
Die neue China-Realität: Warum Europa Ambivalenz aushalten und handeln muss
Das Verhältnis der deutschen Industrie zu China ist schon lange ambivalent. Gleichzeitig ist es seit Jahrzehnten in ständigem Wandel. Das betrifft auch die emotionale Beurteilung des Landes. China wird gleichzeitig von manchen als existenzielle Bedrohung und von anderen als fantastischer Innovationspartner gesehen. Deshalb lässt sich die Situation nur mit einem Schritt Abstand nüchtern und gelassen beurteilen.
Warum haben sich China und Europa in den letzten 30 Jahren unterschiedlich entwickelt? China ist ein autoritärer Staat, individuelle Freiheit wie wir sie kennen, existiert kaum. Gleichzeitig handelt China aber rational, langfristig und strategisch. Politik und Wirtschaft ziehen an einem Strang, wobei die KP Chinas kapitalistische Ökonomie versteht, pragmatisch anwendet und erfolgreich lenkt. Europa agiert demgegenüber politisch kurzfristig, mit wenig ökonomischem Verständnis in der Politik und nicht zusammen mit der Wirtschaft. Teile der Industrie und der Großteil der Gesellschaft waren gegenüber dem enormen Aufholprozess Chinas lange überheblich. Jetzt befinden sie sich teils in Schockstarre. Das Verhältnis hat sich umgekehrt.
Wachsende geopolitische Spannungen verschärfen die Situation, denn sie führen zunehmend zu handels- und industriepolitischen Interventionen – seitens Chinas und der USA. Der Preis- und Innovationswettbewerb mit China erreicht eine neue Dimension. Schlagwort: China-Schock 2.0. China verfolgt konsequent als zentrales Ziel die wirtschaftliche Unabhängigkeit. Es nutzt dabei strategische Abhängigkeiten, sogenannte Choke Points, zu geoökonomisch forschem Auftreten. Dazu hat sich Chinas Industrie technologisch enorm verbessert und in vielen Bereichen einen sich selbst verstärkenden Innovationskreislauf erzeugt, ein so genanntes Innovation Flywheel.
Das Dilemma: Ökonomische Offenheit und Wettbewerb bleiben unsere Leitprinzipien. Unsere Unternehmen profitieren, wenn auch abnehmend, vom chinesischen Markt. Technische Innovationen entstehen heute häufig in enger Zusammenarbeit mit chinesischen Partnern. Deutsche Unternehmen lernen in Chinas hartem Wettbewerbsumfeld und dynamischen Innovationsökosystem täglich, eine wichtige Voraussetzung für Erfolg in allen unseren Exportmärkten. Aber: Sie sind in China auch Diskriminierung und wachsenden regulatorischen Risiken ausgesetzt. Wir brauchen daher eine an klaren strategischen Leitlinien orientierte industrie- und handelspolitische Reaktion.
Wir werden Ambivalenz im Verhältnis zu China aushalten müssen. Eine Abkoppelung ist kein realistischer Weg. Aber wir können handeln. Vier konkrete Ansätze können wir selbst kontrollieren und verfolgen:
Erstens müssen Deutschland und die EU wettbewerbsfähiger werden. Die Probleme sind bekannt: hohe Lohnstückkosten, hohe Energiepreise, komplexe Regulierung und ein unvollendeter Binnenmarkt. Die Rezepte, um all das anzugehen, liegen längst auf dem Tisch. Jetzt müssen EU-Kommission und Mitgliedstaaten sie endlich umsetzen.
Zweitens müssen wir mit China selbstbewusst in Verhandlungen gehen, um den Exportdruck nach Europa zu reduzieren. EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič führt diese Gespräche derzeit. Das bleibt der Königsweg. Dabei müssen auch Wechselkursverzerrungen eine zentrale Rolle spielen. Mehr Wettbewerbsfähigkeit wird nicht reichen, weil wir strukturellen Marktverzerrungen und Sicherheitsrisiken in strategischen Schlüsselbereichen ausgesetzt sind. Die deutsch-französische Initiative ist ein wichtiger Beitrag für eine geeinte europäische Position. Der Vorschlag im jüngsten Papier eines „Reaktionsinstruments“ zur effektiven Abschreckung wird dem machtpolitischen Umfeld der EU gerecht.
Drittens müssen wir die Abhängigkeit von China bei kritischen Rohstoffen wie Seltenen Erden senken. Hier stehen die Unternehmen zunächst selbst in der Verantwortung und sind dabei noch lange nicht am Ziel. Diversifizierung, mehr Recycling und strategische Vorräte kosten Geld. Noch teurer wären jedoch dauerhafte gefährliche Abhängigkeiten.
Zugleich braucht es für mehr Resilienz ein Zusammenspiel von Politik und Wirtschaft. Die EU und Deutschland investieren bisher viel zu wenig, um unabhängiger von chinesischen Rohstoffen zu werden. Das Defizit an Strategiefähigkeit in der Politik zeigt sich auch hier. Wir müssen dort strategische Vorräte anlegen, wo Importabhängigkeiten absehbar unvermeidbar bleiben. Jedoch ist China bei einigen Schlüsseltechnologien auch von uns abhängig. Diesen Hebel sollte die EU in Verhandlungen nutzen – auch zum Rohstoffzugänge zu sichern.
Unsere Risiken senken wir zudem durch neue Allianzen für regelbasierten Handel. Die EU sollte stärker als bisher pragmatische Freihandelsabkommen verfolgen.
Viertens müssen wir uns darauf vorbereiten, dass Dialog allein nicht ausreicht. Das ist problematisch, aber die EU muss Handelsschutzinstrumente wirksamer einsetzen können. Konkret müssen Instrumente gegen Dumping und unfaire Subventionen schneller, unbürokratischer und einheitlicher greifen. Betroffene Industrien müssen vor dem Einsatz von Instrumenten eng einbezogen werden. Ausgleichszölle sind kein Protektionismus, sondern stellen Wettbewerbsgleichheit wieder her.
Zugleich muss sich die EU neue Schutzinstrumente offenhalten. Dabei müssen die Vor- und Nachteile möglicher Instrumente wie Local-Content-Auflagen, Zollkontingente, sektorweite oder allgemeine Zölle sorgfältig gegeneinander abgewogen werden.
Falls die EU schärfere Schutzinstrumente anwendet, wird China wahrscheinlich darauf antworten. Die EU muss dann zwingend geschlossen bleiben. Auch der deutschen Industrie ist bewusst, dass Passivität langfristig wirtschaftlich wesentlich teurer und sicherheitspolitisch unverantwortlich wäre.
Es wird keine Rückkehr in die Zeit geben, in der EU vor allem vom chinesischen Absatzmarkt profitierte. Ebenso wenig wird China seinen Exportdruck von selbst verringern. Gleichzeitig ist China für die deutsche Industrie in vielen Bereichen wichtiger Innovationspartner und Lieferant.
Die EU muss den Dialog mit China weiterführen, aber auch ihre wirtschaftlichen Interessen entschlossen verteidigen. Das ist kein Widerspruch, sondern die Antwort auf die neue Realität.
Anmerkung: Der Artikel ist als Gastbeitrag am 20.10.2026 auf Welt.de veröffentlicht worden.
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