Nachhaltige Unternehmen - Nachhaltigkeitsstrategie - Interview zur Nachhaltigkeit in Unternehmen mit Antje von Dewitz

VAUDE-Geschäftsführerin Antje von Dewitz über Nachhaltigkeit: „Wachstum ja, aber nicht um jeden Preis“ © VAUDE

„Zeit für ein Umdenken in der Wirtschaft“

Globale Lieferketten, digitale Vertriebskanäle und Preisdruck: Unternehmen stehen vor der Herausforderung, sich den wandelnden Wettbewerbsbedingungen anzupassen. Bleibt die Nachhaltigkeit dabei auf der Strecke? Von wegen, meint Antje von Dewitz. Im Interview spricht die Geschäftsführerin des Outdoor-Ausstatters VAUDE über Nachhaltigkeit als Markenstrategie, organisatorische Herausforderungen und Innovationstreiber – und zeigt, was ein Familienunternehmen mit den Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen anfangen kann.

Frau von Dewitz, Sie haben die Firma Ihres Vaters 2009 übernommen und verfolgen das Ziel, VAUDE zum nachhaltigsten Outdoor-Ausrüster Europas zu machen. Wie wird Nachhaltigkeit bei Ihnen im Unternehmen gelebt?

Als nachhaltiges Unternehmen ist es uns wichtig, in einer gesunden Balance zwischen ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Verantwortung zu agieren. Bei allen unternehmerischen Entscheidungen berücksichtigen wir alle drei Faktoren und versuchen diese – so gut es geht – in Einklang zu bringen. Das heißt: Wachstum ja, aber nicht um jeden Preis.

Unsere Nachhaltigkeitsstrategie verfolgen wir ganzheitlich und systematisch. Wir haben das Thema Nachhaltigkeit im gesamten Unternehmen verankert, bis hinein in die Ziele eines jeden einzelnen Mitarbeiters. So schaffen wir die Grundlage dafür, dass Nachhaltigkeit und die damit verbundenen Werte im ganzen Unternehmen gelebt werden. Entscheidend dabei ist, dass alle Mitarbeiter einbezogen werden und jedem einzelnen bewusst ist, wie er in seiner jeweiligen Funktion dazu beitragen kann.

Nachhaltigkeit ist das leitende Prinzip der Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinten Nationen, an denen sich alle Länder und gesellschaftlichen Akteure orientieren sollen. Warum sollten sich auch mittelständische Unternehmen für die Ziele interessieren?

Wir stehen heute vor großen globalen Herausforderungen, die uns alle etwas angehen: Klimaschutz, Ressourcenverbrauch, Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern und vieles mehr. Daher sollte es eigentlich selbstverständlich sein, dass auch Unternehmen Verantwortung übernehmen, um diese Herausforderungen positiv zu gestalten. Dies ist aus meiner Sicht kein Luxus, sondern ich halte es für absolut erforderlich um als Unternehmen langfristig bestehen zu können.

Es gibt mittlerweile eine ganze Anzahl an Codizes und Leitwerken für Nachhaltigkeit, Menschenrechte oder Transparenz: Sehen Sie die Gefahr, dass gerade mittelständische Unternehmen, deren Geschäft eigentlich auf ganz anderen Feldern liegt, davon überfordert werden?

Ich bin überzeugt davon, dass es für Unternehmen, gerade auch Mittelständler, essentiell ist, sich mit diesen Themen auseinander zu setzen und die Prozesse und Standards darauf auszurichten. Das bedeutet zunächst einen Mehraufwand, der sich jedoch auf lange Sicht lohnt. Denn es macht das Unternehmen stabiler, zukunftsfähiger, innovativer und wirtschaftlich erfolgreicher. Das sind unsere Erfahrungen, die sich auch wissenschaftlich belegen lassen.

Eine frühzeitige Auseinandersetzung mit den skizzierten Herausforderungen ist wichtig, da es die gesellschaftliche und politische Entwicklung vorwegnimmt. Sowohl Konsumenten als auch Politik fordern immer mehr die Verantwortung von Unternehmen in diesen Feldern ein. Es geht aus meiner Sicht darum, ob ich jetzt aktiv agiere und die SDGs als Innovationsimpulse in meine Strategie integriere und damit Vorreiter bin, oder ob ich dann irgendwann nur noch auf konkrete Forderungen reagieren kann.

Wie nähern Sie sich bei VAUDE konkret den Entwicklungszielen der Vereinten Nationen an? Stellt Sie dieses Leitwerk vor neue Herausforderungen?

Die Entwicklungsziele der Vereinten Nationen stimmen im Großen und Ganzen mit unseren Zielen überein, für die wir uns schon seit Jahren einsetzen. Daher stellen sie uns nicht vor neue Herausforderungen, sondern geben uns Rückenwind.  

Das Ziel Responsible Consumption and Production ist eines unserer großen Themen, das wir seit Jahren übergreifend im ganzen Unternehmen verfolgen. VAUDE setzt sich dafür ein, die gesamte Lieferkette und den Lebenszyklus unserer Produkte konsequent nach ökologischen und fairen Gesichtspunkten zu gestalten. Wir haben ein eigenes Bewertungssystem entwickelt, das Green Shape-Label, das umweltfreundliche Produkte aus nachhaltigen Materialien und fairer Herstellung kennzeichnet. Die strengen Kriterien umfassen den gesamten Lebenszyklus des Produkts – vom Design über die Produktion bis hin zu Pflege, Reparatur und Verwertung. Bei der Herstellung achten wir auf faire Arbeitsbedingungen in der gesamten Lieferkette. 99 Prozent unseres Produktionsvolumens werden in Produktionsbetrieben hergestellt, die von der unabhängigen Organisation Fair Wear Foundation auditiert wurden. Um Produkten ein möglichst langes Leben zu geben, haben wir beispielsweise einen VAUDE Second Use Shop auf Ebay ins Leben gerufen, kooperieren mit der Reparaturplattform iFixit und arbeiten mit der Organisation Fairwertung zusammen.

Eine große Rolle spielt für VAUDE auch das Ziel Climate Action, für das wir uns stark einsetzen. Unser Firmensitz in Tettnang, an dem 500 Mitarbeiter beschäftigt sind, ist vollständig klimaneutral. Dies trifft auch für unsere Manufaktur zu, in der wir „Made in Germany“-Produkte herstellen. Mit Hilfe innovativer Mobilitätskonzepte reduzieren wir sukzessive die Emissionen durch den Pendelverkehr unserer Mitarbeiter. Durch eine hohe Energieeffizienz senken wir den Energieverbrauch am Firmenstandort.

Sie produzieren in Asien, beispielsweise in China und Vietnam, Ihre Kunden wiederum finden VAUDE auch bei internationalen Onlinehändlern. Können Sie soziale und ökologische Standards angesichts globaler Zulieferbeziehungen und digitaler Vertriebsstrukturen eigentlich gewährleisten?

Ja, es ist möglich. Allerdings sind damit hohe Kosten und ein hoher Schulungs-, Kontroll- und Unterstützungsaufwand verbunden. Ganz ausschließen, dass einmal etwas verkehrt läuft, können wir natürlich auch nicht, aber es wird mit Hilfe der entsprechenden Kontrollmechanismen mit großer Sicherheit transparent und kann somit angegangen werden.

Wir setzen uns dafür ein, entlang der gesamten globalen Lieferkette hohe ökologische und soziale Standards zu etablieren. In China und Vietnam haben wir eigene VAUDE Teams, die in den von uns beauftragten Produktionsstätten soziale, ökologische und qualitative Standards kontrollieren. Im Rahmen unseres Pilotprojekts Environmental Stewardship in the Supply Chain schulen wir die Zulieferer in Asien in Chemikalien- und Ressourcenmanagement und Sozialstandards.

Digitale Vertriebskanäle sind heute nicht mehr wegzudenken. Wir haben unsere digitalen Kanäle so aufgebaut, dass wir unsere langjährigen Partner im stationären Handel konsequent integrieren und unterstützen. So vertreiben wir unsere Ware nicht direkt über eigene Online-Kanäle, sondern binden auch hier den Fachhandel mit ein.

Wenn bei uns Kritik beispielsweise an den Arbeitsbedingungen bestimmter Online-Anbieter aufkommt, beschäftigen wir uns intensiv damit und fordern auch Stellungnahmen der betroffenen Händler ein. Bis jetzt haben wir daraufhin keine Notwendigkeit gesehen weiter zu handeln.

Viele Unternehmen scheuen den Aufwand und die Kosten, die mit einer umweltschonenden, an den SDGs ausgerichteten Produktion einhergehen. Lohnt sich Nachhaltigkeit eigentlich?

Es ist mit einem deutlich höheren Aufwand und auf Produktebene mit höheren Kosten verbunden. Doch auf lange Sicht lohnt es sich. Eine nachhaltige Ausrichtung stärkt das Markenvertrauen, das für Konsumenten immer wichtiger wird. Dies trägt wiederum zu höheren Umsätzen bei. Zugleich wirkt sich eine nachhaltige, werteorientierte Unternehmensführung positiv auf das Betriebsklima und die Attraktivität als Arbeitgeber aus.

Wir haben bereits sehr früh konsequent auf Nachhaltigkeit gesetzt und damit eine hohe Glaubwürdigkeit erlangt. Dies hat uns zu einer klaren Markenpositionierung verholfen, durch die wir uns am Markt differenzieren.

Meinen Sie, dass sich Nachhaltigkeit als Markenkonzept auch auf altangestammte Industriezweige übertragen lässt? Was können Gießerei, Walzwerk und Maschinenbauer von VAUDE lernen?

Es ist meiner Meinung nach höchste Zeit für ein Umdenken in der Wirtschaft. Wenn wir nicht alle gemeinsam an einem Strang ziehen, um dem Klimawandel entgegenzuwirken, zerstören wir unsere Existenzgrundlage. Ich bin überzeugt davon, dass Unternehmen aller Branchen von einer nachhaltigen Ausrichtung profitieren werden. Ein ganzheitliches nachhaltiges Umweltmanagement führt häufig auch zu konkreten Kostenersparnissen beispielsweise in Bezug auf Energieverbrauch oder Entsorgungskosten. In meinen Augen ist eine nachhaltige Ausrichtung ein klarer Erfolgsfaktor, der in Zukunft immer wichtiger werden wird, ob es um Innovationsfähigkeit, Markenstärke oder auch um den Gewinn qualifizierter Arbeitskräfte geht. Dies gilt langfristig auch für die Zulieferer, denn die Lieferketten werden immer transparenter und damit auch für das Image des Endprodukts zunehmend relevanter.