
Agenda Einfach Staat
Der BDI hat im Rahmen des Projekts im Sommer 2025 den Expertenkreis Moderner Staat zusammengerufen, um strukturelle Reformen von Staat und Verwaltung voranzutreiben und die Handlungsfähigkeit, Digitaltauglichkeit sowie Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands nachhaltig zu stärken. Er soll mithilfe von erarbeiteten Handlungsempfehlungen die Modernisierungsagenda von Bund und Ländern unterstützen und vorantreiben. Dem Expertenkreis gehören Vertreterinnen und Vertreter aus Staat, Unternehmen und Wissenschaft an. Leitend ist die Überzeugung, dass Staat und Wirtschaft als echte Partner agieren müssen, um Transformation und Wachstum zu ermöglichen.
Dafür entwickelt der Expertenkreis ein integriertes Zielbild eines effizienten, digitalen, bürger- und unternehmensorientierten Staates – mit klaren Zuständigkeiten, weniger Schnittstellenproblemen und einer Ermöglichungskultur, die Behörden größere Auslegungsspielräume und mutigere Entscheidungen erlaubt. Dazu gehören ein langer Atem und echte politische Ambition – es können nicht nur einfache Schritte gegangen werden.
Der Expertenkreis Moderner Staat des BDI empfiehlt daher:
Einfach Staat - 1. Kapitel

Bürokratie kostet die Wirtschaft viel Zeit und Geld. Sie behindert Unternehmensübergaben und Existenzgründungen, sie hemmt Investitionen in Menschen, Maschinen und Geschäftsmodellen. Das Maß an Bürokratie entscheidet mit darüber, wie Deutschland und Europa als Standort im internationalen Wettbewerb erlebt und bewertet werden. Erfreulich ist, dass der Nationale Normenkontrollrat (NKR) in seinem Jahresbericht 2025 der Bundesregierung erstmals einen deutlichen Rückgang beim jährlichen Erfüllungsaufwand bescheinigt. Im Berichtszeitraum (Juni 2024 bis Juli 2025) sei dieser insgesamt um rund 3,2 Mrd. Euro gesunken. Davon entfiel knapp eine Mrd. Euro auf den Erfüllungsaufwand für die Wirtschaft. Gleichwohl bleiben die Belastungen insgesamt auf zu hohem Niveau: 64 Mrd. Euro Bürokratiekosten pro Jahr und 13,2 Mrd. Euro zusätzlicher Erfüllungsaufwand seit 2011 zeichnen ein deutliches Bild: Um eine tragfähige Trendwende beim Bürokratieabbau und bei der Staatsmodernisierung zu erreichen, sind jedoch weitere grundlegende Änderungen nötig.

Überflüssige Regulierung und unnötige Komplexität müssen zugunsten von mehr Vertrauen, mehr Haftung statt Vorsorge auf den Prüfstand. Es bedarf einer Weiterentwicklung der Bürokratiebremse (one in–one out zu one in–two out) unter Abschaffung der bestehenden Ausnahmen sowie konkrete Netto-Abbauziele (darunter zählen u. a. Berichts-, Dokumentations- und Statistikpflichten). Ganze Gesetzesbereiche (auch bestehende Regulierung) und Verfahren müssen ressortübergreifend evaluiert, neu gedacht und im Paket verbessert werden. Hierbei müssen flächendeckend und ressortübergreifend Praxis-, Bürger-, KMU- und Digitalchecks zum Einsatz kommen, um Praxiswissen einzubinden und möglichst großen Bürokratieabbau zu erreichen. Die Verhältnismäßigkeit von Kosten und Nutzen ist dabei als Instrument für die Bewertung absolut geeignet. Aktuell ist das Verhältnis aus der Balance geraten. Die hohen Kosten übersteigen den Nutzen. Für ein ausgewogeneres Verhältnis braucht es u. a. ein Verbot von Gold-Plating, mehr Pauschalierungen, Ziel- anstatt Wegvorgaben und Experimentierräume. Das erfordert vor allem politischen Mut, klare Ziele und hohes Tempo auf allen Ebenen, um diese bürokratischen Entlastungen in der Praxis spürbar zu machen und Wettbewerbsfähigkeit zum Nulltarif zu erzeugen.
Einfach Staat - 2. Kapitel

Die deutsche Verwaltung steht vor einer enormen Herausforderung: Überkomplexe Regelungen und fehlende Digitalisierung führen zu überkomplexen Verfahren und eine stetig wachsende Aufgabenlast führt zu Überforderung und Verzögerungen. Die Vielzahl an Prüfungen, Nachweisen und Koordinationspflichten ist für Behörde und Projektbetreiber kaum noch zu bewältigen. Das Ergebnis sind langwierige Verfahren, Rechtsunsicherheiten und eine spürbare Fortschrittsbremse für dringend benötigte Industrie-, Infrastruktur- und Energieprojekte.
Die Ursachen liegen nicht allein im Verfahrensrecht, sondern vor allem im materiellen Recht. Über Jahre hinweg ist ein Anspruchsniveau entstanden, das höchste Standards in allen Fachbereichen zusichert, unabhängig davon, ob diese Anforderungen für die behördliche Entscheidung tatsächlich relevant sind oder einen materiellen Beitrag zum Umwelt- oder Gesundheitsschutz leisten. Statt Priorisierung oder Bereinigung werden diese Vorgaben regelmäßig abgearbeitet, was zu einer kaum mehr handhabbaren Komplexität führt. Die Folge: Doppelprüfungen, umfangreiche Umweltuntersuchungen mit tausenden Seiten Dokumentation, wiederholte Öffentlichkeitsbeteiligungen und eine hohe gerichtliche Kontrolldichte.

Die bisherigen Planungsbeschleunigungsgesetze haben daran wenig geändert. Sie adressieren vor allem das Verfahrensrecht, während die Hauptursachen für lange Verfahren im materiellen Recht liegen. Die Anforderungen des Umweltrechts sind über Jahrzehnte immer komplexer geworden. Wo prognostisch gesichert kein einziges Individuum einer streng geschützten Tierart zu Schaden kommen darf, kann die Planung eines Windrads gleichwohl nicht schnell und unbürokratisch erfolgen.
Die LNG-Projekte sowie der Fuel-Switch zeigen jedoch: Wenn der politische Wille stark genug ist, lassen sich Verfahren in beispielloser Geschwindigkeit umsetzen. Für eine nachhaltige Beschleunigung in der Breite braucht es jedoch weit mehr als Ausnahmegesetze, es braucht einen grundlegenden Kurswechsel in der Gesetzgebung. Das bedeutet: Wir müssen dringend einfacher werden. Doppelprüfungen müssen konsequent reduziert, die Verfahren vollständig digitalisiert, der Prüfumfang auf ein praxisgerechtes Maß begrenzt und Aufgaben dort gebündelt werden, wo sie am effizientesten erledigt werden können.
Nur so können Investitionen schneller umgesetzt, Innovationspotenziale genutzt und die Verwaltung wieder handlungsfähig gemacht werden. Die Verantwortung liegt beim Gesetzgeber: Für den großen Wurf muss der Kern des Problems angegangen werden – eine praxisgerechte vertrauensbasierte Gesetzgebung, die Beschleunigung ermöglicht, ohne die Grundprinzipien des Rechtsstaats und des Umweltschutzes zu gefährden. Das Misstrauen der Politik gegenüber der Wirtschaft muss einem Vertrauen weichen, das Ziele definiert, jedoch keine Wegbeschreibung vorgibt und Eigenverantwortung zulässt. Freiheit bedeutet dabei nicht, sich verwalten zu lassen. Unternehmen müssen auf Eigeninitiative setzen dürfen. Wir brauchen bessere Gesetzgebungsprozesse, die vertrauensbasierte Regelungen hervorbringen.
Einfach Staat - 3. Kapitel

Die digitale Transformation der Verwaltung kommt voran, bleibt aber hinter den Erwartungen zurück. Von insgesamt 579 Verwaltungsleistungen sind derzeit rund 349 online verfügbar, davon 165 flächendeckend in allen Kommunen. Gleichzeitig sind 230 Leistungen nach dem Onlinezugangsgesetz (OZG) noch gar nicht digitalisiert. Besonders nachgefragte Vorgänge wie Elterngeld oder Eheschließung sind zwar teilweise online verfügbar, doch die Nutzung ist gering – nur 13 Prozent der Bürgerinnen und Bürger haben bislang eine Verwaltungsleistung digital beantragt. Die Mehrheit fordert mehr Tempo: 90 Prozent wünschen sich eine schnellere Digitalisierung, und zwei Drittel plädieren für stärkere Kompetenzen des Bundes, um die föderale Umsetzung zu beschleunigen.
Zwar ist die Notwendigkeit einer modernen, digitalen und bürgernahen Verwaltung längst erkannt, doch es scheitert an der Umsetzung: Langsame Prozesse, hohe Bürokratiekosten und eine schleppende Digitalisierung gefährden die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts und das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in die Handlungsfähigkeit des Staates. Die Hälfte der Bürgerinnen und Bürger gibt an, dass mangelhafte oder fehlende digitale Angebote von Behörden sie an der Modernität und Leistungsfähigkeit des Staates zweifeln lassen. Der Staat muss sich daher an den Standards messen lassen, die Bürgerinnen und Bürger aus der digitalen Welt gewohnt sind – andernfalls verliert er weiter an Vertrauen und Legitimität. Unternehmen sind Power-User der Verwaltung – sie interagieren täglich mit einer Vielzahl von Verwaltungsleistungen, von Genehmigungen über Fördermittel bis hin zu Meldepflichten. Gerade für sie ist eine effiziente, digitale und verlässliche Verwaltung ein entscheidender Standortfaktor.

Es braucht eine industriefokussierte und digitalisierte Verwaltung, die sowohl den Anforderungen der Wirtschaft als auch den Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger gerecht wird. Nur so kann der Staat seine Leistungsfähigkeit sichern und als verlässlicher Partner in Krisenzeiten und im internationalen Wettbewerb bestehen. Die Bundesregierung hat mit der Modernisierungsagenda 2025 einen konkreten Umsetzungsplan vorgelegt, um diesen Herausforderungen zu begegnen. Ziel ist ein schneller, digitaler und handlungsfähiger Staat, der Bürokratie abbaut, Prozesse vereinfacht und die Servicequalität deutlich erhöht. Die Agenda umfasst fünf zentrale Handlungsfelder – von spürbarem Bürokratieabbau über bessere Rechtsetzung bis hin zu effizienter Personalentwicklung und Verwaltungsmodernisierung. Mit Hebelprojekten wie dem „Bau-Turbo“, der digitalen Fahrzeugzulassung oder der 24h-Unternehmensgründung sollen sichtbare Fortschritte erzielt werden, die Bürgerinnen und Bürger sowie Unternehmen direkt im Alltag erleben. Ergänzend dazu bildet die föderale Digitalstrategie des IT-Planungsrats den strategischen Rahmen für die digitale Transformation der Verwaltung über alle föderalen Ebenen hinweg. Sie definiert ein gemeinsames Zukunftsbild, legt verbindliche Leitlinien fest und konkretisiert diese in fünf Schwerpunktthemen – von digitaler Infrastruktur über Anwendungen bis hin zu Datennutzung und Informationssicherheit. Ziel ist eine effizientere, krisenfestere und vertrauenswürdige Verwaltung, die durch arbeitsteilige Umsetzung, gemeinsame Standards und nutzendenzentrierte Angebote gestärkt wird. Die föderale Digitalstrategie ergänzt damit die Modernisierungsagenda um die notwendige Koordination und Steuerung im föderalen Mehrebenensystem.


