Stromnetzausbau – Enabler oder Bottleneck der Energiewende?

Stromnetzausbau - sichere und kosteneffiziente Stromversorgung

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Unternehmen in Deutschland sind auf eine sichere und kosteneffiziente Stromversorgung angewiesen, auch um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Ohne zügigen Netzausbau wird die Energiewende nicht gelingen. Wie ist der Stand des Netzausbaus in Deutschland? Vor welchen Herausforderungen steht die deutsche Industrie?

Bestandsaufnahme - wo stehen wir?

Das Bundeskabinett hat im Herbst 2016 den Bericht zum Stand des Netzausbaus nach dem Energieleitungsausbaugesetz (vordringlich zu realisierende Leitungen) verabschiedet. Der Bericht wird alle zwei Jahre dem Deutschen Bundestag vorgelegt. Wesentliche Elemente des Berichts sind:

  • Von den geplanten rund 1.800 Leitungskilometern sind bislang rund 850 km (knapp 50 Prozent) genehmigt. Nur rund 650 km (rund 35 Prozent) sind realisiert.
  • Bis Ende 2017 rechnen die Übertragungsnetzbetreiber mit einer Fertigstellung von rund 45 Prozent der Leitungskilometer, bis Ende 2020 mit einer Fertigstellung von rund 85 Prozent der Leitungskilometer.
  • Die verbleibenden Vorhaben sollen bis 2025 in Betrieb genommen werden.

Der Bericht zeigt, dass die Zahl der genehmigten Leitungen nach dem Energieleitungsausbaugesetz gestiegen ist. Jedoch ist nicht nur im Vergleich zur ursprünglichen Planung, sondern auch zum Stand im letzten Bericht im Jahr 2015, nochmals eine deutliche Verzögerung hinsichtlich der geplanten Inbetriebnahme-Zeitpunkte festzustellen. Zudem ist zu berücksichtigen, dass zu den 22 Vorhaben mit rund 1.800 Leitungskilometern nach dem Energieleitungsausbaugesetz (sogenanntes Startnetz) weitere 43 Vorhaben nach dem Bundesbedarfsplangesetz mit circa 6.100 Leitungskilometern hinzukommen.

Der aktuelle Bericht macht deutlich, dass der Ausbau der Übertragungsnetze weiterhin nur schleppend vorankommt – und dies trotz der nunmehr vorgeschriebenen Pflicht zur Erdverkabelung bei Höchstspannungsgleichstromleitungen (HGÜ-Leitungen).

Was sind die Risiken und Herausforderungen?

Ohne zügigen Netzausbau steht zumindest mittel- und langfristig auch die Versorgungssicherheit in Deutschland auf dem Spiel.

Wie ist hier der aktuelle Stand?

Die Bundesnetzagentur veröffentlicht jährlich Zahlen zur Versorgungssicherheit (SAIDI-Werte). Der SAIDI-Wert gibt die Dauer von ungeplanten Unterbrechungen von länger als drei Minuten an.

Laut dem aktuellen Bericht der Bundesnetzagentur von Ende Oktober lag die durchschnittliche Unterbrechungsdauer je angeschlossenem Letztverbraucher bei 12,7 Minuten in 2015 – im Jahr 2014 (12,28 Minuten). Die Bundesnetzagentur spricht davon, dass sich die deutsche Stromversorgungsqualität weiterhin auf sehr hohem Niveau befinde.

Allerdings hat der SAIDI-Wert nur eine begrenzte Aussagekraft hinsichtlich der tatsächlichen Versorgungsqualität. Für industrielle Stromverbraucher führen bereits kürzere und kürzeste Unterbrechungen oder Spannungseinbrüche zu Produktionsausfällen und damit verbundenen erheblichen Schäden.

Zudem ist laut eigenen Angaben der Bundesnetzagentur im Vergleich zum Vorjahr die Gesamtzahl an Versorgungsunterbrechungen (173.825 in 2015) gestiegen.

Neben der Unterbrechungsdauer hat auch die Anzahl der Eingriffe der Übertragungsnetzbetreiber in die Kraftwerksfahrweise (sogenannte Redispatchmaßnahmen) in 2014 in Vergleich zum Vorjahr um sechs Prozent auf 8.453 Stunden zugenommen. Im Jahr 2015 betrug die Gesamtdauer der Redispatch-Maßnahmen (15.811 Stunden) sogar fast das Zehnfache des Wertes von 2010.

Stockender Netzausbau und damit verbundene Redispatchmaßnahmen machen die Energiewende auch teuer: Die Kosten für Redispatchmaßnahmen lagen im Jahr 2015 bei rund 402 Mio. Euro – dies ist mehr als doppelt so viel (rund 185 Mio. Euro) als in 2014.

Fazit

Das Tempo des Stromnetzausbaus in Deutschland stellt derzeit trotz der nunmehr vorgeschriebenen Pflicht bei HGÜ-Leitungen ein Bottleneck für die Umsetzung der Energiewende in Deutschland dar. Es ist dringend erforderlich, dass der Stromnetzausbau zum Enabler der Energiewende wird. Hierfür ist erforderlich, dass die Synchronisation zwischen dem Ausbau der Erneuerbaren und dem Ausbau der Stromnetze weiter deutlich verbessert wird. Hierzu muss auch die Akzeptanz für den Stromnetzausbau in der Bevölkerung verbessert werden.

Die Energiewende muss für Privatverbraucher und industrielle Verbraucher bezahlbar sein. Sonst könnte nicht nur der Stromnetzausbau, sondern auch das Projekt Energiewende insgesamt in Frage gestellt werden. Der Stromnetzausbau muss deshalb dringend zum Enabler der Energiewende werden.