„Klimaschutz ist eine Frage des Willens“

Klimasteuerung am PC © Viessmann

Die technischen Voraussetzungen, um die Klimaziele der Bundesregierung zu erreichen, sind bereits vorhanden. Davon ist Max Viessmann überzeugt. Der Co-CEO der Viessmann Group, zuständig für das digitale Geschäft, sagt, wir brauchen smarte Lösungen – und mehr Mut.

Herr Viessmann, Ihr Unternehmen hat als Heizungshersteller angefangen und sich in seiner mehr als 100-jährigen Geschichte immer wieder neu erfunden. Wofür steht Ihr Unternehmen jetzt?

Wenn Sie Menschen hierzulande fragen, welchen Begriff sie am stärksten mit Viessmann verbinden, dann würden die meisten wahrscheinlich „Wärme“ sagen. Das ist auch nach wie vor nicht falsch, aber wir stehen für viel, viel mehr. Wir gestalten Lebensräume für zukünftige Generationen und erweitern unseren Verantwortungsbereich über die reine Bereitstellung von Wärme hinaus. Wir denken Energie ganzheitlich, sowohl in ihrer Erzeugung als auch in ihrer Nutzung. Neben der richtigen Raumtemperatur setzen wir uns auch mit Kühlung, Luftfeuchtigkeit und Luftqualität auseinander.

Ihre Branche steht vor einem großen Umbruch. Wie begegnen Sie den Herausforderungen?

Unsere Produkte und Lösungen werden sich durch digitale Technologien differenzieren, um alle Lebensräume – ganz gleich ob Haus, Stadt oder Planet – für unsere Kinder und Enkelkinder zu gestalten und zu erhalten. Digitalisierung und Energiewende haben einen gewaltigen Impact für uns alle, aber ganz besonders für unsere Branche. Gemeinsam mit unseren Partnern aus dem Fachhandwerk werden wir die damit verbundenen Herausforderungen meistern und neue Wege gehen. Vor uns liegt eine Jahrhundertchance – und wir werden sie nutzen!

Generell steht die deutsche Industrie vor der Herausforderung, die CO2-Emissionen in ihren Prozessen in den kommenden Jahren deutlich zu reduzieren. Ist eine nahezu CO2-freie Industrieproduktion auf dem heutigen Niveau technisch machbar?

Darauf gibt es für mich nur eine mögliche Antwort: Ja! Ein Beweis dafür befindet sich zum Beispiel im Herzen Deutschlands, an unserem Stammsitz in Allendorf (Eder). Mit unserer Nachhaltigkeitsstrategie haben wir hier den Verbrauch fossiler Energien im Vergleich zum Jahr 2005 um 70 Prozent und die CO2-Emissionen um 80 Prozent reduziert – und damit die Klimaziele der Bundesregierung bereits erreicht.

 

„Jedem sollte klar sein: Sie oder er hat die Möglichkeit, einen entscheidenden Beitrag zum Erreichen der energie- und klimapolitischen Ziele zu leisten.“

Wie haben Sie das geschafft?

Das ganzheitliche Konzept basiert auf mehreren Faktoren: Ressourceneffizienz, Klimaschutz und Standortsicherung. Permanente Optimierungen bringen uns dem Ziel einer völligen CO2-Neutralität immer näher. Und auch wenn wir es eigentlich nicht so gerne haben, dass man unsere Innovationen immer mal wieder kopiert – in diesem Fall würden wir uns sehr freuen, wenn andere Unternehmen nachziehen.

Welche Technologien werden benötigt, um diesem Ziel möglichst schnell näher zu kommen?

Da sind wir mit unseren Klimalösungen in einer Situation, in der zum Beispiel die Automobilindustrie gerne wäre: Alle Technologien sind vorhanden, technisch ausgereift und schon heute für die Kunden verfügbar. Schade ist nur, dass dies noch viel zu wenig zu den Bürgern vorgedrungen ist und auch von der Politik nicht den nötigen Stellenwert erfährt. Jedem sollte klar sein: Sie oder er hat die Möglichkeit, einen entscheidenden Beitrag zum Erreichen der energie- und klimapolitischen Ziele zu leisten und damit letztlich zum Erhalt eines lebenswerten Planeten beizutragen.

Und wie gelingt das?

Wenn alle veralteten Heizungsanlagen in Europa gegen moderne und energieeffiziente Technik ausgetauscht würden, könnte allein dadurch der CO2-Ausstoß um 30 Prozent reduziert werden. Klimaschutz ist eine Frage des Willens. Wieviel wollen wir heute für die Generationen von morgen machen, damit unsere Erde lebenswert bleibt.

 

Klimasteuerung am PC © Viessmann

Klimasteuerung am Smartphone © Viessmann

Was sind die größten technologischen Herausforderungen, die noch gemeistert werden müssen?

Wir brauchen mehr Technologieoffenheit und weniger Regulation. Im Gebäudebereich sehen wir nicht nur den größten Hebel zur Reduzierung der CO2-Emissionen, sondern auch das größte Potenzial für zeitnah umzusetzende Maßnahmen. Auch hier gilt es, Hürden abzubauen – je schneller, desto besser für das Klima. Bei der Sanierung des energetisch völlig veralteten Gebäudebestands wäre es allerhöchste Zeit, endlich loszulegen. Das umfassende Klimaschutzpaket der Bundesregierung, das ja noch vor dem Beginn der Corona-Krise verabschiedet wurde, war ein erster Schritt in die richtige Richtung. Aber da muss noch viel mehr kommen – und das so schnell wie möglich.

Wie gehen Sie in Ihrem Unternehmen bei der Reduzierung von CO2-Emissionen vor?

Wir bedienen uns hier eines Erfolgskonzepts, das längst auch von der Bundesregierung zum Erreichen der Klimaziele angewendet wird: die Doppelstrategie aus Effizienzsteigerung und Substitution fossiler durch erneuerbare Energien. In der Viessmann-Energiezentrale setzen wir zum Beispiel unsere eigenen hocheffizienten Systemlösungen ein. Darüber hinaus haben wir sehr wirkungsvolle Maßnahmen zur Senkung des Energieverbrauchs in der Produktion umgesetzt: Dazu zählen zum Beispiel neue, hocheffiziente Maschinen und Anlagen, bedarfsangepasste Regelungen von Pumpen, Antrieben und Beleuchtung und auch eine Wärmerückgewinnungszentrale zur Nutzung der bei den industriellen Prozessen entstehenden Abwärme. Und wir nutzen Biomasse. Die dafür benötigten Pflanzen pflegen und ernten wir auf Feldern rund um unseren Stammsitz.

Welche Auswirkungen wird die Corona-Krise auf das Erreichen Ihrer Ziele haben?

Unser Engagement geht in diesen Tagen weit über das Kerngeschäft hinaus. In einem umgerüsteten Teil der Produktion fertigen wir Beatmungsgeräte, mobile Intensivstationen, Atemschutzmasken und Desinfektionsmittel. Die Entwicklung der Beatmungsgeräte erfolgt in enger Abstimmung mit Medizinern führender Kliniken. Desinfektionsmittel und Atemschutzmasken haben wir bereits an umliegende Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen im Landkreis übergeben. Was mich besonders stolz macht: Sämtliche Ideen kommen aus unserem eigenen Team.

„Wir brauchen mehr Technologieoffenheit und weniger Regulation.“

Nicht nur in Ihrem Unternehmen geht es darum, Emissionen zu reduzieren. Auch Ihre Produkte können unmittelbar dazu beitragen, Emissionen zu senken. Stichwort „Smart Home“. Wie funktioniert das?

Indem wir – etwas überspitzt ausgedrückt – Zukunft und Gegenwart der Technik miteinander verbinden. Wir setzen bei unseren hocheffizienten Produkten wie Wärmepumpen, Gasbrennwertgeräten und Brennstoffzellen auf eine drahtlose Kommunikation. Durch eine intelligente Vernetzung der Produkte lässt sich nicht nur die Versorgerunabhängigkeit oder die Energieeffizienz im Gebäude erheblich steigern, eine vernetzte Energietechnik lässt sich auch optimal an die ganz individuellen Bedürfnisse der Bewohner anpassen. Mit der Übernahme des Start-ups Wibutler sind wir noch einen Schritt weitergegangen. Die Smart-Home-Plattform unterstützt mehrere Kommunikationsprotokolle gleichzeitig. Das System kann mehr als 200 Smart-Home-Geräte führender deutscher Marken miteinander verbinden. Anwender profitieren gleich doppelt: Sie können sich über mehr Komfort in den eigenen vier Wänden freuen. Außerdem sparen sie durch den Einsatz smarter Technik Ressourcen und leisten so einen wertvollen Beitrag zum Klimaschutz.

Wie bewerten Sie die Chancen deutscher Smart-Home-Technologie im internationalen Vergleich?

Ganz ohne Zweifel kann die deutsche Technologie im internationalen Vergleich mithalten. Die Fähigkeiten und die Ressourcen für führende technologische Innovationen sind vorhanden, und nicht umsonst steht Deutschland seit Jahrzehnten für hohe Ingenieurskunst in Top-Qualität. Was uns aber von anderen Ländern wie den USA oder China unterscheidet, ist die „German Angst“, die Zurückhaltung beziehungsweise das Zögern bei wichtigen Entscheidungen oder Maßnahmen. Was uns – gerade heute – fehlt, ist etwas mehr Mut. Um aktuell nicht nur Schritt halten zu können, sondern die Speerspitze der Innovation zu sein, brauchen wir die Bereitschaft, Fehler zuzulassen und Geschwindigkeit Vorrang vor Perfektionismus zu geben.

Was werden die nächsten großen Meilensteine in Ihrer Branche mit Blick auf die radikale Reduktion von Emissionen sein?

Mir liegt eine Sache ganz besonders am Herzen: Der Gebäudebereich muss unbedingt wieder in die Wasserstoffstrategie der Bundesregierung aufgenommen werden, weil er einen gewaltigen Hebel zur Senkung des CO2-Ausstoßes darstellt. Schon heute bieten wir mit unserer gasbetriebenen Brennstoffzellenheizung eine hocheffiziente und innovative Lösung an, mit der nicht nur Wärme produziert wird, sondern die auch die Erzeugung von Netzstrom überflüssig macht. Weiteres großes Potenzial sehen wir in Wärmepumpen, idealerweise in Kombination mit selbst erzeugtem Strom sowie in der Nutzung von Überschussstrom durch thermische oder elektrische Speicherung. Alle diese Technologien sind in der Lage, entscheidende Beiträge auf dem Weg zur vollständigen CO2-Neutralität zu leisten. Wir brauchen nur den Mut, die vorhandenen Technologien einzusetzen und konsequent weitere Innovationen voranzutreiben.

Maximilian Viessmann leitet seit 2017 als Co-CEO das operative Geschäft des 100 Jahre alten Familienunternehmens Viessmann. Dort verantwortet er die digitale Transformation sowie die Climate Solutions des Anbieters von Gebäudetechnik. Er hat den Company Builder WATTx und den Venture Capital Fonds Vito Ventures aufgesetzt. Zuvor war er Berater bei der Boston Consulting Group. © Viessmann