Straße von Hormus
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Straße von Hormus – Was sich bei globalen Energieflüssen und Marktstabilität verändert

Die aktuelle Lage in und um die Straße von Hormus wirkt weit über die Region hinaus: Sie erhöht die Unsicherheit an den Energie- und Rohstoffmärkten und stellt Politik, Wirtschaft und Industrie vor schwierige Abwägungen zwischen kurzfristiger Versorgungssicherheit und langfristiger Transformation.

Die Straße von Hormus ist ein zentrales Nadelöhr der weltweiten Energieversorgung. Am 28. April diskutierten Speaker Andreas Goldthau, Toril Bosoni, Tatiana Mitrova und Felix Hüfner mit Carsten Rolle darüber, welche Bedeutung die Seeblockade für globale Energieflüsse und die Stabilität der Märkte hat.

Im Webinar standen vier Perspektiven im Mittelpunkt:

  • Geopolitische Szenarien und die Konsequenzen für Energiepolitik und Energiewende
  • Ölmarkt & Ölprodukte (inkl. Kerosin) sowie die Rolle strategischer Reserven
  • Gas- und LNG-Märkte: kurzfristige Volatilität, mittelfristige Umlenkungen globaler Ströme
  • Makroökonomische Effekte: Wachstum, Inflation und sektorale Betroffenheit in Europa

Andreas Goldthau ordnete die Lage als weiterhin hochgradig instabil ein und betonte, dass eine kurzfristige Lösung derzeit nicht in Sicht sei. Er verwies auf die ausgeprägte Unberechenbarkeit der US-Position – bis hin zu abrupten Änderungen, die sich aus kurzfristiger Kommunikation ergeben können – und zog insgesamt ein ernüchterndes Zwischenfazit. Für den weiteren Verlauf skizzierte er drei Szenarien: (1) ein Einlenken Irans, das er als sehr unwahrscheinlich einschätzte; (2) eine politische „Erfolgserklärung“ der USA mit anschließendem Rückzug aus der Meerenge, wodurch andere Staaten – unter anderem Europa – mit der Bewältigung der Folgen konfrontiert wären; oder (3) ein fortgesetzter Konflikt. In diesem Fall würden Versorgungsprobleme anhalten und die Golfregion ihre Rolle als verlässlicher globaler Energie-Hub nicht rasch wieder einnehmen. Hinweise auf ein aktiveres Eingreifen Chinas sah er nicht. Gleichzeitig warnte er, Europa unterschätze weiterhin die Auswirkungen eines länger andauernden Konflikts auf die Energiemärkte.

Toril Bosoni erklärte, dass die Märkte derzeit eine Knappheit einpreisen, die Einschätzung aber wegen begrenzter, schwer verifizierbarer Informationen erschwert werde, da sich viele Länder in der Kommunikation zurückhaltend zeigten. Sie verwies zugleich auf die stark gesunkenen Exportmengen der Golf-Exporteure – von rund 24 Mio. Barrel pro Tag im Februar auf etwa 10 Mio. Barrel pro Tag – und betonte, dass es Zeit brauchen wird, Ölfelder und Produktionskapazitäten wieder hochzufahren. Zudem werde der Wiederaufbau beschädigter Infrastruktur spürbar dauern, auch weil Ersatzteile und Reparaturequipment knapp sind und es hier zu zusätzlichem Wettbewerb komme, was Zeitpläne weiter verzögern könne. Besonders sichtbar seien die Stresssignale bei Jet Fuel/Kerosin: Europas Bestände stabilisieren sich nur, wenn Ersatzimporte mindestens ~75 % (besser ~90 %) der verlorenen Mengen erreichen; bei nur ~50 % Ersatz drohten bereits ab Juni Engpässe an Flughäfen. Vor diesem Hintergrund seien bereits Anpassungen zu beobachten – u. a. zusätzliche Kerosinimporte aus alternativen Quellen wie Nigeria. Die gezeigten Folien sind hier zu finden.

Tatiana Mitrova machte deutlich, dass selbst bei einer kurzfristigen Wiederöffnung der Meerenge keine sofortige Normalisierung zu erwarten sei; vielmehr würde es Monate dauern, bis die Lieferströme wieder spürbar zunehmen. Europa stehe derzeit unter physischem Versorgungsstress, ein unmittelbarer Zusammenbruch sei jedoch nicht absehbar. Zugleich verwies sie auf die strukturelle Bedeutung Katars, das rund 20 % des globalen LNG bereitstellt – mit Lieferströmen, die überwiegend nach Asien gehen. Europa habe erst im April begonnen, tatsächlich LNG-Mengen aus Katar zu verlieren; bis dahin hätten die Tanker Europa weiterhin erreicht. Die Substitution der fehlenden Mengen gelinge bislang, jedoch warnte sie vor zeitverzögerten Engpässen. Die Preise seien in Europa hoch, aber noch tragfähig; die Beschaffung für den kommenden Winter werde jedoch voraussichtlich besonders schwierig und teuer, da Europa deutlich intensiver mit asiatischen Abnehmern konkurrieren müsse. Europa werde Gas aus allen verfügbaren Quellen benötigen; die Industrie müsse sich auf ein sehr anspruchsvolles Restjahr einstellen.

Felix Hüfner skizzierte die makroökonomischen Effekte steigender Energiepreise. Entscheidend seien Dauer und Höhe des Schocks. Er bewerte die Situation primär als Preis- und weniger als Mengenkrise und arbeite in den Annahmen mit einem Ende nach Juni 2026. Hüfner erwartete, dass Deutschland stärker betroffen sein dürfte als etwa Frankreich; die deutschen BIP-Wachstumsprognosen für 2026 seien bereits halbiert worden. Besonders belastet sei energieintensive Produktion; im Verarbeitenden Gewerbe ergebe sich ein gemischtes Bild, wobei einzelne Werke bereits von Versorgungsstörungen berichteten. Auch im Dienstleistungssektor zeigten sich erste Belastungen. Vergleichsweise robust seien dagegen Bereiche, die mit fiskalischen Ausgaben für Infrastruktur und Verteidigung verbunden sind. Bei der Inflation nannte er 3 % im April und eine Projektion von 3,5 % im Mai, da höhere Energiekosten in weitere Bereiche – etwa die Nahrungsmittelproduktion – durchschlagen.

Übergreifend zeigte sich eine gemeinsame Linie: Maßnahmen sollten zielgerichtet, zeitlich befristet und verhältnismäßig sein; zugleich bleibt die Beschleunigung der Energiewende zentral, um Abhängigkeiten von geopolitisch verwundbaren Routen zu reduzieren.

Ansprechpartner

Dr. Carsten Rolle

Co-Bereichsleiter Energie, Mobilität und Umwelt
BDI e.V.

Freya Onneken

Referentin Energie, Mobilität und Umwelt
BDI e.V.