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Von der Nordsee ins All: Aufbruch in eine neue Ära der europäischen Raumfahrt

Der Startschuss für eine mobile Startplattform für kleine Trägerraketen in der deutschen Nordsee ist ein historischer Meilenstein. Sie bietet Deutschland und Europa die Chance, im dynamischen Zukunftsmarkt Weltraum weltweit vorn dabei zu sein.

In unserer datenbasierten, digital vernetzten Welt sind wir darauf angewiesen, über die kritische Infrastruktur im Weltraum jederzeit selbst zu bestimmen. Kleinsatelliten und die durch sie generierten und transferierten Daten sind ein entscheidender Schlüssel zum Erfolg. Sie bilden die Grundlage für den Breitbandausbau und die weitere Digitalisierung, für die außen- und sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit und nicht zuletzt für den Umwelt- und Klimaschutz. Katastrophen wie Waldbrände und Überschwemmungen können durch satellitengestützte Anwendungen in Echtzeit registriert und beobachtet werden. Zudem helfen sie uns, unsere knappen Ressourcen sorgsam, umweltgerecht und nachhaltig einzusetzen, beispielsweise durch die zentimetergenaue Ausbringung von Wasser, Saatgut und Dünger auf die Felder.

Bedarf an Kleinsatelliten und kleinen Trägerraketen steigt

Allein bis 2030 werden weltweit knapp 15.200 Satelliten ins All befördert. 90 Prozent dieser Satelliten sind Kleinsatelliten. Diese Entwicklung verändert auch den Bedarf an Trägerraketen. Zukünftig wird es eine Mischung aus großen, mittleren und kleinen Raketen geben. Dabei gewinnt vor allem die Möglichkeit an Bedeutung, kleine Satelliten mit kleinen Trägerraketen, sogenannten Microlaunchern, punktgenau einzusetzen.

Bislang gibt es in Kontinentaleuropa keine Möglichkeit, kleine Satelliten flexibel und zügig in den Weltraum zu transportieren. Für den Start ins All müssen Satelliten aus Deutschland und Europa zu weit entfernten Startplätzen transportiert werden. Eine Startplattform in der Nordsee kann dies ändern. Insbesondere Startups sowie kleine und mittelständische Unternehmen können von dem vereinfachten und flexiblen Zugang ins All profitieren. Die Startplattform stärkt damit das gesamte New Space-Ökosystem in Deutschland und Europa nachhaltig. Die Hebelwirkung eines Startplatzes sollte nicht unterschätzt werden: die Hersteller von Satelliten siedeln sich vorzugsweise in der Nähe von Startplätzen an. Für die Realisierung und den Betrieb einer Startplattform hat sich daher 2020 ein privates Industrie-Konsortium (German Offshore Spaceport Alliance) aus mehrheitlich mittelständischen beziehungsweise familiengeführten Unternehmen gegründet. Ziel ist es, spätestens 2023 Starts aus der deutschen Nordsee durchzuführen.

Startplattform in der Nordsee schafft Unabhängigkeit und neue Chancen für Europa

Die Vorteile einer mobilen Startplattform in der Nordsee sind bestechend: Wichtige polare und sonnensynchrone Orbits können direkt und ohne Kurvenmanöver erreicht werden  – die kleinen Trägerraketen fliegen ausschließlich über Wasser. Transport- und Logistikkosten verringern sich erheblich, weil Satelliten für Starts nicht mehr ins Ausland oder nach Übersee verbracht werden müssen. Exportgenehmigungen in das EU-Ausland entfallen zudem komplett.

Die Startplattform ist somit die entscheidende Systemkomponente, um Kleinsatelliten aus Kontinentaleuropa ins All zu verbringen, zu betreiben und für vielfältige gesellschaftliche, wissenschaftliche und wirtschaftliche Zwecke einsetzen zu können. Sie leistet einen wichtigen Beitrag, um die strategische und digitale Souveränität Deutschlands und Europas auch in Zukunft zu gewährleisten. Sie kann den europäischen Weltraumbahnhof in Kourou für große und mittlere Trägerraketen sinnvoll ergänzen und damit Raumfahrt „Made in Europe“ entscheidend stärken.

Zukunftsmarkt Weltraum

In Deutschland wird oft darüber diskutiert, wie wir Wertschöpfungsketten, von der Idee über die Schraube bis hin zum Endprodukt, in unserem Land erhalten können. Nicht nur deutsche und europäische New Space Unternehmen, sondern die gesamte Industrie würde hiervon profitieren: 76 Prozent der deutschen Raumfahrtunternehmen haben bereits Kunden aus der klassischen Wirtschaft, beispielsweise aus den Bereichen Logistik und Verkehr, der Landwirtschaft, der Versicherungsbranche, dem Energiesektor oder der Pharmaindustrie – mit steigender Tendenz. So lassen z. B. große Industrieunternehmen ihre Infrastruktur aus dem All beobachten, Autohersteller vernetzen ihre Autos via Satelliten und das Internet der Dinge nutzt schnelle Verbindungen aus dem All. Durch die vereinfachte und flexible Startmöglichkeit, die eine Startplattform in der Nordsee bietet, kann Deutschland nicht nur erheblich an Attraktivität für nationale und internationale Investitionen gewinnen, sondern auch am weltweiten Zukunftsmarkt Weltraum ganz vorn dabei sein.

Veranstaltungsrückblick

Videoaufzeichnung der Veranstaltung "Von der Nordsee ins All: Aufbruch in eine neue Ära der europäischen Raumfahrt" vom 6.9.21