„Wir betrachten den gesamten Lebenszyklus eines Fahrzeugs“

© BMW Group

Die Automobilindustrie steht vor dem größten Wandel ihrer mehr als 100-jährigen Geschichte. Die Abkehr von fossilen Brennstoffen und die Hinwendung zur Elektromobilität ist allerdings nur ein Schritt einer nachhaltigen Entwicklung. Ursula Mathar ist Leiterin Nachhaltigkeit bei der BMW Group. Im Gespräch zeigt sie auf, wie ein global agierender Konzern mit tausenden Lieferanten in aller Welt Nachhaltigkeit ganz praktisch umsetzt und gleichzeitig die mobile Zukunft mitgestaltet. 

Frau Mathar, Nachhaltigkeit ist ein großes Wort. Wie würden Sie den Begriff beschreiben?

Nachhaltigkeit bedeutet, dass wir umweltrelevante und gesellschaftliche Aspekte bei unseren Entscheidungen berücksichtigen. Dafür müssen wir wissen, welche Konsequenzen oder Bedarfe mit verschiedenen Handlungsoptionen verbunden sind. Dieses Wissen muss dazu dienen, dass wir nicht nur nach rein ökonomischen Kriterien entscheiden.

Nach welchen Kriterien entscheiden Sie stattdessen?

Es geht darum, das Ganze im Blick zu haben. Wer nachhaltig agiert, schaut nicht nur auf einzelne Gruppen – also zum Beispiel aktiennotierte Unternehmen lediglich auf ihre Shareholder. Es ist vielmehr ein Stakeholder-Ansatz: Bei Entscheidungen werden sowohl Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten, Anteilseigner und der Finanzmarkt als auch NGOs und die Politik mit einbezogen. Wenn man mit diesen Gruppen schon im Vorfeld einen Dialog führt, kann man die daraus resultierenden Entscheidungen auf eine breite Basis stellen.

Was genau bedeutet Nachhaltigkeit für BMW?

Unser Ziel ist es, der nachhaltigste und erfolgreichste Premiumhersteller zu sein. Dafür brauchen wir ein ganzheitliches Management und müssen konsistent sein. Vor acht Jahren hatten wir uns bis Ende 2020 mehrere Ziele gesetzt, vor allen im Bereich Produktion, bei den Lieferketten, bei Dienstleistern, Mitarbeitern und der Gesellschaft. Fast alle unsere Ziele haben wir bereits erreicht. Aber wir sind damit nicht am Ende: Nachhaltigkeit hat für uns eine sehr hohe Priorität. Wir arbeiten daran, Nachhaltigkeit noch stärker in die gesamte Unternehmensstrategie einzubinden.

 

„Unser Ziel ist es, der nachhaltigste und erfolgreichste Premiumhersteller zu sein."

Wie messen Sie Nachhaltigkeit?

Wie stellen eine gesamtheitliche Betrachtung an – von der Erzeugung, über die Nutzung bis zum Recycling des Produkts. Wir betrachten den gesamten Lebenszyklus eines Fahrzeugs. Bei einem Kriterium wie CO2 schauen wir uns an, wieviel CO2-Emissionen mit der Produktion verbunden sind – nicht nur im eigenen Werk, sondern auch bei allen unseren Lieferanten. Dazu gehört aber auch der Blick auf die Nutzung und das End-of-Life-Recycling. 

Elektro- und Hybridautos gelten als ökologisch und nachhaltig. Für viele Experten ist E-Mobilität nur der Anfang der Mobilitätswende. Stimmen Sie dem zu? 

E-Mobilität ist die jetzt verfügbare Technologie. Die Entwicklung des i3 zeigt, wie wir damit umgehen. Das Modell ist bereits seit 2013 auf den Markt, es war das erste rein batterie-elektrische Fahrzeug von BMW. Beim i3 haben wir erstmalig den gesamten Lebenszyklus betrachtet.

Mit welchem Ergebnis? 

In der Entwicklung gab es die Vorgabe, dass der i3 über den gesamten Lebenszyklus 50 Prozent weniger CO2-Emissionen verursacht als ein vergleichbarer Verbrenner. Und wenn ich den i3 mit Strom aus erneuerbaren Energien fahre, habe ich dieses Ziel auch erreicht. Solche Vergleiche stellen wir auch zu zukünftigen Technologien an. Wenn wir zum Beispiel den 5er als Benziner und als Plug-in-Hybrid vergleichen, dann muss der Hybrid besser sein als der Verbrenner.

 

Der BMW i3 in der Produktion © BWM Group

Der BMW i3 auf der Straße © BMW Group

Können Sie einen Ausblick auf zukünftige Technologietrends geben, an denen BMW arbeitet, wie zum Beispiel den Wasserstoffantrieb?

Erst einmal müssen sich auch neue und weitere Technologien an unseren Zielen messen lassen. Wasserstoffantriebe haben die Herausforderung, dass der Wasserstoff „grün“, also mit erneuerbaren Energien erzeugt werden muss. Eine weitere technologische Hürde besteht beim Wasserstoff darin, dass er im Fahrzeug in elektrische Energie umgewandelt werden muss. Jede Energieumwandlung bedeutet einen hohen Verlust an Energie. Diese Verluste müssen in der Gesamtbilanz ausgeglichen werden. Bis uns das gelingt, ist Wasserstoff eine gute Technologie, um auf langen Strecken große Lasten zu transportieren. Denn hier stoßen batteriebetriebene Elektrofahrzeuge an ihre Grenzen, da entweder größere Batterien benötigt werden oder kleinere häufiger geladen werden müssen. 

Wie setzen Sie Nachhaltigkeit in der Produktion um?

Wir achten bei den für die Fahrzeugproduktion notwendigen Technologien darauf, dass sie sehr energieeffizient sind. Wenn wir zum Beispiel eine neue Lackierstraße bauen lassen, ist Energieeffizienz ein wichtiges Kriterium, denn die Lackiererei ist der größte Energieverbraucher in der Produktion. Das gleiche gilt in der Motorproduktion für das Gießen der Teile. Wir schauen überall, wo wir die größten Hebel haben. 

Welche Hebel sind das?

Wir haben Bereiche wie Energie- und Wasserverbrauch, Abfall, CO2-Emissionen und Abwasser in den Blick genommen. Bei Energie gilt es beispielsweise, effizient zu arbeiten und sie möglichst CO2-arm bereitzustellen. In unseren Werken haben wir daher viele Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen installiert, die mit Erdgas Strom und Wärme erzeugen. Wir setzen dabei auf CO2-freies Gas. In unserem US-Werk in Spartanburg steht uns zum Beispiel Deponie-Gas zur Verfügung. Wenn wir darüber hinaus Strom nutzen, muss dieser grün produziert sein. Es ist unser Ziel, dass wir 2020 weltweit nur noch CO2-freien Strom beziehen – aktuell sind es immerhin schon 87 Prozent.

 

Produktion am US-Standort Spartanburg © BMW Group

Brennstoffzellen in Aktion © BMW Group

Wie verändert sich der Einkauf bei einem nachhaltig agierenden Unternehmen?

Dieses Thema wird immer wichtiger, besonders bei Elektrofahrzeugen. Die Batterieproduktion erfordert einen höheren Einsatz an Ressourcen als bei einem Fahrzeug mit Verbrennungsmotor. Das bedeutet: Bevor der Kunde einen Kilometer gefahren ist, ist der CO2-Rucksack beim Elektrofahrzeug viel größer. Erst bei der Nutzung – nach Möglichkeit mit CO2-freiem Strom – verändert sich die Bilanz über den Lebenszyklus positiv. Dieser Rucksack ist dabei auch mit den Emissionen gefüllt, die unsere Lieferanten verursachen. Daher managen wir das Thema CO2 gemeinsam mit unseren 12.000 Lieferanten. Zudem haben wir für die Einhaltung von Umwelt-, Sozial- und Arbeitsstandards Kriterien entwickelt. Jeder muss die Standards auch in seiner Lieferkette umsetzen. Werden die klaren Anforderungen nicht erfüllt, kann ein Lieferant keinen Zuschlag bekommen. 

Hat der Aspekt der Nachhaltigkeit auch Einfluss auf die verwendeten Rohstoffe?

Ja, deshalb haben wir die Magnete, die seltene Erden benötigen, aus unseren Elektromotoren eliminiert. Ein weiteres Beispiel ist Kobalt, dort sind wir zum Direktbezug übergegangen und beziehen es nicht mehr aus dem Kongo, sondern aus Australien und Marokko. Dieses Kobalt stellen wir den Produzenten unserer Batteriezellen zur Verfügung. Gleichzeitig wollen wir den Kobalt-Erzeugern im Kongo eine Möglichkeit geben, in Zukunft zur Wertschöpfung beizutragen. Deswegen haben wir gemeinsam mit anderen Unternehmen unserer Lieferkette ein dreijähriges Projekt mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) aufgelegt. Wir wollen zeigen, dass Umwelt- und Sozialstandards auch im Kleinstbergbau eingehalten werden können. 

Welche Rolle wird das Auto im Mobilitätsmix der Zukunft spielen?

Unser Geschäft dreht sich rund um das Auto. Wir entwickeln und produzieren ein Produkt für Menschen, die darauf angewiesen sind – oder einfach nur gerne Auto fahren. Wir denken, dass es auch in Zukunft ein Zusammenspiel von verschiedenen Mobilitätsangeboten geben wird. Das Auto wird eine wesentliche Rolle spielen, der Gesamtmix wird sich aber sicher verändern, besonders im urbanen Umfeld.

„Was uns am wenigsten hilft, sind unzufriedene Kunden, die nur im Stau stehen.“

Und wie adressieren Sie den Wandel der Mobilität in Städten? 

In der Stadt leben viele Menschen, die ihr Auto nur selten nutzen, und oftmals ein altes Fahrzeug mit vergleichsweise hohem Schadstoffausstoß fahren. Hier kann man ansetzen. Ein weiteres Thema sind die Parkplatzsucher: In Städten ist locker 30 Prozent des Verkehrs Parksuchverkehr. Wenn man diesen reduziert, verringert man auch die Probleme wie Verkehrsstaus und psychischen Stress. Für beide Themen bieten wir Lösungen: Unsere Your-Now-Dienste bieten Alternativen zum privaten Pkw und zur Vermeidung von Parkplatzsuchverkehr bieten wir entsprechende Informationen in den Navigationssystemen an.  

Torpediert das nicht das eigene Geschäft?

Was uns am wenigsten hilft, sind unzufriedene Kunden, die nur im Stau stehen. 

Inwiefern beeinflusst die aktuelle Corona-Krise Ihren Tätigkeitsbereich bei BMW?

Natürlich müssen wir unseren Arbeitsalltag und die Art wie wir arbeiten anders gestalten. Aber das sind Veränderungen, die es überall gibt. Die wesentlichen Herausforderungen sind geblieben: Wir müssen den Klimawandel begrenzen, unsere Lieferketten nachhaltig gestalten und die urbane Mobilität mit Lebensqualität verbinden.

Ursula Mathar leitet die Hauptabteilung „Nachhaltigkeit und Umweltschutz“ der BMW Group. Die ausgebildete Wirtschaftsassistentin und Apothekerin war zuvor bei der Bayer AG Leiterin der Abteilung „Sustainability and External Reporting“ im Konzernbereich „Umwelt und Nachhaltigkeit“. © BMW Group