Vom Nutzen der jungen Branchen: Warum Dickschiffe Beiboote brauchen

Motto eines Startups, Schild auf dem Regal einer Küche © BDI

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Wirtschaftszweige sind wie Menschen: Damit es sie über Generationen gibt, braucht es Nachwuchs. In der Wirtschaftssprache heißen diese: Startups. In Deutschland kennt man sie vor allem als Digital- und Dienstleistungsgründungen. Aber auch industrielle Neugründungen sollten vorangebracht werden.

„Dickschiffe“ – so werden große Konzerne bisweilen in den Medien bezeichnet. Verglichen damit sind Startups schnelle, wendige Beiboote. Einige könnten sich sogar als Rettungsboote für die schwerfälligen Tanker herausstellen, die sich in internationalen Gewässern in schwierigem Fahrwasser bewegen, um in diesem Bild zu bleiben.

Die Deutschen lassen vergleichsweise wenige Neugründungen vom Stapel. Bei der Zahl von Startups liegen wir im internationalen Vergleich auf Platz 27; die sogenannte Total Early-Stage Entrepreneurship Activity TEA, kurz gesagt Gründungsquote, beträgt 5,3 Prozent der arbeitenden Bevölkerung. Damit die größte Volkswirtschaft Europas im globalen Wettbewerb bestehen kann, braucht es aber frische Ideen und neue Unternehmen, die aus Ideen Umsatz generieren.

Bewertung von Rahmenbedingungen

Dem „Ernst & Young Startup Monitor“ zufolge bewerten nur 30 Prozent der befragten Unternehmensgründer die derzeitigen Rahmenbedingungen für Startups in Deutschland als gut, weitere 44 Prozent bezeichnen sie als befriedigend. Ein „ausreichend“ und „mangelhaft“ vergibt immerhin jeder vierte Gründer. Interessant: In Berlin wird der Startup-Standort Deutschland positiver angesehen als im Rest der Republik.

Außerdem, so der Monitor, hätten bereits vier von fünf Startups mit großen Unternehmen zusammengearbeitet. Dass von diesen die Mehrheit die Zusammenarbeit uneingeschränkt positiv bewertet, ist aus BDI-Sicht besonders hervorzuheben. Kaum ein Unternehmen fällte dabei ein negatives Votum.

Besonders vorteilhaft bei der Zusammenarbeit mit Corporates ist ein langer Atem: Drei von vier Startups halten diesen für wichtig. Weitere große Pluspunkte sind nach Ansicht der Gründer Kenntnisse von Struktur und Organisation der Corporates sowie die Erfahrung der Vertriebler im eigenen Team. Immerhin drei von zehn Gründern in Deutschland haben „Unternehmer-Blut“ in ihren Adern. Die Mehrheit der befragten Gründer allerdings bewegt sich beruflich hingegen auf Neuland.

Industrie 4.0

Im Auftrag des BDI haben die Strategieberater von Roland Berger „Die Digitale Transformation der Industrie“ untersucht. Im öffentlichen Diskurs gewann die digitale Transformation in den vergangenen Monaten stark an Relevanz. In Deutschland konzentriert sich die Diskussion dabei auf die Industrie 4.0, was den Einsatz digitaler Technologien zur Effizienzsteigerung und Kostenoptimierung beschreibt. In den USA hingegen steht das „Internet of Things“ („Internet der Dinge“) eindeutig im Zentrum der öffentlichen Wahrnehmung. Dieses Konzept sei laut der Unternehmensberatung bedeutend weiter gefasst und stehe nicht nur für eine (kosten-)effizientere Fertigung, sondern zum Beispiel auch für einen anderen Kundenzugang. In diesem breiteren Verständnis spiegelt sich letztlich auch der viel umfassendere Veränderungsbedarf für Unternehmen wider.

Wie Old und New Economy stärker voneinander profitieren können

Wie gut sich alte und neue Wirtschaft ergänzen, sieht man laut dem Berliner Gründermagazin „the Hundert“ u. a. im Pharma- und Biotechnologie-Bereich. Hier stellten in Startups generierte Erkenntnisse bereits seit Langem einen wesentlichen Bestandteil der „Innovations-Pipeline der etablierten Spieler“ dar, heißt es in dem Beitrag, der von Florian Heinemann, Mitgründer und Geschäftsführer von Project A, verfasst wurde. Ihm zufolge kann das angesprochene „Pipeline-Denken“ durch Akquisitionen, direkte und indirekte Beteiligungen oder durch reine Kunden-Lieferanten-Beziehungen erreicht werden. Startups würden „das digitale Kompetenzprofil eines etablierten Unternehmens relevant verbessern“. Dabei hätte dieser Kompetenzzuwachs viel wesentlichere Auswirkungen auf die Gesamtorganisation als zusätzlicher Umsatz, Free Cashflow oder Gewinn, schreibt Heinemann. Erkannt – und in eigene Entscheidungen aufgenommen – würde dies jedoch nur von wenigen Old-Economy-Firmen. Das sollte sich schnell ändern, damit die Dickschiffe auf Kurs bleiben, unterstützt von den kleinen, wendigen und schnellen Beibooten.