TDI | Kurz-Interview:

3 Fragen an Stefan Wintels, CEO, KfW

Herr Wintels, die deutsche Wirtschaft steckt in einer Krise: Investitionen in Zukunftstechnologien versiegen oder wandern ab. Wie kann Deutschland als einstiger Wirtschaftsmotor Europas wieder auf Touren kommen?

Die deutsche Wirtschaft stagniert de facto seit sieben Jahren und auch in diesem Jahr wird sie voraussichtlich nur zwischen 0,5 und 0,8 Prozent wachsen. Wir bräuchten aber mindestens 1,5 bis 2 Prozent Wachstum, schon allein um die Staatsfinanzen im Gleichgewicht zu halten und unsere Sozialsysteme zu finanzieren. Diese Dramatik scheint Vielen noch gar nicht in ihrer Dimension und ihren Auswirkungen bewusst zu sein. Deutschland braucht dafür jetzt einen Neustart: Wir müssen gemeinsam ein klares Zukunftsbild zeichnen, das unser Land verbindet und wieder Antrieb für Wettbewerbsfähigkeit gibt. Was heißt das konkret? Weniger Bürokratie, damit Investitionen schneller fließen. Mehr staatliche Anreize für Innovationen, eine moderne Infrastruktur, eine gezielte Unterstützung des Mittelstands, der über 85 Prozent der Jobs in unserem Land stellt und eine Skalierung von Wachstums- und Innovationskapital. Wenn wir diese Hebel bewegen, kann Deutschland wieder Fahrt aufnehmen und seine Rolle als Wirtschaftsmotor Europas zurückgewinnen.

Deutschland gilt traditionell als Innovationsstandort. Wie schätzen Sie den aktuellen Stand von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft im globalen Wettlauf um Zukunftstechnologien ein?

Unsere Innovationskraft ist nach wie vor groß. In klassischen Industrien wie Maschinenbau und Chemie sind wir stark. Aber wir müssen um unsere weltweite Position ringen. Im global Innovation Index ist Deutschland zuletzt aus den Top Ten gerutscht. Das zeigt: Dort, wo es künftig entscheidend ist, wie bei der Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz oder Biotechnologie, brauchen wir mehr Tempo und Entschlossenheit. Häufig gelingt der Technologietransfer zu den kleinen und mittleren Unternehmen nicht optimal, und es fehlt Kapital zur Finanzierung des Wachstums. Die Lösung liegt in technologiefreundlichen Bedingungen, einer offenen Haltung gegenüber neuen Technologien, einem robusteren Finanzierungsumfeld und vor allem einem vollendeten europäischen Binnenmarkt. So kann aus Innovation tatsächlich Wertschöpfung entstehen – nicht nur in der Forschung, sondern auch in marktreifen Produkten und wettbewerbsfähigen Unternehmen. Ich würde mir wünschen, dass Deutschland den Anspruch formuliert und konsequent umsetzt, eine TOP3-Hightech-Nation bis 2035 zu sein.

Globale Lieferketten und Versorgungswege gelten immer wieder als Achillesferse des Wirtschaftsaufschwungs. Wie kann Deutschland resilienter gegenüber externen Schocks werden?

Die Unsicherheiten weltweit nehmen zu – wir müssen darauf mit mehr Widerstandskraft reagieren. Das gelingt durch vielfältigere Lieferketten und Zusammenarbeit über verschiedene Sektoren hinweg, etwa im Halbleiterbereich oder der Wasserstoffwirtschaft. Europa und Deutschland sollten enger mit anderen Weltregionen kooperieren, Sektor-Allianzen bilden und die Unabhängigkeit in Schlüsselbereichen erhöhen. Die Politik kann hier viel bewegen, indem sie Rahmenbedingungen schafft, die Investitionen in Infrastruktur und Versorgungssicherheit beschleunigen. Als Förderbank sehen wir uns als Brückenbauer und unterstützen große, innovative Projekte – etwa im Bereich grüner Wasserstoff. Wichtig ist dabei eine ausgewogene, investitionsfreundliche Regulierung. Je agiler und schneller wir dabei sind, desto stärker machen wir Deutschland gegen Krisen und erschließen neue Wachstumsfelder.