Reform der europäischen KMU-Definition: ein Praxisblick

Gerd Röders, Geschäftsführender Gesellschafter der G.A. Röders GmbH, im Interview © G.A. Röders

Wen die EU als KMU klassifiziert, der kann finanzielle und regulatorische Vorteile nutzen. Im Interview zeigt Gerd Röders, geschäftsführender Gesellschafter der G.A. Röders GmbH im niedersächsischen Soltau, dass starre und rein quantitative Grenzen der EU-Definition an seinem Beispiel der Gießerei-Industrie problematisch sind.

Herr Röders, sind Sie laut europäischer Definition ein KMU?

Leider nein. Zwar sind wir von der Umsatzschwelle von 50 Millionen Euro weit entfernt. Mit unseren etwas mehr als 280 Mitarbeitern überschreiten wir allerdings die vorgegebene Beschäftigtenzahl. Obwohl wir uns als Unternehmen mittlerer Größe fühlen und es in vieler Hinsicht auch sind, sind wir es – offiziell – nicht. Natürlich sind aus Perspektive der Verwaltung klare Zahlengrenzen leichter zu erfassen. Dennoch muss die Frage gestellt werden, ob die Grenzen richtig gesetzt sind. Eine Erhöhung der Schwellenwerte würde aus Sicht der Gießerei-Industrie Sinn ergeben.

Warum ist Ihnen die KMU-Definition so wichtig?

Die KMU-Definition ist in vielen Fällen relevant. Der Zugang zu Förderprogrammen und -krediten ist sicherlich ein Aspekt. Ausnahmeregelungen von bürokratischem Aufwand oder auch identitätsstiftende Merkmale spielen eine ebenso wichtige Rolle.

Die Auswirkungen nicht unter die KMU-Definition zu fallen merken wir direkt. Als forschendes Unternehmen erhalten wir keine AIF-Förderungen mehr, was ein Beispiel für die Auswirkung der europäischen KMU-Definition auf nationale Förderprogramme ist. Übrigens betrifft das fast alle Gießereien, auch wenn es sich doch bei diesen Unternehmen mit Blick auf die Finanzen offensichtlich um mittelständische Unternehmen handelt. Denn die meisten Unternehmen in unserer arbeitsintensiven Branche erreichen nicht das Umsatzkriterium trotz eines hohen Materialeinsatzes. Aber durch den hohen Personalaufwand an Mitarbeitern, die bei der Entgratung von Gußteilen nötig sind, wird das Beschäftigtenkriterium fast immer überschritten. In diesem Sinne stehen wir als Unternehmen stellvertretend für eine ganze Branche.

Sie sehen direkte Auswirkungen auf Innovation im Unternehmen?

Ja, aber sicher. Auf diesem Feld haben wir in der Gießerei-Branche trotz großartiger Förderprogramme erhebliche Probleme überhaupt Forschungsverbünde zu etablieren. Deswegen frage ich mich, ob die KMU-Definition über Mitarbeiterzahl und finanzielle Kennwerte wirklich kennzeichnend für ein mittelständisches Unternehmen ist oder ob nicht eine erweiterte Definition dem Mittelstand umfassender helfen würde.

Welche Kriterien machen für Sie stattdessen ein mittelständisches Unternehmen aus und sollten berücksichtigt werden?

Finanzen und Beschäftigte sind sicher eine Annäherung. Aber es spielen noch mehr Aspekte eine Rolle, um mittelständische Unternehmen zu definieren. Gerade der verbindende Effekt von Eigentum, Unternehmensführung und Kontrolle in mittelständischen Familienunternehmen trägt zum Erfolg dieser Unternehmen bei. Solides Wachstum, verantwortungsbewusste Entscheidungen und Standorttreue gehören ebenfalls dazu. Es sollte bei der KMU-Definition eben nicht nur um Quantitäten, sondern auch um Qualitäten gehen.

Die G.A. Röders GmbH zum Beispiel ist seit sechs Generationen in Familienhand. Diese Unternehmenstradition treibt den nachhaltigen Erfolg des Unternehmens weiter an, denn es soll gut aufgestellt an die nächste Generation weiter gegeben werden können.

Die Frage ist auch im europäischen Gesamtkontext zu sehen. Denn es sind oft gerade die industriellen Mittelständler jenseits der KMU-Definition, die innovativ und international erfolgreich aufgestellt sind. Eine Ausweitung der KMU-Definition kann einen Beitrag leisten, diesen Unternehmenstypus auch europaweit zu fördern, und so Investitionen, Arbeitsplätze und Wohlstand vor Ort zu schaffen.