Steigende Stromkosten: Herausforderung für die Industrie

Solaranlage © mrganso/pixabay

Über 600 Milliarden Euro sind bis 2050 alleine im Strombereich notwendig, damit die Energiewende gelingt. Die Stromverbraucher müssen dies über ihren Strompreis schultern. Ein enormer Kraftakt für die Beteiligten.

Die Energiewende ist ein Großprojekt. Damit sie gelingt, müssen gigantische Beträge aufgewendet werden. Die Bundesregierung rechnet mit Investitionen von über 600 Milliarden Euro bis zur Mitte des Jahrhunderts. Im gleichen Zeitraum soll der Anteil aus regenerativen Energiequellen von 27,8 Prozent im Jahr 2014 auf 80 Prozent steigen. Mit jeder Windrad- und jeder Photovoltaikanlage, die hier in Betrieb geht, werden mengenmäßig weniger Einfuhren von Öl und Erdgas als Energieträger benötigt. Das soll die Ausgabenseite vor allem in Zeiten explodierender Rohstoffpreise entsprechend entlasten. Diese Erwartung hat sich bisher jedoch kaum erfüllt.

Rund 43 Prozent des gesamten Endenergieverbrauchs in Deutschland in Höhe von 2.575 Terawattstunden (TWh) im Jahr 2013 entfallen nach den aktuellen Zahlen des Bundesverbandes der Energie und Wasserwirtschaft (BDEV) auf die Wirtschaft mit den Bereichen Industrie (28 Prozent) und Gewerbe, Handel und Dienstleistungen (15 Prozent) – insgesamt 1.125 TWh. Zum Vergleich: Rund fünf Terawattstunden jährlich reichen aus, um eine Großstadt wie Köln mit rund einer Million Einwohnern vollständig mit Energie zu versorgen.

Elektrizität ist für die Industrie Schlüsseltechnologie

Im Gegensatz zum Strombedarf in Privathaushalten für helle Wohnungen oder kalte Kühlschränke ist Elektrizität für die Industrie eine Schlüsselenergie und ein zentraler Produktionsfaktor. Fast die Hälfte des Stroms in der Industrie wird nach Angaben des Umweltbundesamtes zur Erzeugung mechanischer Energie oder für Wärmeanwendungen wie Schmelzprozesse genutzt. Allein für Prozesswärme werden rund zwei Drittel des Endenergieverbrauchs benötigt. Mechanische Energie sorgt für rund ein Viertel des Verbrauchs, ein Großteil der Energie wird für Prozesse (Strom und Wärme) benötigt. Daneben treibt die Automatisierung von Produktionsabläufen den Stromverbrauch in die Höhe. Auf der anderen Seite sind die Produktionsprozesse der deutschen Industrie mittlerweile die effizientesten der Welt, da bei den Energieeinsparungen in den letzten Jahren deutliche Fortschritte erzielt wurden.

Die Kosten für Strom sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen – vor allem aufgrund staatlicher Sonderlasten und Abgaben. Diese Umlagen sowie die Stromsteuer erhöhen auch für die Industrie die Stromkosten – mit direkten negativen Auswirkungen auf die Unternehmen und damit auf den Wirtschaftsstandort Deutschland. Ohne den Einsatz von Strom sind industrielle Prozesse schlicht nicht möglich.

Um die Energiekosten für stromintensive Großverbraucher wie etwa der metallverarbeitenden Industrie, der Papierverarbeitung oder der Chemieindustrie zu begrenzen, sind mehrere Ausnahmeregelungen entstanden, um stromintensive Verbraucher, die im internationalen Wettbewerb stehen, von Steuern und Abgaben zu entlasten. Allerdings profitieren nur rund vier Prozent aller Industrieunternehmen (ca. 2.000) von diesen Regelungen, sodass die Energiekosten-Schere zwischen Deutschland und anderen Volkswirtschaften, insbesondere den USA, bestehen bleibt. EU-weit werden nur in Italien und Dänemark noch höhere Industriestrompreise gezahlt als in Deutschland. Allein die Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ist wegen des starken Ausbaus der Erneuerbaren und wegen des geringen Börsenstrompreises auf 6,17 Cent je Kilowattstunde im Jahr 2015 angestiegen. In 2016 erreicht die EEG-Umlage ihren höchsten Stand mit 6,35 Cent, was in etwa dem gesamten durchschnittlichen Strompreis in den Vereinigten Staaten entspricht.

Ausnahmeregelungen stützen die Industrie

In den vergangenen Jahren hat sich die EEG-Umlage zu einem erheblichen Planungsrisiko entwickelt. Rund 96 Prozent der deutschen Industrieunternehmen zahlen die volle Umlage – insgesamt rund sechs Milliarden Euro im Jahr. Ob und wie sich die bestehenden Ausnahmeregelungen, die von rund vier Prozent besonders energieintensiver Betriebe in Anspruch genommen werden, auf die Wettbewerbsfähigkeit auswirken, hat das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) in der Studie „Stromkosten der energieintensiven Industrie – Ein internationaler Vergleich“ untersucht. Die Analyse zeigt, dass die bestehenden Ausnahmeregelungen die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie im Vergleich der elf untersuchten Länder stützen und gesamtwirtschaftlich positiv wirken. Ermittelt wurden die Strombeschaffungspreise und Netzentgelte sowie Privilegierungskriterien bei Steuern und Umlagen für sechs energieintensive Branchen: Chemie, Papier, Stahl, Aluminium, Kupfer und Textil. Allerdings liegt die Tücke wie immer im Detail.

Danach zahlten die stromintensiven Großverbraucher aus der metallverarbeitenden Industrie und aus der Chemieindustrie in Deutschland im Vergleich zu allen untersuchten zwar die niedrigsten Strompreise, bedingt vor allem durch keine beziehungsweise reduzierte Steuern und Umlagen sowie geringere Netzentgelte. Allerdings profitieren in Deutschland nur rund 2.000 von 45.000 Betrieben insgesamt von entsprechenden Ausnahmeregelungen – also rund vier Prozent aller Industrieunternehmen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Kriterien für die Beantragung nicht einheitlich definiert sind. So gibt es Ober- und Untergrenzen beim absoluten Stromverbrauch oder die Stromkosten müssen im Vergleich zu Wertschöpfung oder Umsatz ausgewiesen werden.

In Deutschland erfüllen vor allem Aluminium- und Kupferhersteller, die Stahlproduktion in Elektrostahlöfen und chemische Reduktionsprozesse nahezu alle Kriterien, um von staatlich regulierten Strompreiskomponenten entlastet zu werden. Die Privilegien umfassen Sockelbeträge für hohe Energieverbräuche, Steuerentlastungen bei einem hohen Anteil der Stromkosten am Gesamtumsatz und eine Reihe weiterer Ausnahmeregelungen zum Beispiel für Energieeffizienzmaßnahmen oder für Industrien mit besonders starkem internationalem Wettbewerb oder besonders stromintensiven Prozessen. Daneben gilt in Deutschland noch für bestehende Anlagen eine Entlastung von der EEG-Umlage für selbst erzeugte Energie bis zum Jahr 2017, die aber aktuell auf dem Prüfstand steht.

Ohne diese Ausnahmeregelungen wären die Strompreise für einzelne Unternehmen im Jahr 2014 um knapp 8 Cent pro Kilowattstunde höher gewesen. Mit der dramatischen Folge, dass sich die Produktion etwa von Aluminium und Chlor in Deutschland nicht „lohnen und über kurz oder lang eingestellt“ werden würde, lautet ein zentrales Fazit aus der Studie. Ähnliches gilt für viele Papierhersteller und Stahlerzeuger. Höhere Strompreise bei einem möglichen Wegfall der Privilegien an die Nachfrager durchzureichen, wäre aber auch keine Lösung. Besonders stark würden dann die Produktpreise in der Papierindustrie und in der Nichteisen-Metallbranche steigen – um durchschnittlich etwa fünf Prozent. Dadurch würde auch die Exportnachfrage in diesen stromintensiven Branchen um 16 bis 18 Prozent sinken und die Produktion kurzfristig um elf bis 18 Prozent einbrechen. Andererseits ist die Wettbewerbsfähigkeit entscheidend für den Industriestandort Deutschland – allemal vor dem Klimaziel der Europäischen Union, ihren CO2-Ausstoß bis 2030 um 40 Prozent zu senken. Eine der wichtigsten gemeinsamen Säulen der EU-Klimaschutzpolitik ist dafür das Emissionshandelssystem EU ETS („Emission Trading System“).

Der BDI unterstützt die Bemühungen der EU für einen wirksamen Emissionshandel. Damit das Emissionshandelssystem aber zum Eckpfeiler einer nachhaltigen Klimapolitik ausgebaut werden kann, muss es Teil einer konsistenten industrie-, energie- und klimapolitischen Gesamtstrategie sein, um die Kosten nicht weiter zu verteuern, betont BDI-Präsident Ulrich Grillo: „Wir brauchen Energiekosten, die international wettbewerbsfähig sind, sowie auch in Zeiten fluktuierender Wind- und Sonnenenergie eine unverändert hohe Versorgungssicherheit, die ein Markenzeichen des Standorts Deutschland ist.“