Druckmaschinen in Heidelberg: Kann der Mittelstand seinen starken Platz in Deutschland und in der Welt behaupten? © Felix Brüggemann

Wo das Herz der deutschen Wirtschaft schlägt

Mittelstand und Familienunternehmen prägen die deutsche Unternehmenslandschaft. Sie machen den Wirtschaftsstandort international wettbewerbsfähig, stemmen den größten Teil der Wirtschaftsleistung und beschäftigen die meisten Mitarbeiter. Zudem bilden sie zukunftsfest aus und tragen erheblich zum Steueraufkommen in Deutschland bei.

Bosch, Sennheiser, Vorwerk – Familienunternehmen gehören für viele zum Alltag. Weniger bekannt sind Kirchhoff, C.D. Waelzholz oder Schubert & Salzer – aber ohne diese Unternehmen führe kaum ein Auto, säße kaum ein Passagier sicher im Flugzeug, würde sich kaum ein Windrad drehen und könnte kaum ein Ski durch den Schnee schneiden. Auch das sind mittelständische Familienunternehmen, die – meist vernetzt mit großen Unternehmen – in ihrer Branche erfolgreich Märkte entwickeln und Werte schaffen. Auch viele der Firmen, die heute an der Börse sind, waren früher familiengeführte Mittelständler, etwa Henkel. Und so manches Großunternehmen ist auf seine eigene Weise in seiner Kultur und Perspektive bis heute Mittelstand geblieben – allemal fühlen sie so.

Mittelstand – was Zahlen definieren

Was genau Mittelstand ist, darüber scheiden sich die Geister. Natürlich gibt es quantitative Definitionen, die aber die besondere Qualität dieser Unternehmen nicht berücksichtigen.

Die Europäische Kommission etwa versteht unter kleinen und mittleren Unternehmen (KMU): Unternehmen mit bis zu 250 Beschäftigten und einem Umsatz von höchstens 50 Millionen Euro oder einer Bilanzsumme von maximal 43 Millionen Euro. Diese Definition wird unter anderem für Vergleiche herangezogen, regelt Zugang zu Förderung aus europäischen Töpfen oder zielt auf Ausnahmeregelungen bei europäischen Vorgaben.

Die deutsche Bundesregierung benutzt den Mittelstandsbegriff flexibler und orientieren sich am Institut für Mittelstandsforschung Bonn. Demnach gehören zum Mittelstand alle Unternehmen mit bis zu 500 Beschäftigten, deren Umsatz 50 Millionen Euro nicht überschreitet. Insgesamt, so sagt die Statistik, bieten mittelständische Unternehmen hierzulande rund 17,2 Millionen Menschen einen rentablen Arbeitsplatz und ein wettbewerbsfähiges Einkommen.

Mittelstand – was den Unterschied macht

Quantitative Zahlen helfen wenig, um die besondere Qualität von Mittelstand und Familienunternehmen zu erkennen. Entscheidend ist nicht zuletzt die Einheit von Eigentum, Verantwortung und Kontrolle. Meist leiten die Eigentümer das Unternehmen selber. Sie halten wesentliche Anteile und haften mit ihrem privaten Eigentum. Klar, dass Firmeneigner daher bestrebt sind nachhaltige Entscheidungen zu treffen, um einen komplikationslosen Generationenwechsel zu schaffen und den Fortbestand des Unternehmens zu sichern. Das ist auch gesellschaftlich relevant, hält es doch Wertschöpfung und Arbeitsplätze vor Ort.

Wer Mittelstand sagt, denkt meist auch an Familienunternehmen. Viele Familienunternehmen gehören zwar zum Mittelstand und immerhin 95 Prozent aller mittelständisch geprägten Firmen sind Familienunternehmen, in denen zwei, höchstens drei Familien mindestens die Hälfte der Anteile halten und auch in der Geschäftsführung sitzen. Allerdings muss nicht jeder Mittelständler ein Familienbetrieb sein.

Mittelstand und Familienunternehmen unter Druck?

Natürlich müssen Mittelständler ihre eigene unternehmerische Erfolgsstrategie finden und umsetzen. Geopolitische Konflikte (etwa zwischen USA und China) oder instabile Entwicklung in Europa (Stichwort Brexit) können Mittelständler nicht selber beeinflussen. Aber auch das gehört zu den Rahmenbedingungen, die auf unternehmerisches Entscheiden wirken. Keine Wunder also, dass viele Unternehmen fragen, wie sie in unsicheren Zeiten ihren Platz in Deutschland, Europa und in der Welt behaupten können.

Es erschwert die Lage in Mittelstand und Familienunternehmen, wenn die deutsche Politik in Bund und Ländern ohne Vision und Strategie für eine erfolgreiche Zukunft ist. Grundsätzlich gilt: gute Ordnungs- und nachhaltige Wirtschaftspolitik ist die beste Mittelstandspolitik. Die deutsche Politik braucht mehr mittelstandspolitischen „Anpack“.

Es gibt viel zu tun, um zukunftsweisende Investitionen, nachhaltiges Wachstum und rentable Arbeitsplätze in Deutschland zu halten. Wo stehen wir etwa bei Forschung, Innovationen, Technologien und Digitalisierung? Wie ist das deutsche Steuersystem im internationalen Vergleich zu bewerten? Wie leistungsfähig sind Infrastrukturen für Verkehr, Digitales und Bildung? Wie ist steigender Fachkräftemangel zu beheben? Wie wirken wachsende Bürokratie und immer komplexere Genehmigungsverfahren auf betriebliche Abläufe und unternehmerische Entscheidungen?

Politik: heute für erfolgreiches Morgen handeln!

Die Politik wird nicht müde, die wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung des Mittelstands lobend zu erwähnen. Recht haben sie. Doch viele Mittelständler sehen das als Lippenbekenntnis in Sonntagsreden und weniger als Handlungsmaxime im politischen Arbeitsprogramm für Montag bis Freitag. Sie erleben, dass auf viele Worte wenig Taten folgen. Sie vermissen Leidenschaft, Verbindlichkeit und Risikobereitschaft, mit denen sie selbst ihren Aufgaben und Geschäften nachgehen. Sie spüren in der Politik allzu selten jenes Unternehmertum, das im Heute handelt und dabei ans Morgen denkt.

Dabei sind es gerade Mittelständler, die Fragen zügig und pragmatisch lösen. Auch in globaler Perspektive. Sie haben das Ohr im Markt, kennen Kunden gut und deren Bedürfnisse genau. Für „think global, act local“ schaffen sie die erforderliche Flexibilität. Es helfen meist sehr flache Hierarchien. Entscheidungswege sind kurz und Kontakte verbindlich. Meist sorgen kreative, engagierte, risikobewusste und geduldige Menschen für Führung in langfristiger Perspektive.

Unternehmertum braucht Freiräume. Aber Freiräume werden zunehmend enger, das Herz der Wirtschaft wird eingeschnürt. Das gefährdet die Gesundheit der Unternehmen, die Sicherheit der Arbeitsplätze sowie die wirtschaftliche und gesellschaftliche Attraktivität des Standorts Deutschland.

Ansprechpartner

  •  Fabian  Wehnert

    Fabian Wehnert

    Abteilungsleiter Mittelstand und Familienunternehmen
    BDI e.V.

    +493020281470
    +493020282470
    F.Wehnert@bdi.eu


    Grundsatzfragen nationaler und europäischer Mittelstandspolitik, BDI/BDA-Mittelstandsausschuss