Konsequenzen mit sich bringen. Fehlsteuerungen auf dem Weg Chinas zur Umsetzung ihrer Reformstrategie haben dazu geführt, dass das Land Überkapazitäten aufgebaut hat, etwa im Stahlsektor. Der Export von Produkten zu Dumping-Konditionen ist die Folge. Europa und die USA erholen sich wirtschaftlich zwar allmählich, erleben aber politische Zentrifugalkräfte unbekannter Größenordnung. Auch die wirtschaftliche Erholung Brasiliens wird durch politische Spannungen behindert. Auf beiden Seiten des Atlantiks verschaffen sich politische Extrempositionen zunehmend Gehör. Die Liberalisierung von Märkten wird dadurch in Frage gestellt, das Vertrauen von Investoren in die Standorte kann Schaden nehmen.

Die Politik muss verhindern, dass politische Konflikte auf Handel, Investitionen und Kapitalverkehr überschwappen. Allerdings ist in den letzten Jahren Ernüchterung über die Handlungsfähigkeit der Politik eingetreten. Ernüchterung etwa über die Kraft der Geldpolitik, über die Spielräume in der Finanzpolitik und über die Umsetzung von Strukturreformen. Auch wurden Hoffnungen über ein fortwährendes Wirtschaftswunder der BRICS und über das globale Potenzialwachstum zerschlagen.

Rückzug aus der Globalisierung ist keine Antwort

Die Antwort auf die zunehmenden Unsicherheiten kann nicht der Rückzug aus der Globalisierung und die Re-Nationalisierung von Wertschöpfungsnetzwerken sein. Die politischen Krisen und die Ernüchterung über das politisch Machbare bedeutet für die global ausgerichtete deutsche Wirtschaft vielmehr, dass wir die weltweiten Veränderungen fest im Blick haben müssen. Wir müssen uns über die Konsequenzen politischer Entwicklungen auf die Geschäftsmodelle unserer Unternehmen Gedanken machen und zwar unabhängig davon, wo diese Entwicklungen auftreten. Unsere Unternehmen setzen daher darauf, die Robustheit ihrer Geschäftsmodelle zu erhöhen. Etwa durch die Diversifizierung der Absatzmärkte. Außerdem können durch die zunehmende Digitalisierung der Wertschöpfungsnetzwerke Lieferausfälle und Nachfrageschwäche besser ausgeglichen werden.

Darüber hinaus müssen wir eine breite politische Reformagenda zur Stärkung des Standorts Deutschland erarbeiten, um angemessen auf die weltweiten Veränderungen reagieren zu können. Dabei müssen wir uns auch stärker in multilaterale Foren wie G7, G20, die OECD oder die WTO einbringen, denn die Bewältigung der weltweiten Herausforderungen kann nur durch internationale Kooperation gelingen. Der G20-Vorsitz Deutschlands im kommenden Jahr bietet große Chancen, eine solche Reformagenda zu gestalten. Der BDI, der zusammen mit DIHK und BDA die Präsidentschaft des begleitenden B20-Prozesses innehat, wird diese Gelegenheit nutzen, um die Weichen für mehr Sicherheit in der Weltwirtschaft zu stellen.