Wie steht es um Afrikas Zukunft?

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Afrika gilt heute als zukunftsträchtiger Ort – die Mittelschicht wächst, der Handel boomt und in einigen Ländern steigen die Wachstumsraten überproportional. „Die afrikanische Freihandelszone und Leapfrogging sind riesige Chancen für das Wirtschaftswachstum Afrikas“, sagt Jakkie Cilliers, Vorstandsvorsitzender vom Institute for Security Studies (ISS) in Pretoria, Südafrika. Doch wird das Corona-Virus Afrikas Potenzial für Wohlstand verändern?

Vieles in Afrika wird – wie im Rest der Welt – nach der Corona-Krise nicht mehr so sein wie vor Ausbruch der Pandemie. Die Vereinten Nationen haben die Erwartungen für das Wirtschaftswachstum der afrikanischen Länder revidiert und rechnen statt mit 3,2 jetzt nur noch mit 1,8 Prozent für das Jahr 2020. Die Weltbank geht sogar von einem Schrumpfen der Volkswirtschaften in Subsahara-Afrika um 2,1 bis 5,1 Prozent aus. Das UN-Entwicklungsprogramm (UNDP) warnt davor, dass fast die Hälfte aller Arbeitsplätze in Afrika verloren gehen könnte. Nichtsdestotrotz werden strukturelle Trends bestehen bleiben, auch wenn einige davon durch die Corona-Pandemie beschleunigt oder abgeschwächt werden

„Africa First!“

Im Rahmen des interaktiven Webinars „The Future of Africa - Will the Corona virus change Africa's potential to prosper?" organisiert vom BDI, der Hanns-Seidel-Stiftung (HSS) und dem Institute for Security Studies (ISS) mit über 150 Teilnehmern stellte Cilliers die Ergebnisse seines neuen Buches “Africa First! – Igniting a Growth Revolution” vor. Darin untersucht der Autor, in welcher Lage sich der Kontinent gerade befindet und wo er im Jahr 2040 sein wird, wenn er den gegenwärtigen Weg fortsetzt. Anhand von elf Szenarien stellt Cilliers dar, wie Afrika eine Wachstumsrevolution entfachen kann, um Millionen von Menschen aus der Armut in die Beschäftigung zu führen.

Für eine Wachstumsrevolution sind laut Cilliers vor allem vier Komponenten nötig.

  1. Produktivitätssteigerung der Landwirtschaft: Afrika muss sich auf die Landwirtschaft und die Produktion von Grundnahrungsmitteln für den Eigenverbrauch konzentrieren. Zudem in die Agrarforschung investieren, die Eigentumsrechte auf dem Land stärken und sich auf die ländliche Armut konzentrieren. Wenn es dem Kontinent gelingt, die Durchschnittserträge von 3,7 (2020) auf 6,2 Tonnen pro Hektar (2040) zu steigern, die Anbauflächen und Bewässerung um zehn Prozent zu erhöhen sowie die Verluste nach der Ernte um 15 Prozent zu reduzieren, dann wird es bis 2040 etwa 128 Millionen weniger extrem arme Menschen geben. Das BIP pro Kopf wird um 260 US-Dollar höher und die afrikanische Wirtschaft um 387 Milliarden US-Dollar wachsen.
  2. Industrialisierung der afrikanischen Wirtschaften („Made in Africa“): Es bleibt eine Herausforderung, importierte Industriegüter durch in Afrika hergestellte Güter zu ersetzen. Globale Wertschöpfungsketten haben die Effizienz verbessert und Preise reduziert. Dies macht es für neue Marktteilnehmer schwer, im Wettbewerb zu bestehen. Dennoch bleibt die Industrialisierung ein entscheidender Schritt in der Transformation der afrikanischen Volkswirtschaften. Sie ist der Schlüssel zu langfristigem Wachstum. Mehr Arbeitsplätze im formalen Sektor und ein schnelleres Wachstum wären die Folgen. Notwendig hierfür ist die Einrichtung von Sonderwirtschaftszonen, Erhöhung der staatlichen Ausgaben für Forschung und Entwicklung und den Ausbau der Digitalisierung.
  3. Leapfrogging das Überspringen von Entwicklungsschritten: Im 21. Jahrhundert schreitet die wissenschaftliche Erkenntnis mit hoher Geschwindigkeit voran. Zum Beispiel setzen viele afrikanische Länder statt auf Festnetzanschlüsse direkt auf Mobilfunktechnologie und verwenden Technologien wie Mobile Payment. Das sogenannte „Leapfrogging“ – bei dem Zwischenstufen in der Entwicklung von Technologien bzw. Prozessen ausgelassen werden – wirkt sich positiv auf die Armutsbekämpfung aus. Am meisten kann voraussichtlich der Inselstaat Madagaskar davon profitieren: Die Zahl der in Armut lebenden Menschen im Jahr 2040 kann um 13 Prozentpunkte beim Wachstumspfad sinken. Technologie ist jedoch keine Wunderwaffe für sich allein. Länder müssen in Menschen und Institutionen investieren.
  4. Afrikanische Freihandelszone (AfCFTA): Das Abkommen umfasst insgesamt 1,2 Milliarden Verbraucher und könnte einem gemeinsamen Bruttoinlandsprodukt (BIP) von über zwei Billionen Euro schaffen. Bis 2022 sollen alle Zölle auf Dienstleistungen und 90 Prozent der Produktzölle auf dem Kontinent wegfallen. Afrikas BIP könnte um ein Prozent, die Gesamtbeschäftigung um 1,2 Prozent pro Jahr steigen.Wenn die Freihandelszone richtig umgesetzt wird, kann sie mehr als jeder andere Faktor das Wirtschaftswachstum Afrikas ankurbeln und die extreme Armut langfristig bekämpfen. In afrikanischen Ländern mit niedrigem bis mittlerem Einkommen beispielsweise würde das jährliche BIP pro Kopf um mehr als 1.500 US-Dollar steigen. Bis 2050 könnte die AfCFTA die extreme Armut um mehr als sechs Prozent reduziert.

BDI: Größere Märkte entscheidend für deutsche Unternehmen

Stefan Mair, Mitglied der BDI-Hauptgeschäftsführung, betont ebenfalls die großen Chancen, die die afrikanische Freihandelszone den Unternehmen bietet. „Sie erleichtert langfristig Investitionen und Handel deutscher Unternehmen mit den über 50 afrikanischen Ländern. Denn nach wie vor sind die meisten Nationen – mit Ausnahme von Südafrika, Nigeria und Ägypten – zu klein, um einen attraktiven Markt für deutsche Unternehmen zu bieten.“