„Zeigen, was möglich ist“

Interview zum Klimaschutzplan 2050 mit Carsten Rolle - BDI

Carsten Rolle, Abteilungsleiter Energie- und Klimapolitik des BDI © dirkhasskarl/fotografie

Carsten Rolle, Abteilungsleiter Energie- und Klimapolitik des BDI, hat die Studie „Klimapfade für Deutschland“ federführend betreut. Im Interview erläutert er, wie der Klimaschutzplan 2050 in die industrielle Praxis umgesetzt werden könnte und welche Rahmenbedingungen für das Erreichen dieser Ziele erfüllt sein müssen.

Herr Rolle, Deutschland soll bis 2050 „weitgehend treibhausgasneutral“ werden, so heißt es im Klimaschutzplan der Bundesregierung. Was bedeutet das?

Hintergrund ist das so genannte Pariser Klimaschutzabkommen vom Dezember 2015. Darin haben sich die unterzeichnenden Staaten verpflichtet, im Laufe der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts Treibhausgasneutralität zu erreichen, also eine ausgeglichene Bilanz für menschlich verursachte Treibhausgasemissionen vorzuweisen. Für die Zeit bis 2050 hat die Bundesregierung einen Klimaschutzplan aufgestellt. Darin beschreibt sie einen Zielkorridor: Der Ausstoß von CO2 und anderen Treibhausgasen soll bis 2050 um 80 bis 95 Prozent zurückgehen – im Verhältnis zum Jahr 1990. Diesen Korridor haben wir untersucht. Ist es möglich, ihn zu erreichen, und wenn ja, unter welchen Voraussetzungen?

Dann bitte vorab: Ist es möglich?

Es kommt drauf an. Die gute Nachricht ist: Wir können in den Szenarien einen optimalen Pfad beschreiben, in dem eine Reduktion der Treibhausgase bis 2050 um 80 Prozent technisch und volkswirtschaftlich möglich ist. Dafür müssen jedoch einige wesentliche Voraussetzungen gegeben sein – Stichwort „umfassender Carbon Leakage Schutz der Industrie“. Richtig ist aber auch: 95 Prozent der Treibhausgase bis 2050 einzusparen, wäre nicht einfach ein bisschen mehr von allem, sondern in jeder Hinsicht eine andere Welt. Volkswirtschaftlich wäre das erst dann denkbar, wenn alle großen Wirtschaftsräume der Welt vergleichbare Anstrengungen beim Klimaschutz durchführen würden. Selbst dann wäre ein solches Ziel schwierig, weil es beispielsweise die unterirdische Lagerung von CO2 (kurz: CCS) und auch Maßnahmen in der Landwirtschaft einschlösse. Maßnahmen also, die heute auf keine ausreichende Akzeptanz in der Bevölkerung stoßen. Aus diesen Gründen halten wir ein 95-Prozent-Ziel heute für unrealistisch.

Bevor wir auf die Details eingehen, gestatten Sie die Frage: Warum legt der BDI eine eigene Studie zum Klimaschutzplan der Bundesregierung vor?

Im Klimaschutzplan 2050 wurden detaillierte Sektorziele vorgegeben, ohne die Folgewirkungen genauer zu beleuchten und zu diskutieren. Es wird zum Teil dezidiert gesagt, mit welchen Technologien die Sektoren, also die Bereiche Industrie, Energie, Verkehr, Gebäude und Landwirtschaft, wie viel Treibhausgas bis 2030 einsparen sollen. Eine solche trennscharfe Vorgabe wird von uns und vielen Stakeholdern kritisiert, denn sie verteuert und erschwert den Klimaschutz. Mit unserer Klimastudie wollen wir Rationalität in die Diskussion einbringen – und unsere fachliche Expertise. Immerhin vertritt der BDI die gesamte Breite der Industrie, das sind mehr als 100.000 Unternehmen mit acht Millionen Beschäftigten.

Wie sind Sie bei der Erstellung der Studie vorgegangen?

Wir haben zunächst die aktuellen Rahmenbedingungen untersucht, mit einem ermutigenden Ergebnis: Würden wir auf Basis der aktuellen politischen Vorgaben so weitermachen wie bisher, würden wir 2050 bereits 61 Prozent der Treibhausgasemissionen einsparen. Diesen 61 Prozent haben wir den Zielkorridor aus dem Klimaschutzplan 2050 gegenübergestellt und das Gap, die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit, analysiert. Die Lücke sind demnach mindestens 19 Prozentpunkte.

Nun zu den Details: Wie kann Deutschland die Zielvorgabe des Klimaschutzplans erreichen?

Die Lücke zwischen den 61 Prozent Einsparung und der von uns als realistisch eingeschätzten Zielvorgabe von 80 Prozent ist groß: Insgesamt werden zusätzliche Investitionen bis 2050 von insgesamt 1,5 Billionen Euro notwendig sein. Diese Investitionen sind für den einzelnen Investor heute nicht attraktiv. Damit die Entscheider – Unternehmer, Autokäufer, Hausbesitzer – der Zielvorgabe folgen und entsprechend investieren, werden deshalb politische Maßnahmen erforderlich sein. Betriebswirtschaftlich muss der Staat dafür Anreize setzen, damit das Einsparziel erreicht wird. Volkswirtschaftlich ist ein solches Ziel mit einer schwarzen Null darstellbar, da unter anderem weniger Energie importiert werden muss.

Welche Rahmenbedingungen müssen hierfür erfüllt sein?

Eine Grundvoraussetzung für das Erreichen unserer Klimaschutzziele ist ein perfekter Carbon Leakage Schutz für die deutsche Industrie. Solange andere Industrie- und Schwellenländer nicht vergleichbare Klimaschutzanstrengungen implementieren ist das zwingend. Eine Priorität deutscher Klimapolitik muss daher sein, internationale Klimaschutzanstrengungen zu festigen und international vergleichbare Rahmenbedingungen zum Klimaschutz zu schaffen. Weitere Variablen in der Rechnung sind etwa die Preisentwicklung bei fossilen Energieträgern und Emissionsrechten sowie die Entwicklung von Schlüsseltechnologien, sog. Game Changer. Das alles lässt sich nicht für 32 Jahre voraussehen oder in Gesetzen festschreiben. Deshalb braucht es dafür ein umfassendes Monitoringsystem der Regierung – mögliche Aufsatzpunkte dafür wären ja bereits vorhanden.

Wo sehen Sie in Deutschland den dringendsten Handlungsbedarf?

40 Prozent der Primärenergie entfallen auf den Gebäudebereich. In der energetischen Sanierung des Gebäudebestandes schlummert ein riesiges Einsparpotenzial, das bisher sträflich vernachlässigt wurde. Es reicht eben nicht aus, nur die Standards für Neubauten immer höher zu schrauben. Die Sanierungsraten, die heute bei 1,1 Prozent pro Jahr liegen, müssen so schnell wie möglich auf mindestens 1,7 Prozent erhöht werden. Berücksichtigt man die Kapazitäten von Handwerkern, müsste man sofort handeln, um eine kontinuierliche Arbeit zu gewährleisten. Ergänzend zu den bestehenden Förderprogrammen müsste die Regierung steuerliche Anreize setzen, die gerade bei privaten Haushalten effektiv wären und den Verwaltungsaufwand klein halten. Der BDI hat dazu mit anderen Verbänden einen Vorschlag gemacht, wonach Immobilienbesitzer 30 Prozent der Sanierungskosten über drei Jahre steuerlich abschreiben können sollten.

In welche Zukunftstechnologien sollten wir investieren?

Die Bandbreite ist in allen Sektoren sehr groß. Im Verkehrsbereich beispielsweise sind die Kosten für die Vermeidung von Treibhausgasen heute sehr hoch und viele emissionsarme Technologien noch in einem jungen Stadium. Solange das Rennen noch offen ist, welche Technologien schnell ihre Kosten senken können, sollten wir zuerst in Innovationen investieren, bevor weitreichende Infrastrukturentscheidungen getroffen werden. Ob beispielsweise im Schwerlastverkehr wirklich eine Elektrifizierung der Autobahnen sinnvoll ist oder obdie Wasserstofftechnologie oder andere Power-to-X Technologien sich durchsetzen werden, sollten wir nicht heute entscheiden; es reicht aus, das Mitte der zwanziger Jahre mit anderem Wissen zu tun.

Welche Steuerungsinstrumente halten Sie für geeignet?

Das zentrale Instrument für die Sektoren Energiewirtschaft und Industrie ist der europäische Emissionsrechtehandel. Er wird für die nächsten Jahre ehrgeiziger und zukunftsfähig gemacht, so dass wir dann jedes Jahr eine CO2-Reduktion von 2,2 Prozent erreichen werden. Für diese beiden Bereiche können wir so allein mit diesem Instrument bis 2050 etwa 87 Prozent Einsparung erreichen. In den Sektoren Gebäude und Verkehr muss man sich verständigen, welche Mischung aus Anreizen und Förderung geeignet wäre, die Reduktion von Emissionen zu verstärken. Ohne mehr politische Anstrengung werden die Investitionen jedenfalls nicht kommen. Technologieverbote wären auch hier kontraproduktiv.

Müssen denn alle Sektoren gleiche Vorgaben bekommen?

Nein, wir gehen aus technischen und ökonomischen Gründen davon aus, dass sich die Sektoren in unterschiedlichen Geschwindigkeiten entwickeln werden und entwickeln sollten. Bei den Prozessemissionen, wo CO2 in der Industrie stofflich verwendet wird – etwa in der Stahl-, Kalk- und Zementproduktion – werden die Reduktionspotenziale geringer sein als in den Querschnittstechnologien. Beim Sektor Landwirtschaft sehen wir ebenso eine eher langsamere Entwicklung.

Der Sektor Verkehr betrifft das Autoland Deutschland in besonderem Maß – was muss hier geschehen?

Wir haben gerechnet, dass für ein 80-Prozent-Reduktionsziel bis 2050 etwa 26 Millionen Elektrofahrzeuge auf den deutschen Straßen unterwegs sein müssten. Gleichzeitig stammte der Energieverbrauch im Verkehrssektor dann immer noch mehrheitlich aus fossilen Quellen. Wohlgemerkt, das ist nur ein mögliches Szenario. Elektrifizierung wird ein Teil der Lösung sein, aber nicht die gesamte Lösung. Wir sollten technologieoffen bleiben und uns nicht unnötig einschränken. Wir werden grüne Technologien weiter entwickeln und benötigen, wie Power-to-Liquid oder Power-to-Gas. Grüne Treibstoffe werden wir brauchen, weil es wohl auch 2050 keine elektrisch betriebenen Großflugzeuge oder Containerschiffe mit Batterien über den Atlantik schaffen werden.

Zudem würde der Strombedarf bei einer vollständigen Elektrifizierung immens steigen.

So ist es. Der Anteil erneuerbaren Energien im Strommix wird ohnehin stark steigen, die Kapazität im Netz wird sich massiv erhöhen. Um die Systemkosten im Griff zu behalten ist es elementar, in Energieeffizienz zu investieren. Zusätzliche Stromnachfrage durch die Sektorenkopplung kann sich so mit Effizienzfortschritten die Waage halten, die Stromnachfrage bliebe weitgehend konstant.. Wir brauchen neben der Stromwende also auch eine Effizienzwende, und zwar über alle Bereiche hinweg: Gebäude, Produktion, regelbare Antriebstechnologien, Beleuchtung sowie smarte, IT-gestützte Systeme – gerade bei einer zusehens volatilen Stromerzeugung, die mehr Flexibilität erfordert. Wenn solch ein Zusammenspiel effizient funktioniert, kann das den Wirtschaftsstandort Deutschland stärken.

Inwiefern könnte der Wirtschaftsstandort Deutschland noch gestärkt werden?

Wenn ich Besuche von ausländischen Delegationen bekommen, zeigen sich die Gäste stets beeindruckt von unserem technischen Fortschritten in Sachen Energiewende. Was die Wirtschaftlichkeit angeht, haben viele noch Zweifel. Wenn wir demonstrieren, dass wir die Energiewende sowohl technisch als auch wirtschaftlich beherrschen, könnten wir weltweit viele Nachahmer finden – mit riesigen Chancen für die deutsche Industrie. Denn wir bauen die Kompetenz auf, ein komplexes Energiesystem der Zukunft sicher zu beherrschen. Unsere Studie zeigt, dass es möglich ist.