Der BDI unterstützt eine ehrgeizige Klimaschutzpolitik

Klimaschutzpolitik im Zeichen des Klimawandels für die Erreichung der Klimaziele

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Der hierfür notwendige deutliche Wandel in Wirtschaft und Infrastruktur bietet erhebliche Herausforderungen, Risiken und Chancen. Die deutsche Industrie hat bereits in der Vergangenheit gezeigt, dass sie dieser Herausforderung gewachsen ist und Treibhausgase kontinuierlich zu reduzieren vermag.

Der Klimawandel ist eine der großen globalen Herausforderungen der heutigen Zeit und ein entscheidender Baustein für die Gestaltung der Zukunft. Mit dem Klimaschutzplan 2050 hat die Politik einen ambitionierten Zielkorridor vorgegeben. Ungelöst bleibt dabei die Frage, ob und auf welche Weise in der industriellen Praxis die Dynamik der Treibhausgasreduktionen gehalten oder sogar erhöht werden kann. Sicher ist, dass die Industrie auch zukünftig innovative Prozesse und Produkte entwickeln und damit Lösungen für den Klimaschutz anbieten wird. Dennoch müssen folgende Fragen beantwortet werden. Sind die von der Politik vorgegebenen Ziele erreichbar? Welche Rolle spielen technologische Grenzen? Wie können die Potenziale durch Intensivierung von FuE-Aktivitäten (Forschung & Entwicklung) ausgebaut werden?

Was die Studie leisten kann

Die BDI-Studie „Klimapfade für Deutschland“ versucht, auf diese Fragen Antworten zu geben und liefert damit einen wichtigen Beitrag zu den Debatten über den Klimaschutzplan 2050. Die Vorgabe der Bundesregierung zeigt, dass die Industrie in den kommenden Monaten und Jahren vor wachsenden politischen Herausforderungen stehen wird. In der bisherigen politischen Diskussion stießen bisweilen langfristige politische Wunschvorstellungen auf realistische Einschätzungen hinsichtlich des technischen Fortschritts und der erzielbaren Kostendegression bei klimafreundlichen Technologien sowie der Adaption durch die Konsumenten. Beispielsweise macht es einen erheblichen Unterschied, ob als Ziel entweder 80 oder 95 Prozent CO2-Reduktion bis zum Jahr 2050 erreicht werden soll.

Ziel des Projekts war die Positionierung der deutschen Industrie hinsichtlich einer langfristig wirkenden gemeinsamen Klimaschutzstrategie. Hierfür erarbeiteten die beteiligten Akteure eine umfassende Analyse der wirtschaftlichen Treibhausgas-Reduktionspotenziale der Wirtschaft bis 2030 und bis 2050. Ausgangspunkt war die Frage, welche Treibhausgas-Minderungen unter welchen politischen, technologischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen bis 2050 realisiert werden können. Darauf aufbauend wurden politische Handlungsempfehlungen abgeleitet, um die Lücke, das „Gap“, zwischen den Klimapfaden und den politischen Zielen zu schließen.

Grenzen der Machbarkeit

Das Ziel von 95 Prozent THG-Reduktion würde an die Grenze absehbarer technischer Machbarkeit und heutiger gesellschaftlicher Akzeptanz stoßen. Eine solche Reduktion, erfordert praktisch Nullemissionen für weite Teile der deutschen Volkswirtschaft. Dies würde neben einem weitestgehenden Verzicht auf alle fossilen Brennstoffe unter anderem den Import erneuerbarer Kraftstoffe für den Verkehrssektor (Power-to-Liquid/Power-to-Gas), den selektiven Einsatz aktuell unpopulärer Technologien wie Carbon-Capture-and-Storage (CCS) und sogar weniger Emissionen im Tierbestand der Landwirtschaft bedeuten. Eine erfolgreiche Umsetzung wäre nur dann vorstellbar, wenn die meisten anderen Länder ähnlich hohe Vorgaben anstreben und diese auch umsetzen.

Die Studie hat mehrere „Game-Changer“ identifiziert, die das Potenzial haben, das Erreichen der Klimaziele in den nächsten Jahrzehnten zu erleichtern und günstiger zu gestalten. Dazu zählen unter anderem Technologien für die Wasserstoffwirtschaft und Verfahren zur Abscheidung und Wiederverwendung von CO2, so genannte Carbon-Capture-and-Utilization-Verfahren. Ihre Einsatzreife ist aktuell noch nicht sicher absehbar und wird daher nicht unterstellt. Sie sollten allerdings mit Priorität erforscht und entwickelt werden.

Klimaschutz-Investitionen

Um die Klimapfade kosteneffizient zu erreichen, müssten aus heutiger Sicht Mehrinvestitionen von 1,5 bis 2,3 Billionen Euro bis 2050 gegenüber einem Szenario ohne verstärkten Klimaschutz erfolgen. Darin eingerechnet sind etwa 530 Milliarden Euro für eine Fortschreibung der bereits bestehender Anstrengungen, also dem Fortlaufen des Referenzpfads. Die direkten volkswirtschaftlichen Mehrkosten nach Abzug von Energieeinsparungen lägen bei etwa 470 bis 960 Milliarden Euro bis 2050.

Hinweis zur Kostenberechnung

Die im Text als „Mehrinvestitionen“ bezeichneten Investitionen enthalten alle zusätzlichen Investitionen zur Erreichung der Klimapfade über im Referenzszenario getroffene Investitionen hinaus. Zur Berechnung der Mehrkosten wurden diese mit 2 Prozent volkswirtschaftlichem Realzins über die Lebensdauer des jeweiligen Kapitalguts annuisiert. Energiekosteneinsparungen und -ausgaben wurden gegengerechnet. Hierfür wurden Grenzübergangspreise für fossile Energieträger und Stromsystemkosten angesetzt. Die Mehrinvestitionen und -kosten für nichtwirtschaftliche Maßnahmen des Referenzszenarios wurden darüber hinaus grob abgeschätzt.

Bei optimaler politischer Umsetzung wären die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen der betrachteten Klimapfade neutral, es würde eine „Schwarze Null“ erreicht. Dabei wäre jedoch im Szenario ohne globalen Konsens ein umfangreicherer Schutz gefährdeter Industrien nötig, um dem Risiko einer Schwächung industrieller Wertschöpfung zu begegnen – in Form eines wirksamen Carbon-Leakage-Schutzes und langfristig verlässlicher Ausgleichsregelungen für Industrien im internationalen Wettbewerb.

Chancen & Risiken

Erfolgreiche Klimaschutzbemühungen wären mit umfangreichen Erneuerungen von Sektoren der deutschen Volkswirtschaft verbunden und könnten deutschen Exporteuren weitere Chancen in wachsenden „Klimaschutzmärkten“ eröffnen. Studien erwarten, dass das Weltmarktvolumen der wichtigsten Klimatechnologien bis 2030 auf 1 bis 2 Billionen Euro pro Jahr anwachsen wird. Deutsche Unternehmen könnten auf diesem globalen Wachstumsmarkt ihre Technologieposition stärken.

Zugleich wird der anstehende Veränderungsprozess Deutschland vor erhebliche Umsetzungsherausforderungen stellen. Die betrachteten Klimapfade sind volkswirtschaftlich kosteneffizient und unterstellen eine ideale Umsetzung im Sinne sektorübergreifender Optimierung und „richtiger Entscheidungen zum richtigen Zeitpunkt“. Fehlsteuerungen in der Umsetzung, wie sie zum Beispiel im Rahmen der Energiewende durch Überförderungen und der Verzögerung des Netzausbaus zu beobachten sind, können die Kosten und Risiken erheblich steigern oder das Ziel sogar unerreichbar werden lassen.

Erfolgreicher Klimaschutz in Deutschland könnte einerseits international Nachahmer motivieren. Andererseits wären im Fall signifikant negativer wirtschaftlicher Auswirkungen die deutschen Klimaschutzbemühungen sogar kontraproduktiv, da sie andere Staaten abschrecken würden, während der deutsche Anteil am globalen THG-Ausstoß mit weniger als drei Prozent das Klima allein nicht wesentlich beeinflusst. Eine international vergleichbar ambitionierte Umsetzung zumindest in den größten Volkswirtschaften (G20) würde diese Risiken deutlich mindern und deutschen Unternehmen außerdem breitere Exportchancen eröffnen.

Gemeinsame Kraftanstrengung

Das Erreichen der deutschen Klimaziele und eine positive internationale Multiplikatorwirkung sind daher ein politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Kraftakt. Gefragt ist eine weitsichtige Klima-, Industrie- und Gesellschaftspolitik „aus einem Guss“, die auf Wettbewerb und Kosteneffizienz setzt, gesellschaftliche Lasten fair verteilt, Akzeptanz für die Maßnahmen sicherstellt sowie den Erhalt und Ausbau industrieller Wertschöpfung priorisiert. Dazu bedarf es für das „Großprojekt Klimaschutz“ einer langfristigen politischen Begleitung.