Detaillierte Nahaufnahme eines Mikrochips auf einem Motherboard
© Sergei Starostin
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Chips Act 2.0: Europas neue Halbleiterstrategie

Die Sicherung technologischer Souveränität gehört zu den zentralen industriepolitischen Herausforderungen Europas. Vor diesem Hintergrund hat die Europäische Kommission ihren Vorschlag für einen Chips Act 2.0 vorgelegt. Der Entwurf soll die europäische Halbleiterindustrie zukunftsfähig aufstellen und ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken.

Mit dem am 03. Juni 2026 veröffentlichten Vorschlag für einen Chips Act 2.0 will die Europäische Kommission die europäische Halbleiterpolitik auf die nächste Stufe heben. Anders als beim ersten Chips Act steht diesmal nicht primär der Aufbau zusätzlicher Produktionskapazitäten im Vordergrund. Die Kommission verfolgt einen umfassenderen Ansatz, der Forschung, Innovation, Nachfrage, Investitionen und Versorgungssicherheit stärker miteinander verzahnen soll.

Der Vorschlag ist Teil des „Technological Sovereignty Package“ und soll dazu beitragen, Europas technologische Souveränität, wirtschaftliche Resilienz und industrielle Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu stärken. Gleichzeitig reagiert die Kommission auf die Erfahrungen der vergangenen Jahre: geopolitische Spannungen, Lieferkettenengpässe, steigende internationale Subventionen sowie den globalen Wettbewerb um Schlüsseltechnologien.

Was sieht der Chips Act 2.0 vor?

Zu den zentralen Elementen des Kommissionsvorschlags gehören unter anderem die Einführung neuer European Semiconductor Technology Initiatives (ESTI) und Strategic Projects als strategische Investitionsprojekte von europäischem Interesse, eine Weiterentwicklung der Chips for Europe Initiative mit stärkerem Fokus auf Technologietransfer, Design-Infrastrukturen und Pilotlinien, sowie ein erweitertes Monitoring von Lieferketten und neue Krisenreaktionsmechanismen.

Insgesamt markiert der Vorschlag damit einen wichtigen Paradigmenwechsel: Weg von einer primär angebotsgetriebenen Industriepolitik hin zu einem stärker am gesamten Halbleiterökosystem orientierten Ansatz.

Wettbewerbsfähigkeit in den Mittelpunkt stellen

Aus Sicht der deutschen Industrie enthält der Kommissionsvorschlag wichtige Verbesserungen gegenüber dem ersten Chips Act. Positiv zu bewerten sind insbesondere die stärkere Berücksichtigung der gesamten Halbleiterwertschöpfungskette, die Einbindung von Nachfrageinstrumenten sowie die Ausrichtung auf resiliente Lieferketten und technologische Souveränität.

Fokus auf europäische Stärken

Die deutsche Industrie unterstützt ausdrücklich die stärkere strategische Priorisierung im Chips Act 2.0. Europa wird im globalen Wettbewerb nicht in allen Technologiebereichen gleichzeitig führend sein können. Deshalb müssen begrenzte öffentliche Mittel gezielt dort eingesetzt werden, wo bereits besondere Stärken bestehen oder ein realistisches Potenzial für technologische Führungspositionen vorhanden ist.

Nachfrage stärken und Innovation beschleunigen

Eine der wichtigsten Neuerungen des Vorschlags ist die stärkere Berücksichtigung der Nachfrageseite. Während der erste Chips Act vor allem auf Produktionskapazitäten fokussierte, sollen künftig sogenannte Demand Accelerators und ein europäisches Demand Forum industrielle Bedarfe systematischer erfassen und bündeln. Gemeinsame Technologie-Roadmaps, Co-Design-Projekte und koordinierte Innovationsvorhaben können dazu beitragen, europäische Technologien schneller in industrielle Anwendungen zu bringen und Investitionsrisiken zu reduzieren.

Auch die geplanten Pilotlinien können einen wichtigen Beitrag leisten, sofern sie konsequent an den Bedürfnissen von Industrie, Start-ups und KMU ausgerichtet werden. Entscheidend wird sein, dass die Industrie frühzeitig und strukturiert in die Weiterentwicklung dieser Infrastrukturen eingebunden wird.

Was noch fehlt

Trotz vieler positiver Ansätze adressiert der Kommissionsvorschlag zentrale Standortfaktoren bislang nur unzureichend. Dazu zählen der zunehmende Fachkräftemangel, dauerhaft hohe Energiekosten, komplexe Genehmigungs- und Förderverfahren sowie fehlende langfristige Finanzierungsperspektiven.

Eine wettbewerbsfähige europäische Halbleiterindustrie entsteht nicht allein durch Förderprogramme. Sie benötigt verlässliche Rahmenbedingungen, ausreichend Fachkräfte, wettbewerbsfähige Energiekosten und eine konsequente Entbürokratisierung.

Ausblick

Damit der Chips Act 2.0 sein volles Potenzial entfalten kann, müssen Wettbewerbsfähigkeit und wirtschaftliche Tragfähigkeit stärker in den Mittelpunkt rücken. Der Erfolg des Chips Act 2.0 wird sich letztlich nicht an der Zahl geförderter Projekte messen lassen, sondern daran, ob Europa dadurch resilientere Lieferketten, innovative Unternehmen und international wettbewerbsfähige Wertschöpfung aufbauen kann.

In den kommenden Monaten werden Rat und Europäisches Parlament ihre Positionen erarbeiten. Mit einer Einigung ist frühestens 2027 zu rechnen, während zentrale Förder- und Investitionsinstrumente, einschließlich des neuen Fonds für Wettbewerbsfähigkeit, voraussichtlich ab der nächsten EU-Finanzperiode ab 2028 zur Verfügung stehen werden.

Ansprechpartner

Lukas Martin

Senior Representative Innovation, Sicherheit und Technologie
BDI e.V.