
In einer Zeit wachsender Unsicherheiten wird Resilienz zu einem zentralen Erfolgsfaktor für Unternehmen. Wie bewerten Sie die aktuellen Risiken für den Industriestandort Deutschland?
Wir erleben derzeit keine klassische konjunkturelle Delle, sondern eine strukturelle Verschiebung des Risikoumfelds. Der Industriestandort Deutschland steht unter einem zunehmenden Druck aus verschiedenen Richtungen: zunehmende geopolitische Spannungen, steigende regulatorische Anforderungen, volatile Energiepreise und strukturelle Themen wie Fachkräftemangel.
Entscheidend ist dabei, dass Risiken heute nicht mehr isoliert auftreten. Sie sind enger miteinander verknüpft und verstärken sich gegenseitig, beispielsweise wenn geopolitische Entwicklungen direkte Auswirkungen auf Lieferketten, Energiepreise oder Investitionsentscheidungen haben.
Deutschland bringt weiterhin starke industrielle Voraussetzungen mit. Aber die Wettbewerbsfähigkeit wird künftig stärker davon abhängen, wie gut Unternehmen diese Komplexität beherrschen und wie konsequent sie Resilienz in ihre Geschäftsmodelle integrieren.
Der TDI stellt Resilienz und Sicherheit in den Mittelpunkt. Welche neuen Risikodimensionen – etwa durch geopolitische Konflikte, Cyberbedrohungen oder Lieferkettenstörungen – beobachten Sie aktuell besonders stark?
Die Risikolandschaft hat sich in den letzten Jahren nicht nur erweitert, sondern in ihrer Struktur grundlegend verändert. Die drei genannten Dimensionen stechen besonders hervor.
Erstens sehen wir eine deutliche Verschärfung von Cyber- und Technologierisiken. Cybervorfälle zählen heute weltweit zu den größten Geschäftsrisiken und betreffen zunehmend die gesamte Wertschöpfungskette von Unternehmen. Gleichzeitig bringt der technologische Fortschritt – etwa durch künstliche Intelligenz – neue Chancen, aber auch neue regulatorische und haftungsrechtliche Fragestellungen mit sich.
Zweitens hat die Bedeutung geopolitischer Risiken deutlich zugenommen. Sie wirken heute wie ein übergeordnetes „Meta-Risiko“, das viele andere Risikofelder beeinflusst, von Energie über Regulierung bis hin zu Lieferkettenstrukturen.
Drittens haben sich Lieferkettenrisiken nachhaltig verändert. Störungen sind keine Ausnahme mehr, sondern treten regelmäßig auf. Viele Unternehmen haben noch keine vollständige Transparenz oder Kontrolle über ihre Lieferketten, was die Verwundbarkeit erhöht.
In Summe bedeutet das: Risiken sind heute vernetzter, dynamischer und schwerer vorhersehbar. Genau deshalb gewinnt ein integriertes, vorausschauendes Risikomanagement entscheidend an Bedeutung.
Versicherung ist ein zentraler Hebel zur Stärkung wirtschaftlicher Stabilität. Wie kann die Versicherungswirtschaft dazu beitragen, Innovationsfähigkeit und Investitionen trotz wachsender Unsicherheiten zu ermöglichen?
Die Rolle der Versicherungswirtschaft geht heute deutlich über den klassischen Risikotransfer hinaus. Versicherung wird zunehmend zu einem aktiven Partner in der Transformation von Wirtschaft und Industrie. Ein zentraler Beitrag liegt darin, Risiken kalkulierbar zu machen. Durch Versicherungsschutz können Unternehmen Unsicherheiten besser bewerten sowie eingehen und schaffen damit die Grundlage für Investitionen, insbesondere in innovative Technologien oder neue Märkte. Gleichzeitig verändert sich das Geschäftsmodell der Versicherungsbranche. Versicherer investieren zunehmend in Prävention, Datenanalyse und Risk Engineering. Ziel ist es, Risiken nicht nur zu versichern, sondern aktiv zu reduzieren und Unternehmen dabei zu unterstützen, widerstandsfähiger zu werden.
Damit wird Versicherung zu einem zentralen Stabilitätsanker: Sie schafft Vertrauen, reduziert Unsicherheit und ermöglicht es Unternehmen, auch in einem zunehmend volatilen Umfeld zu investieren und zu wachsen.