Nachhaltige Globalisierung erfordert globale Ordnungspolitik

Globalisierung und Nachhaltigkeit sind kein Widerspruch. (c) artjazz

Die Globalisierung hat weltweit Wachstum und Wohlstand gefördert. Gleichzeitig werden ihre Folgen für soziale Gerechtigkeit und Umwelt kritisiert. Der Blick auf die Fakten zeigt, dass Globalisierung den Ärmsten nutzt und nicht umweltschädlich sein muss. Es kommt aber darauf an, den rechtlichen Rahmen der Globalisierung zu gestalten. Hier ist noch viel zu tun.

Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs Anfang der 1990er-Jahre hat die Globalisierung an Fahrt aufgenommen – die Weltwirtschaft ist zusammengerückt. Grenzen wurden geöffnet und Unternehmen aller Länder haben ferne Märkte erschlossen. So hat sich der weltweite Handel mit Waren zwischen 1990 und 2018 rund versechsfacht. Die grenzüberschreitenden Investitionsbestände haben sich in dieser Zeit sogar rund vervierzehnfacht, die globale Wirtschaftsleistung vervierfacht (UNCTAD). 

Kritik an der Globalisierung: Armut und Ungleichheit?

Doch kommen die wirtschaftlichen Gewinne durch Globalisierung und Marktöffnung auch den Menschen zugute? Die Entwicklung der weltweiten Einkommen in den letzten Jahrzehnten zeigt ein sehr positives Bild. Das globale Einkommen, das sich von 1990 bis 2018 vervierfacht hat, verteilt sich auf eine Weltbevölkerung, die im gleichen Zeitraum im Vergleich zur Wirtschaft deutlich langsamer (um 44 Prozent) gewachsen ist. Deshalb konnten die durchschnittlichen Einkommen weltweit steigen. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen legte global betrachtet zwischen 1990 und 2018 um das 2,6-fache zu (UNCTAD). Weltweit gesehen sind also die ökonomischen Startbedingungen der jungen Generation heute um ein Vielfaches besser als noch für die Generation ihrer Eltern.  

Aber konnten auch die Ärmsten der Weltbevölkerung von diesem Wohlstandswachstum profitieren? Oder ist lediglich eine globale Elite reich geworden? Im Zuge der Globalisierung haben sich die Einkommen der Ärmsten weltweit deutlich verbessert. Der Anteil der in extremer Armut lebenden Menschen hat sich laut Weltbank von 36 Prozent (1990) auf zehn Prozent (2015) verringert. Gleichzeitig sind die Einkommen weltweit gleichmäßiger verteilt als noch vor 30 Jahren. Laut Weltbank ist zudem der Gini-Index aller Einkommen – ein statistisches Maß für Ungleichheit– von 69,7 im Jahr 1988 auf 62,5 im Jahr 2013 gesunken. Insbesondere die Ungleichheit zwischen den einzelnen Ländern ist deutlich zurückgegangen; die Einkommenskonvergenz zwischen Entwicklungs- und Industrieländern nimmt also zu.

Wahr ist aber auch, dass in manchen Ländern Armut und Ungleichheit zugenommen haben, auch in fortgeschrittenen Volkswirtschaften. Am geringsten ist das Gefälle in Europa. Dort verfügten 2016 die oberen zehn Prozent über 37 Prozent des nationalen Einkommens, in Nordamerika waren es 47 Prozent. Die Ursachen für die wachsende Einkommensungleichheit sind sowohl global als auch national. Die Industrie- und Sozialpolitik der betroffenen Staaten ist hier gefragt, Wohlstandseinbußen entgegenzuwirken und soziale Ungleichheiten abzufedern.

Umweltzerstörung durch Globalisierung?

Die Kritik an den Folgen der Globalisierung richtet sich auch gegen ihre Auswirkungen auf die Umwelt. Die Weltbevölkerung ist seit 1990 um 44 Prozent gewachsen und damit auch ihr Anspruch an den natürlichen Ressourcen. Doch fördern Globalisierung und offene Grenzen die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen zusätzlich? Offene Grenzen ermöglichen, dass mehr Menschen miteinander kooperieren können. Dadurch wird es möglich, mehr und billiger zu produzieren, aber auch, die Produktion mit einem niedrigeren Ressourcenverbrauch zu gewährleisten. Die Energieintensität der Produktion, also der Energieeinsatz, der zur Erstellung von 1.000 US-Dollar Wirtschaftsleistung notwendig ist, hat laut Angaben der OECD zwischen 1990 und 2015 um 30 Prozent abgenommen. Diese Entwicklung verdanken wir neben den modernen Produktionstechnologien auch den Möglichkeiten zum freien Handel. Außerdem ermöglichen offene Grenzen und mehr Globalisierung, dass sich hohe Umwelt- und Sozialstandards, wie sie etwa in Deutschland gelten, international verbreiten können. Nicht nur Kunden, auch international aktive Unternehmen erwarten zunehmend, dass etwa im Umweltschutz auch in weniger entwickelten Ländern westliche Standards zum Einsatz kommen. Darüber hinaus kann der steigende Wohlstand in Entwicklungs- und Schwellenländern zum Übergang auf moderne und umweltverträgliche Technologien beitragen. Dadurch ergeben sich nicht zuletzt auch Exportmöglichkeiten für die deutsche Industrie, die im Bereich der Umwelttechnologien viel zu bieten hat.

Globale Ordnungspolitik ist notwendig  

Globalisierung und offene Märkte sind wirksame Mittel im Kampf gegen Armut. Sie stehen zudem nicht im Gegensatz zu einer ökologisch nachhaltigen Entwicklung. Es kommt aber darauf an, dass die Menschen die Möglichkeiten der Globalisierung so nutzen, dass auch das Wohl der Allgemeinheit gefördert wird. Die Weltwirtschaft muss sich deshalb in einem globalen Ordnungsrahmen abspielen. Bei der Gestaltung dieses Rahmens wurde schon viel erreicht. Globale Standards wie die Kernarbeitsnormen der ILO, die OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen oder auch die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte legen weltweite Mindeststandards fest. Mit dem Klimaabkommen von Paris wurde ein internationaler Rahmen zur Erreichung globaler Klimaziele vereinbart. Die Welthandelsorganisation (WTO) hat Offenheit und Fairness im globalen Handel erheblich verbessert, auch zum Nutzen der Schwellen- und Entwicklungsländer. Durch die Schaffung der internationalen Initiative für Transparenz im rohstoffgewinnenden Sektor (EITI) kann Missbrauch beim Abbau von Rohstoffen in Entwicklungsländern begegnet werden.

Allerdings bleibt noch viel zu tun. Der globale Ordnungsrahmen muss weiterentwickelt werden. Globale Regeln müssen dabei gleichermaßen sozial, ökologisch und ökonomisch sinnvoll sein, um internationale Anerkennung finden zu können. Ein konkreter Schritt in diese Richtung wäre die Ausweitung der Geltung etablierter Standards wie der ILO-Kernarbeitsnormen oder auch der OECD-Leitlinien. Der Ausbau eines globalen Handels mit CO2-Zertifikaten wäre ein weiterer Schritt. Auch die Reform und Weiterentwicklung der WTO sowie der Abschluss von Handels- und Investitionsabkommen mit modernen Umwelt- und Sozialstandards ist notwendig, damit Handel weiterhin Wohlstand für alle schaffen kann. Internationale Foren wie die G7, G20 oder auch die OECD müssen verstärkt genutzt werden, um länderübergreifende Einigkeit in Fragen der globalen Ordnungspolitik herbeiführen zu können. Vorbedingung hierfür ist neben der Geschlossenheit der Europäischen Union auch ein gutes transatlantisches Verhältnis. Die Bundesregierung und die neue Europäische Kommission stehen vor der großen Aufgabe, die Globalisierung weiterhin in einer sozial und ökologisch guten Bahn zu lenken. Hierfür müssen alle Möglichkeiten genutzt werden.