Wer frei handelt, gewinnt

Wolkenhimmel mit Kondensstreifen

Grenzenloser Handel verbindet Länder und Waren, aber vor allem die Menschen, die dahinter stehen. © mike1497/pixabay

Wenn man fragt, wofür die deutsche Industrie weltbekannt ist, sagen viele: für den Maschinenbau und ihre Autos. Und natürlich ist das auch richtig. Aber es sind eben nur zwei von vielen Bereichen, in denen die deutsche Industrie stark und konkurrenzfähig ist. Wo Deutschland vom Export profitiert und warum Freihandel allen hilft – eine Aufklärung.

Immer wenn ein Land in einem Bereich besonders gut ist, suchen (und finden meist) dessen Produkte und Dienstleistungen den Weg zu Kunden auch außerhalb der Landesgrenzen. Es ist die Geburt eines neuen Exportschlagers. Die Schweizer exportieren ihre Uhren in die ganze Welt, China Technik und Elektronik und die Vereinigten Staaten sind besonders stark bei Dienstleistungen. Jeder macht, was er am besten kann. So funktioniert der Welthandel, so profitiert jeder von jedem.

Hinzu kommt, vor allem beim Handel zwischen den Industrieländern, der sogenannte intraindustrielle Handel. General Motors exportiert Gasturbinen aus den USA nach Deutschland. Siemens macht das Gleiche in umgekehrter Richtung. Das Handelsprinzip aber ist dasselbe: Produkte und Dienstleistungen werden über Landesgrenzen hinweg gehandelt, weil diese für Kunden im Ausland attraktiv sind. Ganz offensichtlich haben die Gasturbinen von Siemens Eigenschaften, von denen Kunden in den USA überzeugt sind.

Grenzüberschreitender Handel ermöglicht, den Technologievorsprung ausspielen zu können. Davon profitieren die Exporteure, aber genauso die Kunden, weil sie aus der Zunahme der Angebote die für sie passenderen aussuchen können. Vom Handel profitieren also immer mindestens zwei Seiten.

Außerdem: Mehr Handel macht das Produzieren wirtschaftlicher. Wenn ein Maschinenbauer nicht nur wenige Maschinen eines bestimmten Typus herstellt, sondern für einen weltweiten Abnehmerkreis hohe Stückzahlen fertigt, kann er effizientere Produktionsmethoden einsetzen. Er kann Teile normieren und vorfertigen und Arbeitsabläufe automatisieren. Und auf je mehr Produkte sich seine Fixkosten verteilen, desto günstiger kann jede Maschine angeboten werden.

Auch hier profitieren vom grenzüberschreitenden Handel beide Seiten: der Unternehmer, der günstiger produzieren kann, sowie der Kunde, der tendenziell weniger zahlen muss.

Dennoch tun sich Staaten bisweilen mit dem Abbau von Handelsbarrieren schwer, weil mit der Öffnung der Märkte auch Konkurrenz auf den heimischen Markt kommt. In der Summe aber sind die gesellschaftlichen Effekte regelmäßig positiv. Die Zahlen der Welthandelsorganisation WTO belegen: Immer wenn in den vergangenen Jahren der Export wuchs, stieg das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den entsprechenden Ländern. Sanken dagegen die Exportraten, war der Zuwachs beim BIP entweder sehr klein oder schrumpfte gar.

Handelsnation Deutschland

Deutschland hat diesen Zusammenhang schon lange verinnerlicht. Die Globalisierung nicht nur als gegeben hinzunehmen, sondern aktiv zu gestalten, ist eine Haltung, welche unser Land zu einem der größten Exportnationen der Welt gemacht hat.

Heute macht der Export von Gütern und Dienstleistungen rund die Hälfte der deutschen Wertschöpfung aus. Fast jeder vierte Arbeitsplatz hängt vom Export ab, in der Industrie sogar fast jeder zweite. Man kann es auch so sagen: Deutschland gewinnt durch grenzüberschreitenden Handel Arbeitsplätze und stärkt seine Wettbewerbsfähigkeit. Und: Je größer der Freihandelsraum, desto mehr Handel ist möglich. BDI-Präsident Ulrich Grillo mahnt deshalb: „Wir Europäer müssen die Globalisierung gestalten wollen. Wer nur blockiert, verliert.“

Seit Jahren steht Deutschland weit oben auf der Rangliste der größten Handelsnationen. Waren und Dienstleistungen zusammengerechnet sind wir die Exportnation Nummer drei, nur China und die USA verkaufen weltweit mehr Produkte.

Handelsbarrieren

Nun darf man sich allerdings die Warenströme auf dieser Welt nicht wie ein gleichmäßig gewobenes und engmaschiges Netz vorstellen. Im Gegenteil, in zunehmend vielen Regionen der Welt wird zwar auch viel gehandelt, aber es gibt eben auch noch zahlreiche Regionen, in denen kaum Austausch stattfindet.

Die Gründe sind bisweilen trivial:

Die Entfernung zwischen zwei Staaten reduziert tendenziell den Vorteil von Handel. Je länger die Transportwege, desto höher die Transport- und Gesamtkosten. Handel kann zudem auch durch kulturelle Distanz gehemmt sein. Kulturelle Bindung trägt nachweislich dazu bei, dass Staaten Waren und Dienstleistungen tauschen. Nicht zufällig sind die Regionen mit den engsten Handelsbeziehungen der nordamerikanische Kontinent und Europa. Und schaut man auf Länder- und Regionenebene, treiben die USA den meisten Handel mit ihren Nachbarstaaten Kanada und Mexiko, und europäische Hersteller exportieren die meisten Güter in andere Staaten Europas.

Durch die weltweite kulturelle Annäherung und die – dank des technischen Fortschritts – Verringerung der Transportkosten sinken diese Handelsbarrieren kontinuierlich. Gleichzeitig belasten jedoch noch Zölle und eine Vielzahl sogenannter nicht tarifärer Handelshemmnisse den weltweiten Handel nach wie vor. Den Preis zahlen die Konsumenten, in Form höherer Preise und in Form der Nichtverfügbarkeit besserer Produkte und Dienstleistungen.

Das freilich ist keine unveränderbare Gesetzmäßigkeit und nicht nur die Europäische Union hat gezeigt, dass die Schaffung von barrierefreien Wirtschaftszonen möglich ist. In über 600 Handelsabkommen weltweit haben sich Staaten verpflichtet, ihren Handel zu liberalisieren.

Freier Handel heißt aber nicht, dass der Handel ohne Regeln abläuft. Es heißt vielmehr: Die Handelspartner verständigen sich darauf, Barrieren im Handel von Waren und Dienstleistungen abzubauen, teilweise ganz abzuschaffen. Sie verpflichten sich außerdem, Waren und Dienstleistungen der Handelspartner nicht zu diskriminieren, sondern wie inländische Waren und Dienstleistungen zu behandeln. Teilweise öffnen sie auch ihren Markt stärker für Investitionen und öffnen ihre Vergabemärkte. Stellt eine Ware oder eine Dienstleistung eine Gefahr für die Gesundheit von Menschen, Tieren oder Pflanzen dar oder ist sie eine Gefahr für die nationale Sicherheit, können die Partner den Markt auch wieder verschließen.

Handelsabkommen: freier Handel, starke Regeln

Schaut man in die Historie, bekam der Handel in Europa mit dem Zusammenschluss der Staaten des Deutschen Bundes zum Deutschen Zollverein einen enormen Schub. Zuvor mussten fahrende Händler an jeder Brücke und jedem Stadttor Zölle entrichten. Nachdem 1834 die Phase des zollfreien Binnenraums begann, entwickelte sich schnell ein Netzwerk von Freihandelsabkommen quer über Europa. Ohne diese Geschichte wäre der Freihandelsraum der Europäischen Union kaum denkbar.

Handelsabkommen können bekanntlich bi-, aber auch multilateral sein, wie etwa das historisch bedeutsame GATT-Abkommen (General Agreement on Tariffs and Trade), das 1947 am Rande der Konferenz von Bretton Woods als völkerrechtlicher Vertrag zwischen 44 Nationen aufgesetzt wurde und 1994 zur Einrichtung der Welthandelsorganisation (WTO) führte.

Inhalte und Stoßrichtungen der Abkommen haben sich dabei über die Jahre verändert: Früher legten Freihandelsabkommen den Schwerpunkt auf den Abbau von Zöllen. In erster Linie sollten den handelnden Partnern unnötig hohe Ausgaben erspart bleiben. Neue Handelsabkommen der Europäischen Union dagegen, etwa mit Südkorea, Vietnam, Singapur, Kanada und den USA, handeln auch andere Themen ab, die sogenannten WTO-Plus-Themen, also Themen, die auf multilateraler Ebene bislang nicht oder wenig diskutiert wurden. Dazu gehören Wettbewerbsregeln, öffentliche Beschaffung oder auch der Schutz geistigen Eigentums.

Hinzu kommen Investitionsschutzabkommen. Sie beinhalten die Zusage, dass Investitionen von Firmen im Ausland vor politischen Risiken geschützt werden. Eine Fabrik, egal wo sie steht, kann so zum Beispiel nicht einfach von der örtlichen Regierung konfisziert werden. Meist wurden solche Abkommen in der Vergangenheit zwischen zwei Staaten getroffen – und zwar separat von Handelsabkommen. Inzwischen sieht nicht nur die Europäische Union den Investitionsschutz als Bestandteil von Handelsverträgen.

Das neueste Freihandelsabkommen, das gerade verhandelt wird, ist TTIP. Es soll die EU noch stärker mit den USA als Wirtschaftsraum verzahnen. Für BDI-Präsident Ulrich Grillo ist klar: „Ein faires und umfassendes Freihandelsabkommen fördert in Europa Wachstum und Wohlstand.“ Der BDI unterstützt TTIP, weil das transatlantische Freihandelsabkommen großen und kleinen Unternehmen den Marktzutritt erleichtern wird, etwa durch den Abbau von Zöllen oder durch Erleichterungen bei Zertifizierungs- und Testverfahren.

Natürlich darf eine regulatorische Zusammenarbeit zwischen den Staaten weder dazu führen, dass Standards sinken, etwa beim Verbraucherschutz, noch dürfen politische Handlungsspielräume der Europäischen Union und ihren Mitgliedsstaaten eingeschränkt werden. Dafür muss sich Deutschland einsetzen, fordert Grillo: „Wir sollten aktiv die Regeln für den Welthandel von morgen mitbestimmen.“