Mittelstand: „Wir sind die 99,5 Prozent“

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Wer soziologische Mittelschicht mit unternehmerischem Mittelstand verwechselt, kann keine nachhaltige Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik machen. Der Mittelstand schafft – jenseits international nachgefragter Produkte und Dienstleistungen – auch Arbeitsplätze, private Einkommen sowie Aufkommen für Steuer und Sozialsysteme. Er übernimmt in der Förderung von Kultur, Sport und Ehrenamt auch gesellschaftliche Verantwortung. Dafür braucht es Rückenwind auch aus der Politik.

In der Öffentlichkeit entsteht bisweilen der Eindruck, Deutschland bestünde nur aus Großunternehmen. Doch rund 3,5 Millionen Unternehmen zählen laut Institut für Mittelstandsforschung Bonn (IfM) zum Mittelstand. Das sind etwa 99,5 Prozent aller Unternehmen der Privatwirtschaft in Deutschland. Knapp 90 Prozent davon hat ein Jahresumsatz von weniger als einer Millionen Euro. Dennoch beschäftigt der Mittelstand in Summe knapp zwei Drittel aller Arbeitnehmer und bietet etwa 80 Prozent der Ausbildungsplätze an.

Dabei steht der Mittelstand besonders unter Druck. Alle Unternehmen müssen sich wachsendem globalem Wettbewerb, zunehmender Digitalisierung und demografischem Wandel stellen. Aber vor allem den standorttreuen Mittelstand treffen die schwierigen Rahmenbedingungen in Deutschland: das reicht von sehr hohen Energiekosten über ein unattraktives Steuersystem und schwacher Infrastruktur bei Verkehr, Digitalem und Bildung bis hin zu immer mehr Bürokratie und überkomplexem (Umwelt) Recht.

Chancen der Digitalisierung erkannt – Herausforderungen bleiben

Sorgen um Datensicherheit sowie die aufwändige Veränderung von Arbeitsorganisation und Unternehmenskultur hemmen Digitalisierungsprozesse. Um das volle Potenzial in Unternehmen ausschöpfen zu können, braucht es politische Weichenstellungen für Mittelstand 4.0.

Vorrangig gilt es, die digitale Infrastruktur auf- und weiter auszubauen. Bis 2025 müssen Gigabit-Infrastrukturen im Fest- und Mobilfunknetz flächendeckend verfügbar sein. Dies gilt auch für den ländlichen Raum. Die Sicherheit eigner Daten und der IT-Strukturen beschäftigt viele Mittelständler. Effektive Gesetzgebung muss dabei helfen, unberechtigtem Zugriff etwa von Cyberkriminellen, Behörden oder Wettbewerbern verlässlich vorzubeugen.

Eine zentrale Voraussetzung für digitalen Wandel sind gut ausgebildete Mitarbeiter. Gerade der Mittelstand leidet schon heute häufig unter Fachkräftemangel, den die Digitalisierung weiter verschärft. Erste Abhilfe leistet es, Ausbildungs- und Forschungszentren auch in ländlichen Regionen zu erhalten.

Internationalisierung des Mittelstands fördern

Viele mittelständische Unternehmen sind international unterwegs. Ihre Produkte und Dienstleistungen sind weltweit gefragt und genießen einen exzellenten Ruf. Für den Mittelstand ist ein regelbasierter, freier Welthandel eine wichtige Voraussetzung für internationalen Erfolg. Es hilft, wenn bilaterale und multilaterale Freihandelsabkommen tarifäre und nicht-tarifäre Handelsbeschränkungen abbauen und bürokratischen Aufwand im Export reduzieren. Gezielte Außenwirtschaftsförderung, beispielsweise Auslandsmessen oder Exportkredite, helfen beim Zugang zu neuen Märkten. Auch eine politische Flankierung erfolgversprechender Projekte bleibt gefordert.

Insgesamt stammen gut ein Fünftel aller Exportumsätze Deutschlands direkt aus mittelständischen Unternehmen. Als Zulieferer steigt die Bedeutung des Mittelstands weiter. Fast 90 Prozent der mittelständischen Industrieunternehmen sind unmittelbar oder mittelbar ­ über deutsche Kunden ­ im Export aktiv. Besonders repräsentativ für Erfolge des deutschen Mittelstands stehen Weltmarktführer in Nischenmärkten. Rund die Hälfte dieser 2700 „Hidden Champions“ weltweit kommt aus Deutschland.

Europa für Mittelstand erlebbar machen

Viele mittelständische Unternehmen nutzen den EU-Binnenmarkt als Heimatmarkt und Basis für globale Aktivität. Über die Hälfte aller exportierenden Mittelständler verkaufen ins innereuropäische Ausland, viele profitieren in grenzüberschreitenden Lieferketten und Wertschöpfungsverbünden von den Freiheiten im EU-Binnenmarkt.

Gleichzeitig stehen Belange von Mittelstand und Familienunternehmen nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit europäischer Politik. Die Definition für Mittelstand in Europa ist reformbedürftig. Eine moderne Definition ist aber wichtig, um Förderprogramme adäquat ausrichten und Ausnahmeregeln zu Gesetzgebung gezielt formulieren zu können.

Im Interesse des exportorientierten Mittelstands bleibt die Politik aufgefordert, im EU-Binnenmarkt eine stringente Umsetzung, korrekte Anwendung und effektive Durchführung aller Binnenmarktvorschriften in allen EU-Ländern zu sichern. Denn das stärkt Planungssicherheit und senkt bürokratische und finanzielle Belastungen in Unternehmen.

Mittelstand von Regulierungslast befreien

Hohe und weiter wachsende bürokratische Belastung hemmt Investitionen in Innovationen, Wachstum und Arbeitsplätze. Das gilt national, europäisch und vor allem für den Mittelstand. Wichtig ist, Erfüllungsaufwand und Bürokratiekosten von Regelungen zu senken, Genehmigungsverfahren zu beschleunigen und eine leistungsfähige digitale Verwaltung mit verlässlichen Schnittstellen in die Unternehmen zu schaffen.

Mittelständische Unternehmen sind Vorreiter in Sachen Umwelt- und Naturschutz. Sie beweisen, dass industrielle Produktion und Umweltverträglichkeit zusammenpassen. Allerdings gefährden massiv steigende Regulierungslasten die umweltpolitischen Erfolge des industriellen Mittelstands. Die Politik sollte europäische Vorgaben konsequent „1:1“ umsetzen und auf nationale Alleingänge verzichten.