
Stärkung von Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum angesichts der Weltlage umso notwendiger
Meine Damen und Herren,
die Hannover Messe zeigt jedes Jahr die Leistungsfähigkeit unserer Industrie.
Sie zeigt Innovationskraft, Ingenieurskunst und Unternehmergeist.
Aber sie zeigte in den vergangenen Jahren regelmäßig, unter welchem Druck diese Industrie steht. Erste Eindrücke aus Gesprächen gestern und heute zeigen: dieser Druck besteht weiter – und wächst.
Geopolitik erhöht Kosten und führt zu Unsicherheit
Die geopolitische Lage hat sich zuletzt deutlich verschärft. Der Krieg im Nahen Osten hat die Weltwirtschaft – und damit uns – an einem besonders empfindlichen Punkt getroffen. Die Auswirkungen bleiben spürbar: gestiegene Preise für Öl, Gas und Strom, Preissteigerungen als Zweitrundeneffekt auf breiter Front, neue Risiken für Lieferketten und dadurch eine zusätzlich erhöhte Unsicherheit bei Investitionen. Umleitungen im Luftverkehr und höhere Logistikkosten kommen hinzu und belasten Unternehmen. Investitionen werden verschoben, Planungen vertagt.
Auch bei einem sofortigen Ende des Konflikts würde die spürbare Belastung der Weltwirtschaft bleiben: Das Wirtschaftswachstum wird gedämpft: weltweit schätzen wir den Effekt ein auf bis zu 0,3 Prozentpunkte weniger Wirtschaftswachstum, für den Euroraum auf rund einen halben Prozentpunkt.
Die Inflation dürfte weltweit und auch im Euroraum um knapp einen Prozentpunkt zulegen. Dauert der Konflikt noch mehrere Wochen oder Monate an, werden die Auswirkungen zunehmend unkalkulierbar, die Energiepreise werden sicher weltweit noch stärker anziehen. Dies könnte das weltweite Wachstum empfindlich treffen und den Euroraum in die Stagnation zurückfallen lassen.
Im Falle eines baldigen Konfliktendes sind die Belastungen kalkulierbarer – aber sie treffen die Industrie in einer ohnehin fragilen Lage.
Industriekonjunktur: kein Durchbruch in Sicht
Wie ist die Lage der Industrie in Deutschland? Die Produktion liegt hierzulande weiterhin deutlich unter früheren Niveaus. Wir rechnen für 2026 statt mit einer soliden Erholung vor dem Krieg nun mit einer Stagnation gegenüber dem Vorjahr. Damit bewegen wir uns seitwärts, nicht aufwärts. Relativ fallen wir weiter zurück, denn alle um uns wachsen. Die hohen staatlichen Investitionen aus dem Sondervermögen und im Verteidigungssektor stützen die Nachfrage, reichen aber alleine für einen spürbaren Aufschwung nicht aus. Der Irankrieg sorgt dafür, dass der erhoffte Aufschwung weit in das zweite Halbjahr oder komplett ins Jahr 2027 verschoben wird.
Im Jahr 2025 ist die Industrieproduktion um 1,5 Prozent zurückgegangen. Der Jahresauftakt war schwach. Immerhin belebte sich das Exportgeschäft ein wenig. Fraglich ist, ob sich das über die nächsten Monate fortsetzen kann.
Die längerfristige Entwicklung ist dramatisch: seit 2022 ist die Industrieproduktion jedes Jahr gesunken. Damit ist Deutschland im internationalen und europäischen Vergleich weiter zurückgefallen: Die globale Industrieproduktion ist im Jahr 2025 um über 3 Prozent im Vorjahresvergleich gestiegen. Auch im Euroraum stieg die Industrieproduktion im Vorjahresvergleich mit 1,4 Prozent, ebenso wie in den USA und Japan.
Eine nachhaltige Erholung ist angesichts der Auslastung im ersten Quartal 2026 nicht zu erwarten: Die Produktionskapazitäten der Industrie waren zuletzt nur zu gut 78 Prozent ausgelastet – über fünf Prozentpunkte weniger als im langjährigen Durchschnitt. Die Auslastung liegt damit elf Quartale in Folge unterhalb des langjährigen Durchschnitts – so lang wie noch nie.
Und auch die Industrieproduktion ist in den ersten beiden Monaten 2026 erneut gesunken – um ein Prozent im Vergleich zu Vorquartal. Diese abstrakte Zahl hat konkrete Folgen: Maschinen stehen still. Kapazitäten bleiben ungenutzt. Unternehmen und ihre Beschäftigten geraten unter Druck, Beschäftigung wird abgebaut und Insolvenzen nehmen zu.
Ein kleiner Lichtblick sind die Auftragseingänge, die sich im vierten Quartal 2025 belebt haben: Auch wenn man einige Großaufträge herausrechnet, die das Bild verzerren, beträgt das Plus noch 1,9 Prozent.
Der Wachstumsschwäche liegen gravierende strukturelle Probleme zugrunde, die unsere Wettbewerbsfähigkeit massiv beeinträchtigen.
Die Kosten am Standort, ein Aggregat aus Lohnstückkosten, Lohnnebenkosten, Steuerlast, Bürokratielast, und Energie, sind schlicht zu hoch. Wir sind als Standort nicht mehr wettbewerbsfähig.
Deutschland muss jetzt handeln.
Strukturreformen dringend gesucht: schnell, entschlossen, ganzheitlich
Die Bundesregierung hat umfassende Strukturreformen wiederholt angekündigt. Bislang wird sie ihren vollmundigen Ankündigungen nicht gerecht.
Was nach dem Koalitionsausschuss vergangenen Montag verkündet wurde, ist enttäuschend, mutlos und geht am Thema vorbei. Es ist im Wesentlichen eine Reaktion auf den Irankrieg, nicht ein Reformkonzept für mehr Wettbewerbsfähigkeit.
Die Bundesregierung und auch alle anderen beteiligten Akteure - über föderale Ebenen und Parteigrenzen hinweg - müssen sich bis zum Sommer auf ein Reformpaket einigen, das als Gesamtkonzept alle der genannten Felder adressiert und dadurch Wachstumskräfte entfesselt.
Der Wirtschaftsstandort steht stärker unter Druck als jemals zuvor seit Gründung der Bundesrepublik. Die geopolitischen Entwicklungen stellen uns zusätzlich vor enorme Herausforderungen. Sie sind aber nicht die Ursache, sie verschärfen die Lage nur. Die Ursache liegt bei uns. Gerade deshalb muss die Regierung jetzt Einigkeit und Handlungswillen beweisen. Nur mit tiefgreifenden Strukturreformen im eigenen Land können wir langfristig unsere Wachstumsschwäche überwinden.
Die durch den Krieg verursachten Preissteigerungen sind eine zusätzliche Belastung. Aber einen solchen Schock kann man nicht mit Steuergeld oder Bonuszahlungen abfedern, denn das führt zwangsläufig zu mehr Inflation. Der Staat kann weder Bürger noch Unternehmen gegen jeden externen Schock versichern. Die einzige Versicherung ist eine wachstumsorientierte Politik, die durch Entlastung auf breiter Front Investitionen ermöglicht.
Notwendig hierfür ist auch Senkung der Körperschaftsteuer und des Thesaurierungssatzes ab 2026 sowie steuerliche Investitionsanreize, etwa durch eine dauerhafte degressive Afa oder eine Ausweitung der Forschungszulage.
Genauso wichtig ist der Arbeitsmarkt.
Arbeitskräfte werden strukturell knapper. Das bremst die Wirkung staatlicher Investitionsprogramme. Deshalb müssen die Arbeitskosten gesenkt werden und die Produktivität gesteigert.
Entscheidend wird die Reform der Sozialversicherungen, um Lohnzusatzkosten zu begrenzen und Fehlanreize zu vermeiden.
Wichtige Instrumente sind eine höhere Erwerbsbeteiligung von Älteren und Frauen, bessere Qualifizierung, flexiblere Arbeitsmärkte – und eine Kopplung des Rentenalters an die Lebenserwartung.
Und schließlich geht es um einen modernen, effizienten und schlanken Staat. Staatsmodernisierung darf kein unkonkretes Schlagwort bleiben. Deshalb brauchen wir ein Reformpaket, das alle föderalen Ebenen einbezieht. Ohne abgestimmtes Vorgehen bleiben Reformen im Föderalismus wirkungslos. Die Wirkung der teils grotesken Überregulierung auf Unternehmen ist gewaltig, denn sie verlangsamt viele Prozesse, kostet Arbeitszeit und Geld und hat zudem auch gravierende Auswirkung auf die Psychologie in den Unternehmen. Das Unternehmerische Handeln wird verhindert.
Was wir stattdessen brauchen, ist eine Ermöglichungskultur in der Verwaltung: vertrauensbasierte Regulierung, die Verantwortung und Unternehmertum zulässt, statt es aktiv zu unterbinden. Praxistaugliche Instrumente sind beispielsweise digitale Verfahren nach dem Prinzip Law as Code das EU Business Wallet. Der Staat muss sich auf seine Kernaufgaben konzentrieren, unternehmerische Freiheit ermöglichen und Bürgern wie Unternehmen mehr vertrauen. Es geht nicht darum, der Gesetzlosigkeit das Wort zu reden. Aus denselben Regeln kann man ein Gefängnis bauen oder einen funktionierenden Staat. Wir machen das erste. Vorschläge, auch vom BDI, liegen auf dem Tisch – das sind kostenlose Wachstumshebel.
Die Hannover Messe zeigt in diesen Tagen einmal mehr, was die deutsche Industrie kann. Die Unternehmen, die ich heute Morgen gemeinsam mit dem Bundeskanzler besucht habe, machen deutlich: Die Industrie in Deutschland lebt und hat ein enormes Potenzial. Sie ist innovativ, leistungsfähig und leistet ihren Teil für einen wettbewerbsfähigen Standort. Hier sehen wir führende Lösungen in Automatisierung, Robotik und angewandter Künstlicher Intelligenz. Wir sehen auch die enorme Wichtigkeit des sogenannten Domänenwissens bei der Anwendung der künstlichen Intelligenz. Dies ist ein enormer Wissensschatz und Vorteil, den wir ausspielen können.
Und auf diese spannenden und beeindruckenden Unternehmen und Entwicklungen freue ich mich in den nächsten Tagen – und wünsche auch Ihnen, meine Damen und Herren, viele interessante Eindrücke und Gespräche.
